Als der ehemalige Gefängnisinsasse Uli Hoeneß als Präsident von Bayern München zurückkehrte, gab es Buhrufe. Allerdings nicht für ihn, sondern für die 108 Mitglieder des Vereins, die es gewagt hatten, gegen seine Wiederwahl zu stimmen. Die riesige Mehrheit der mehr als 7.000 Mitglieder war dagegen am Freitagabend zur Jahreshauptversammlung in die Münchner Rudi-Sedlmayer-Halle gekommen, um Hoeneß zu unterstützen. Ob man einen Steuerhinterzieher zum Vereinschef bestimmen und damit in den Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft schicken darf, halten sie für eine Frage für preußische Theoretiker. 98 Prozent sind jedenfalls kein schlechtes Ergebnis für einen, der auf Bewährung raus ist.



Aber Hoeneß ist ja nicht irgendein Ex-Häftling, sondern der Mann, der den FC Bayern in Jahrzehnten zur Weltmarke geformt hat, der bedeutendste Manager und Macher der deutschen Sportgeschichte. Dieses Verdienst haben ihm die Mitglieder nicht vergessen. Seine reibungslose, aber stimmungsvolle Wiederwahl war vor allem ein Dank des Volkes an den gütigen Patriarchen.

Der FC Bayern braucht Hoeneß auch als Gestalter der Zukunft. Wirtschaftlich geht es dem Verein blendend. Er macht mehr als 620 Millionen Euro Umsatz im Jahr, zählt mehr als 280.000 Mitglieder. Allerdings ist er zurzeit nur Zweiter in der Champions League wie in der Bundesliga. Das mag wie eine Momentaufnahme aussehen. Doch wenn die Anzeichen nicht täuschen, weist das auf einen Abwärtstrend hin, der auch nicht von heute auf morgen enden wird.



Auf Hoeneß Auftritt war nicht nur der FC Bayern gespannt. Er habe einen Fehler gemacht und bitte um eine zweite Chance, sagte Hoeneß reuig in seiner Bewerbungsrede. "Ich respektiere jeden im Saal, der mir seine Stimme nicht gibt." Offen sprach er von seiner Haft. Er habe oft geweint, sagte er und erzählte von den "fünfeinhalbtausend Briefen", die er in der JVA Landsberg erhalten habe. Von Fans der Bayern, aber auch aus anderen Vereinen. "Das hat mir Mut gemacht." Das erinnerte an Walk the Line, den Spielfilm über das Leben von Johnny Cash. Der saß – laut Film – auch im Knast und ließ sich von Wäschekörben voller Fanpost zu neuen Taten ermuntern.

Hoeneß berührte

Doch wer in dieser Schilderung nur eine Inszenierung sah, lag sicher falsch. Hoeneß rührte die Leute. Man darf den Menschen Hoeneß nicht mit der öffentlichen Figur verwechseln, dem Choleriker mit dem roten Kopf. Wer ihn an diesem Abend reden hörte, bekam eine Idee davon, warum ihn Leute aus dem Verein als Führungskraft mit weichen Fähigkeiten beschreiben. Er hat zum Beispiel Humor. Nach einem der bisweilen folkloristisch anmutenden Statements aus dem Plenum, fast alle von Männern im Bayern-Trikot vorgetragen, griff auch er zum Schwäbischen und trug eine kleine Parodie auf die Menschen aus seiner Heimat vor. Es war ein Jubelparteitag für den "Uli". Ovationen im Stehen, Gratulationen und Geschenke, Sprechchöre: "Uli, du bist der beste Mann!"

Zu seinen Stärken als Manager gehört seine Entschlusskraft. Er spürt Hierarchien, riecht Macht und kann Risiko. Das Gerüst der Mannschaft, die seit 2010 fünf Meisterschaften holte und sechs Mal das Halbfinale der Champions League erreichte, war sein Konstrukt. Franck Ribéry und Arjen Robben, die fast ein Jahrzehnt lang Abwehrreihen knackten, waren seine teuren Einkäufe. Den Kauf Manuel Neuers setzte er gegen den Willen des Trainers durch, den Verkauf Thomas Müllers verhinderte er. Pep Guardiola, den Garanten des Qualitätsfußballs der vergangenen drei Jahre, holte Hoeneß. Er war fast drei Jahre nicht da, doch die Weichen für diese Erfolge hatte er vorher gestellt.