Als Mathias Hänel, der Präsident des Chemnitzer FC, am Montagabend vor rund 1.000 Zuhörern auf der Mitgliederversammlung ans Rednerpult trat, wirkte er kraftlos. Seit 2006 im Amt, hatte er den Verein von der Oberliga zurück in den Profifußball geführt. Jetzt liegt sein Lebenswerk in Trümmern. Die Zahlen, die Hänel präsentierte, waren erschreckend, in der Summe aus dem vergangenem und dem laufenden Geschäftsjahr.

Deshalb droht dem Verein ein Minus von rund 2,1 Millionen Euro. Mit 1,26 Millionen soll die Stadt den Verein nun retten. Geld, das aus der Auflösung eines Pachtvertrages stammt. Dieser regelte die Nutzung des Grundstücks, auf dem das neue Stadion steht, das in diesem Sommer vollständig eröffnet wurde. Bezahlt wurde die Arena von der Stadt – für 27 Millionen Euro.

Dazu soll ein kommunaler Energieversorger und Hauptsponsor ein Darlehen von 1,5 Millionen Euro gewähren. Über dieses Rettungspaket muss der Stadtrat am Freitag entscheiden. Anders droht eine Insolvenz, und damit wäre wohl ein Abstieg in die Oberliga zum Ende der Saison ein realistisches Szenario.

Die Krise hat viele Ursachen, es ist die übliche Mischung. Die Geschichte des Chemnitzer Minus ist vor allem eine Geschichte der Überforderung. Der Vorstand plante schlecht und verrechnete sich beim neuen Stadion. Der Geschäftsführer Sport kaufte falsche und teils zu teure Spieler. Der Aufsichtsrat hielt keine Aufsicht. Der Präsident erkannte die Signale nicht. Die Stadt machte sich abhängig von ihrem Fußballclub. Zudem ist der CFC Leidtragender der schlechten Bedingungen, die der DFB in der dritten Profiliga geschaffen hat.

Immer wieder gehen Fußballvereine der unteren Ligen pleite, immer wieder soll die Politik einspringen. Heute stehen die Stadträte in Chemnitz aber vor einer Wahl, die eigentlich keine ist. Entweder sie gewähren dem Verein das Geld, oder sie sitzen auf einem Millionenbau, der nicht genutzt wird. Mit dem Neubau haben sie sich abhängig gemacht vom sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg des Clubs. Steigt der Verein ab, kann er sich die Pacht dann nicht mehr leisten. Vorwürfe werden laut, dass der Verein das Dilemma des Stadtrats ausnutzt.

Der ehemalige Geschäftsstellenleiter des CFC, Lutz Fichtner, kritisierte im MDR den Verein: "So wie die Verträge von Anfang an angelegt waren, dass der CFC alle Kosten des laufenden Spielbetriebs trägt, konnte es nicht funktionieren. Es gab eine Beratung, wo gesagt wurde: Erst einmal muss man es bauen, und dann muss man sehen, ob man es notfalls so macht wie Dynamo Dresden."

Lukrative Testspiele fielen aus

Mehrfach hatte die Stadt Dresden Dynamo finanziell geholfen, Mieten gestundet oder ein Darlehen ausgereicht. Auch in Rostock, Kaiserslautern und vielen anderen Städten griffen die Steuerzahler klammen Vereinen unter die Arme. Erst am Mittwoch informierte der Ligarivale FSV Zwickau über eine Etatlücke von 410.000 Euro. Auch hier wird am Ende wohl die Stadt helfen.

In einer Stellungnahme wies der Chemnitzer FC Fichtners Behauptungen zurück. Präsident Hänel gab aber zu, dass Verträge mit Dienstleistern, etwa für Sicherheit und Catering, zu "ungünstigen Konditionen" verhandelt wurden. Die Kosten für die Einrichtung des Stadions wurden unterschätzt, der Zuschauerschnitt überschätzt.

Wie bei vielen Vereinen auf diesem Niveau stimmen in Chemnitz die Strukturen nicht. Mit einem Jahrestat von rund sieben Millionen Euro ist der CFC ein mittelständisches Unternehmen. Beaufsichtigt wird er aber von Ehrenamtlichen. Die vom Vorstand verantwortete Etatplanung war teils dilettantisch. Beispielsweise war eine mittlere sechsstellige Summe für Einnahmen aus Testspielen eingeplant. Die fanden dann teilweise nicht statt, oder es kamen zu wenig Leute, wie gegen den VfL Wolfsburg. Zu allem Überfluss erkrankten zwei Geschäftsführer für längere Zeit. Aufsichtsrat und Präsidium erkannten die Warnsignale nicht.