Mehr als 1.000 russische Athleten aus 30 Sportarten haben zwischen 2011 und 2015 von dem staatlich organisierten Dopingsystem profitiert: Das ist das erschreckende Ergebnis des zweiten, 150 Seiten umfassenden McLaren-Berichts, der am Freitag vorgestellt wurde. Die 1.166 Belege für dieses von Russland betriebene Staatsdoping wurden zusätzlich auf einer eigens eingerichteten Internetseite veröffentlicht.

Dabei schien es, dass es nach dem ersten Report vom 18. Juli nicht mehr schlimmer hätte kommen können. Damals, nur zwei Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele, attestierte Wada, die Welt-Antidoping-Agentur, Russland ein über Jahre betriebenes systematisches Dopingsystem, in welches das russische Sportministerium sowie der Inlandsgeheimdienst involviert waren. Ein Staatsdoping, das Einfluss hatte auf die Medaillenvergabe der Olympischen Spiele 2012 in London, der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2013 in Moskau, der im selben Jahr im russischen Kasan stattgefundenen Universiade und der Winterolympiade 2014 in Sotschi. Putins Prestigeobjekt.

Mit dem zweiten McLaren-Bericht folgen nun die harten Fakten. Sie belegen eine "institutionelle Verschwörung", wie der Jurist Richard McLaren das russische Dopingsystem bei der Präsentation des neuen Reports nannte. Demnach wurden bei den Olympischen Spielen 2012 mindestens 78 Proben nachweislich manipuliert, davon auch die von 15 Athleten, die in London eine Medaille gewannen.

"Das ganze Ausmaß wird wohl nie bekannt werden"

Ins Zwielicht gelangten auch die russischen Erfolge in Sotschi. So fanden McLaren und seine Untersuchungskommission Beweise dafür, dass die Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern manipuliert wurden. Bei vier Fällen handelt es sich dabei um die Erstplatzierten. Wenige Wochen später, als in Sotschi die Paralympisc stattfanden, traten sechs gedopte Sportler an, die insgesamt 21 Medaillen holten.

Doch so sehr diese Zahlen einen auch erschrecken, schockieren oder gar erschlagen: Es sind nicht die Ergebnisse, die fassungslos machen, sondern ein Satz, den Dopingermittler McLaren bei der Vorstellung des Reports in London sagte. "Das ganze Ausmaß dessen wird wohl nie bekannt werden." Russland und Doping, das scheint ein Fass ohne Boden zu sein.

Auch deshalb, weil man sich in Russland alles andere als einsichtig gibt. Nach dem ersten McLaren-Bericht verloren zwar einige wichtige Funktionäre, die darin namentlich genannt worden waren, ihre Posten, etwa der stellvertretende Sportminister Juri Nagornych. Doch zu einem Mentalitätswechsel oder gar zu einem Umbau des Sportsystems führte das nicht. Staat und Sport sind immer noch eng miteinander verwoben. Keine symbolisiert diese Symbiose so sehr wie Jelena Issinbajewa, die mehrfache Weltmeisterin im Stabhochsprung, darunter auch bei den umstrittenen Meisterschaften 2013 in Moskau.