Wie soll man in einem mehrwöchigen Zweikampf die nächste Partie anlegen, wenn man die letzte gerade verloren hat? Die russische Schachschule empfiehlt für so einen Fall, die Brechstange stecken zu lassen und solide zu spielen, damit sich der wunde Geist beruhigt und neues Selbstvertrauen fasst. Den eingebüßten Punkt sofort zurückholen zu wollen – das geht zu oft schief.

Die Partie zum Nachspielen

Nach diesem Rezept scheint der Russe Sergej Karjakin zu handeln, als er am Samstagnachmittag im Fulton Market Building im Süden Manhattans zur elften Partie gegen den Norweger Magnus Carlsen antritt. Die zehnte Partie hat er unglücklich verloren. Das Match insgesamt steht gleich, 5:5.

Karjakin wählt nach dem Doppelschritt des Königsbauern eine ruhige Variante der spanischen Eröffnung, die ihm einen minimalen Vorteil bei minimalem Risiko einträgt. Freilich ist es in New York so, dass nur noch zwei Partien zu spielen sind. Wenn Karjakin Weltmeister werden will – und deshalb ist er ja hier –, muss er noch einmal gewinnen. Das könnte er bei einem Remis in der elften Runde allenfalls in der zwölften Runde tun.

Carlsen würde die Sache gerne vorher klären. Er versucht alles, die Partie zu verkomplizieren, aber die Stellung gerät nie aus dem Gleichgewicht. Schnell verschwinden die Leichtfiguren vom Brett, zurück bleiben schließlich je eine Dame, ein Turm und ein schwarzfeldriger Läufer sowie ein Bauernkonglomerat im Zentrum. Carlsen gibt einen seiner Bauern her, bekommt dafür einen Freibauern, den er bis auf zweite Reihe vorschieben kann. Noch ein Feld und er hätte eine zweite Dame. Aber daraus wird nichts, weil es im schwarzen Palast zu ungemütlich ist. Sein König steht zu luftig. Wie eine Königin der Winde grüßt Karjakins Dame durchs löchrige Gebälk und kann ihm Schach sagen, wann immer sie will.

Mitdenken, Mitfühlen, Mitfiebern

Also Remis. Die beiden Akteure, das zu Hunderten erschienene New Yorker Publikum, die aus Moskau und Oslo angereisten Fans, die kommentierenden Großmeister, die internationalen Journalisten – sie alle spüren jetzt, in der dritten Woche des Kampfes, eine gewisse Erschöpfung. Während sich Carlsen und Karjakin am Brett verausgabt haben, verausgaben sich die Betrachter und Berichterstatter im Mitdenken, Mitfühlen, Mitfiebern und Mitzittern. Alle wissen, dass am Ende einer gewinnt, und es fühlt sich seltsam an, noch immer nicht sagen zu können, wer es sein wird.

Insofern lässt sich nach der elften Runde ein WM-Fazit ziehen, das durch eine Entscheidung in der zwölften Runde nicht entwertet wird. Magnus Carlsen hat schwach gespielt. Er gewann die zehnte Partie nur durch eine Unachtsamkeit seines Herausforderers. Karjakin trotzte Carlsen neun Remisen ab, mehr als irgendwer zuvor erwartet hatte. Als Angreifer überzeugte er nicht. Die achte Partie gewann er nur durch die Ungeduld Carlsens, der um jeden Preis einen Sieg wollte und dafür mit einer Niederlage bezahlte.

Dieses Fazit erlaubt auch einen Ausblick auf die letzte Runde. Da weder Carlsen noch Karjakin im Vorteil ist, würde es in New York keinen Beobachter wundern, wenn auch die zwölfte Partie remis ausginge. Der Umstand, dass Karjakin die schwarzen Steine führt, spricht nicht dagegen: Denn in seiner Schachkarriere hat er in langen Partien überhaupt nur zweimal gegen Carlsen gewonnen, beide Male mit Schwarz.

Wie ein Elfmeterschießen

Bei einem Gleichstand nach der zwölften Runde kommt es zu einem Stechen, das etwa so spannend und aussagekräftig ist wie im Fußball ein Elfmeterschießen. Es werden zunächst vier Schnellpartien mit einer Grundbedenkzeit von 25 Minuten gespielt. Enden sie mit einem 2:2, folgen zwei Blitzpartien mit einer Grundbedenkzeit von 5 Minuten. Enden die beiden Blitzpartien 1:1, werden weitere zwei Blitzpartien angesetzt und so weiter. Maximal sind fünf mal zwei Blitzpartien zu spielen.

Endet auch das fünfte Mini-Match unentschieden, ist eine letzte Blitzpartie mit spezieller Zeitverteilung zu spielen. Der Spieler mit Weiß bekommt fünf Minuten für die gesamte Partie, der mit Schwarz vier Minuten – dafür genügt dem Schwarzen allerdings ein Remis, um zum Sieger erklärt zu werden.

Wenn es ganz hart kommt, könnte also ein Unentschieden zum Titelgewinn reichen. Zu diesem WM-Kampf würde das passen.

Im WM-Kampf steht es nun 5,5:5,5. Am Montag um 20 Uhr deutscher Zeit beginnt die letzte Runde. Sollte sie unentschieden enden, gibt es am Mittwoch ein Stechen mit mehreren Partien verkürzter Bedenkzeit. Großmeister Jan Gustafsson analysiert die elfte Partie in unserem Kommentar-Video:

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie die Schach-WM, die vom 11. bis 30. November in New York stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Das Schachportal chess24 analysiert jede Partie, wir binden die Videos in die Texte ein. Alles zur Schach-WM finden Sie auf unserer Themenseite.