Der folgende Text ist die gekürzte Rede zu Ehren der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa. Weil sie mit ihrem Mann Witali das russische Staatsdoping aufdeckte, erhielt sie am 6. Dezember 2016 in Berlin die Heidi-Krieger-Medaille des deutschen Doping-Opfer-Hilfe-Vereins.

Meine Damen und Herren, treffen sich Menschen, die den Sport lieben und seine Helden feiern wollen, geht es gewöhnlich um Sieg.Julia Stepanowa ist heute unter uns, eine Siegerin, zumindest eine moralische Siegerin.

Der Anlass führt uns zwangsläufig auch in die Dunkelheit des Sports – dahin, wo anstelle von Fairness und gleichen Regeln für alle die Gier nach Macht, nach Erfolg, Geld und nationalistischem Triumph herrschen, wo Sieg um jeden Preis die Parole ist. Und diese Veranstaltung der Doping-Opfer-Hilfe ist auch nicht zu trennen von den dunklen Schicksalen jener kranken und geschädigten Athleten, die durch die kriminellen Dopingmethoden des DDR-Regimes um Gesundheit und Leben betrogen wurden.

Jener Athleten, um deren Unterstützung Ines Geipel und die Doping-Opfer-Hilfe verzweifelt kämpfen. Jener Athleten, für die ernsthaft und beständig Verantwortung zu übernehmen die Bundesrepublik und ihr DOSB nicht den Willen und die Kraft aufbringen. Es ist dies aber eben auch ein Tag, an dem Haltung und Tat eines einzelnen Menschen die Dunkelheit erhellen, all den Millionen Mut geben, die den Sport als ein Spielfeld bewahren wollen, auf dem sich Kampf und Wettstreit mit den Prinzipien von Anstand und Menschlichkeit verbinden können.

Liebe Julia Stepanowa, lieber Witali Stepanow, es ist mir eine Ehre, heute Ihr Verhalten und Ihren Mut zu ehren und über die mit Ihrem Namen verbundenen sportpolitischen Ereignisse zu sprechen. Die Verleihung des Anti-Doping-Preises durch die Doping-Opfer-Hilfe findet in einer Zeit statt, in der schmerzhaft klar geworden ist, dass sich der Sport auf seinen höchsten Leistungs- und Führungsebenen den Moralvorstellungen und dem "Der Zweck heiligt die Mittel"-Denken von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft völlig angepasst hat.

Frau Stepanowa hat in einem Interview gesagt, das Ziel Russlands sei es, größer und besser zu sein als jedes andere Land auf der Welt und – ob Präsident, Ministerien oder die russische Anti-Doping-Agentur – alle wüssten, dass Medaillengewinne das oberste Ziel im Sport seien. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde nach den Feststellungen der McLaren-Kommission in Russland staatlich beaufsichtigt gedopt, sind Tausende von Dopingproben zerstört oder gefälscht worden, sorgfältig organisiert und unter dem Schutz von Polizei und Behörden.

Der Sport selbst muss etwas tun

Im Drama um die Dopingaffären, die während der Spiele in Rio die Welt beschäftigt haben, geht es für mich aber nicht um Kritik an den Verhaltensweisen einer einzelnen Nation. Ich glaube nicht, dass Russland allein dasteht. Autoritär geführte Nationen und Diktaturen in aller Welt haben seit jeher Lüge und Betrug als legitime Mittel zum Machterhalt und Machtausbau angesehen, eben auch im Sport.

Hier in Berlin hat das Regime der DDR vor noch nicht allzu langer Zeit vorgeführt, dass die Einhaltung moralischer Maßstäbe im Sport von undemokratischen Systemen nicht zu erwarten ist. Und wir haben selbst in der demokratischen Bundesrepublik, wo wir uns viele Jahre als Hüter der Moral gefühlt haben, erkennen müssen, dass wir Steine werfend im Glashaus saßen. Die Vorgänge in Freiburg und anderswo haben es gezeigt.

Politische Systeme werden und können nicht für Sauberkeit und Integrität des Sports sorgen. Der Sport selbst muss es tun, wenn er als ein respektierter, privilegierter, von der Gesellschaft akzeptierter und aus öffentlichen Mitteln unterstützter Bereich überleben will.

Die Geschichte von Julia Stepanowa ist durch die Recherchen des ARD-Journalisten Hajo Seppelt und später durch viele Interviews des Ehepaares Stepanowa und anderer russischer Insider weltbekannt geworden. Professor McLaren und seine Kommission empfahlen nach Prüfung der Unterlagen, Russland von den Olympischen Spielen auszuschließen. Die "Null Toleranz bei Doping"-Rufer vom Auftraggeber IOC aber hatten andere Prioritäten.