In Jeans, Sneakers und weißem Unterhemd stand Tim Wiese da. Haare zurückgegelt wie immer, die Haut vielleicht noch ein bisschen solariumbrauner als sonst. Selbstbewusst wirkt er, ja, aber zwischen den in Lack, Leder und Glitzermasken eingepackten Figuren ist er der unauffälligste Kämpfer des Abends. Vielleicht hatte er ein besonders Kostüm auch nicht nötig, die Aufmerksamkeit richtete sich ohnehin nur auf ihn.

Kampf oder kein Kampf, das ist im Wrestling die Frage. Denn eigentlich steht die Show im Mittelpunkt. Der Verlauf der Kämpfe ist choreografiert, der Sieger festgelegt, der Titel am Ende ein bloßes Stilmittel. Würden die Veranstalter des World Wrestling Entertainment (WWE) den Anfänger gegen etablierte Wrestler gewinnen lassen? Es war kein gewöhnlicher Wrestling-Abend. Die Münchner Olympiahalle explodierte fast vor Spannung, weil Tim Wiese sich zum ersten Mal nach seiner Fußballkarriere wieder vor Zehntausend grölenden Leuten zeigen will. Seine zweite Karriere läuft unter dem Label "The Machine", die Kampfmaschine. Es ist seine neue Rückennummer. Der Niedergang als Fußballer, das Gelächter nachdem er den neuen Karrierewunsch verkündete – alles vergessen. München liebt Wiese.

Frauen? "Ausziehen! Ausziehen!"

Es dauert, bis er kommt. Sechs andere Matches werden vorher ausgetragen. Sie geben einen Vorgeschmack auf Wieses zweiten Karriereweg. Den Anfang macht ein Match mit vier Kämpfern, im Wrestling mit Fatal-Four-Way-Match abgekürzt. In bunt gemusterten Leggings und mit Trompeten und Einhornmasken tritt "The New Day" auf. Unter Jubel und Lachen prügeln, trompeten und twerken sie sich zum Sieg. Es folgt ein Einzelmatch. Schon jetzt hallen "Wiese! Wiese!"-Sprechchöre durch den Raum, sobald es keine spektakulären Sprünge gibt oder sobald die Kämpfer einander nicht zu Boden drücken. In dem Fall zählt das Publikum nämlich mit dem Ringrichter mit: One! Two! Bei drei ist das Match vorbei.

Es sind viele Kinder da, die besonders aufgeregt die riesigen Siegergürtel in die Luft halten, ansonsten ist Wrestling ein Männerding. Kaum eine Frau sitzt im Publikum. Frauen gibt es vor allem als Kämpferinnen im Ring, doch wenn sie dann antreten, singt die Männerhorde: "Hey Baby", brüllt "Ausziehen! Ausziehen!" oder jammert: "Nicht auf das Gesicht! Das schöne Gesicht!"

Das ist verstörend, aber wenig überraschend bei einem Sport, in dem rohe, archaische Männlichkeit nicht nur viel zählt. Diese zu inszenieren ist der einzige Sinn des Wrestling. Es gibt dicke Muskeln, harten Rock und viel Feuer. Deswegen sind an diesem Abend Leute wie der kernige Barde Andreas Gabalier aus Österreich als Zuschauer am Ring. Die Wrestler heißen Golddust, Roman Reigns und Cesaro und sie tragen enge Höschen, auf denen in Großbuchstaben "Brute" steht, wie Brutalo oder Viech. 

Vom Außenseiter zum Witz

Es ist ein perfekter Ort für Männer wie Tim Wiese, der es schon immer liebte, groß und stark zu sein. Bei seinem wichtigsten Spiel, dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Juventus Turin 2006, trug er ein hautenges rosafarbenes Werder-Bremen-Trikot. Er patzte, Werder schied aus, aber Wiese sorgte für die Show. Er war eine Zeitlang einer der besten, mit seinen 1,93 Metern ein unüberwindbarer Schrank im Tor – bis er eines Tages überwindbar war und vom Star erst zum Außenseiter und dann zum Witz wurde. Bis heute ist kaum ein Spieler innerhalb einer Saison so abgestürzt wie Wiese, sinnbildlich stand dafür am Ende seine Mitgliedschaft in der legendären Hoffenheimer Trainingsgruppe 2.

Die Schauspielerin Anne Hathaway sagte, dass männliche Energie schön sei. Sie sei der halbe Grund, warum wir hier seien. "Doch es gibt eine Perversion männlicher Energie, ein Macho-Ideal, das niemandem etwas bringt." Diese Einstellung setzte sich zunehmend auch im Mainstream-Sport durch, vor allem im Fußball. Die Ära der Spieler, die ihr Gegenüber jederzeit hätten umrennen könnten und permanent schauten, als ginge es um Leben und Tod, diese Ära ging mit ihren großen Helden. Michael Ballack, Oliver Kahn und Tim Wiese wurden ersetzt durch schlankere, wendigere und sanfte Typen. Thomas Müller, Mario Götze, Phillip Lahm, die Internatsgeneration, die den Weltmeistertitel holte.

Nur weil sie vom Spielfeld gingen, sind die alten Größen aber noch nicht verschwunden. Tim Wiese beschreitet dabei den schrillsten Weg. Die Trainingsgruppe 2 hinterließ bei ihm eine Lücke, er war noch nicht fertig. Zu süß war der Ruhm, zu eisern der Wille, gefeiert zu werden.