Im Presseraum der Schach-WM werden zur achten Runde zwei weitere Tische aufgestellt, obwohl es eh schon eng ist. Die Reporter kommen aus den USA, Kanada, Russland, Norwegen, Spanien, den Niederlanden, Österreich, Ungarn, der Schweiz, Deutschland und täglich werden es mehr, denn die Spannung am East River in Sichtweite der Brooklyn Bridge wächst von Runde zu Runde.

Sieben Unentschieden in Serie, darüber klagen alle, aber allen ist auch klar, dass irgendwann irgendwer gewinnen wird und dass dieses Ereignis mehr und mehr an Wucht gewinnt, je länger es auf sich warten lässt.

Magnus Carlsen erscheint an diesem Montag wieder überpünktlich zur Partie, wieder vor seinem Gegner. Als ob er es kaum erwarten könnte, den entscheidenden Schlag zu führen. Mit jeder Faser gibt er zu verstehen, dass er der Weltmeister ist und es auch bleiben will. Bloß der Knock-out fehlt noch.

Allmählich gewinnen die Zuschauer das Gefühl, Carlsen könnte sich selber ausknocken, denn die Unzufriedenheit mit seinem Spiel wendet er zusehends gegen sich selbst. Er tritt nun an, das zu ändern.

Dazu nimmt er an diesem Nachmittag die weißen Steine und eröffnet die Partie auf langsamste Weise. Nach den ersten beiden Zügen mit Damenbauer und Königsspringer vermeidet er alle im Spitzenschach aktuellen Varianten und steuert das betuliche Zukertort-System an, das ältere Herren in Schachvereinen gerne spielen. Erfunden hat es jener Johannes Zukertort, der hier in Manhattan vor 130 Jahren gegen Wilhelm Steinitz die erste Schachweltmeisterschaft ausspielte. 

Carlsen sperrt nach zukertortschem Muster den eigenen Damenläufer ein, egal, erst mal alles decken, schön aufbauen und dann mal gucken. Das ist bei ihm allerdings kein Altherren- oder Angsthasenschach, sondern Kalkül: Er umgeht alle Vorbereitungen Karjakins, um die berühmte "spielbare Stellung" zu bekommen, eine ausgeglichene Position, in der seine Fantasie auf die seines Gegners trifft.

Sergej Karjakin lässt sich von der weltmeisterlichen Zurückhaltung zu nichts verleiten. Er spielt eine stoische Verteidigung, sperrt ebenfalls seinen Damenläufer ein und erreicht eine symmetrische Bauernstruktur, die in der Regel für beschauliche Verläufe sorgt.

Nach der Eröffnung haben sich beide Seiten identisch aufgebaut, nur ist ein weißer Springer aktiver als der schwarze Läufer, der ihm gegenübersteht. Aus dieser kleinen Unwucht versucht Carlsen, Funken zu schlagen. Nachdem Springer, Läufer, Türme und auch die Dame in Stellung gegangen sind, beginnt er im 17. Zug eine mysteriöse Umgruppierung, indem er zwei Figuren wieder auf die Grundreihe zieht, erst die Dame, dann den weißfeldrigen Läufer. "Lavieren" heißt das im Schach und es hat eine große Tradition. Man zieht so herum und wehe, wenn der andere dabei einschläft!

Die Partie zum Nachspielen

Beide verlieren Zeit

Prompt gibt Karjakin ein Kavalleriesignal und schickt einen Springer auf Carlsens König zu. Es ist fast das erste Mal in diesem Turnier, dass eine Figur von ihm in die gegnerische Hälfte vordringt. – Halt, stimmt das wirklich? Na, gefühlt auf jeden Fall.

Als hätte Carlsen nur darauf gewartet, jagt er einen weißen Springer auf den schwarzen Damenflügel. Ist das gut? Frech ist es auf jeden Fall. Karjakin könnte jetzt noch seine Dame auf den weißen König zubewegen, womöglich wäre das vorteilhaft für ihn. Aber das Publikum im Fulton Market Building, das bei Coffee und Cookies jeden Zug auf bereitstehenden Schachbrettern mitverfolgt und diskutiert, sieht sofort: Das wäre ein Himmelfahrtskommando.

Karjakin verschwendet keinen Gedanken daran, er wählt einen sicheren Läuferzug. Carlsen knetet sich richtig hinein in die Partie, verbraucht sehr viel Zeit, findet unangenehme Züge, die Karjakin wiederum verleiten, auch länger zu überlegen. So geraten beide allmählich in Zeitnot, ohne dass die Stellung ihr Gleichgewicht verliert.