Schach-WM - Carlsen verteidigt Weltmeistertitel im Schach Der Norweger Magnus Carlsen besiegte seinen russischen Herausforderer Sergej Karjakin im Tiebreak. Er gewann die Runde aus vier Schnellschachpartien 3:1. © Foto: Mark Kauzlarich/Reuters

Aus nächster Nähe drei Wochen lang einen solchen Kampf Mann gegen Mann zu verfolgen ist eine schöne Sache, aber nervenaufreibend. Selbst als ein der Neutralität verpflichteter Schachreporter gerät man irgendwann in den Sog des Geschehens. Schon deshalb, weil man täglich von Kollegen und von Zuschauern gefragt wird: Was meinen Sie denn, wie es ausgeht? Wer wird gewinnen? Bist du für Magnus? Oder für Sergej?

Ich kenne Magnus Carlsen seit drei Jahren aus verschiedenen Begegnungen. Am Anfang stand das seltsamste Interview meines Schachreporterlebens. Es war so furchtbar, dass ich mir die Aufzeichnung zwei Tage lang nicht anhören mochte. Weil er mir während der 45 Minuten unseres Gesprächs so unkommunikativ, desinteressiert und abwehrend erschien, mit jeder Faser. Als ich mich endlich überwand, das Band abzuhören, war ich vollends perplex: Was er sagte, war gehaltvoll, auf den Punkt. Offenbar gibt es bei ihm eine

Diskrepanz zwischen Eindruck und Ausdruck. Und ich dachte: Wie muss es seinen Gegnern gehen, denen, die ihm am Brett gegenübersitzen? So eine negative Energie.

Seither hat Magnus Carlsen sich entwickelt. Er ist reifer geworden, älter, seit Mittwoch 26, er gibt nicht mehr jeder Laune nach. Er hat gegenüber der von ihm ungeliebten Presse sogar einen gewissen Witz entwickelt.

Etwas an ihm wird von den Medien inzwischen auch als sehr norwegisch eingeordnet: durch die Wälder streifen, Holzfällen, Fische fangen. "In meiner Vorstellung kommt er aus dem Boden, wie ein Gnom", hat der spirituell begabte Ex-Weltmeister Boris Spasski vor zwei Jahren bei der WM im russischen Sotschi über ihn gesagt.

Magnus ähnelt ein wenig den Cartoons, die er so liebt. Er erinnert an eine Comicfigur, vertraut, liebenswert, widersprüchlich. Ein Held, der für tausend Hefte taugt, ohne je ganz auserzählt zu sein. Flach und tief zugleich.

Hier in New York hat sich allerdings gezeigt, wie sehr seine Launen an seinen Erfolg geknüpft sind. Als er nach sieben Remisen die achte Partie verlor, war Schluss mit lustig. Er rannte der Welt davon, seinen Herausforderer mit den Fragen des Publikums alleinlassend. Ein Weltmeister auf der Flucht, auch vor sich selbst.

In der 3. Tiebreakpartie ging Carlsen in Führung

In so vielen Partien so wenige Punkte zu machen – das kannte er nicht. Und das ist das Verdienst Sergej Karjakins: Ihm seine Grenzen gezeigt zu haben. Das war noch keinem gelungen.

Ich kannte Sergej Karjakin bis vor drei Wochen nur aus der Ferne, vom Sehen. Einmal haben wir in Sotschi ein paar Worte gewechselt. Dann zu Ostern in Moskau auf dem Kandidatenturnier, das er so überraschend wie klar gewann. Bis dahin war er einer von vielen sehr guten russischen Meistern gewesen; er machte durch seine Art nie sonderlich auf sich aufmerksam, anders als sein norwegischer Konkurrent.

Diese WM hat ihm nicht nur in der Schachwelt Respekt verschafft, sie hat ihn auch einem großen Publikum vorgestellt. Die Herzen sind ihm nur so zugeflogen. Ein Houdini, der sich aus jeder Enge windet. Ein Stotterer, der ohne Hemmungen spricht. Ein Verlierer, der sich um ein Lächeln bemüht. Ein Sportler, der Leidenschaft und Haltung zeigt. Als er Minuten nach der bittersten Niederlage seiner 26 Jahre um ein Wort gebeten wird, sagt er: "Happy Birthday, Magnus."

Ich saß bei der Pressekonferenz vor dem Podium auf dem Boden, zwei Meter entfernt, und sah die Tränen in seinen Augen.
Sein Manager, Kyrillos Zangalis, ein schmaler, beredter Russe griechischer Abstammung, ist in den WM-Dauersendungen des norwegischen Fernsehens unterdessen zu einer Art Star geworden. Sein holperiges Englisch erlaubt ihm keine Floskeln. Wenn es Sergej schlecht geht, geht es ihm schlecht. Wenn Sergej sich freut, freut er sich. Zangalis zeigt eine Offenherzigkeit, die jener Karjakins entspricht, fernab des taktisch Gebotenen, das man vom Team Carlsen kennt.

Norwegen und New York staunen: Kein Hass, keine Häme, dafür Seele. Ach, ja, stimmt, russische Seele. Von der hatte man wohl gehört, durch gewisse geopolitische Umstände war sie etwas in Vergessenheit geraten.

Am letzten Tag, in den Tiebreaks, hat der Herausforderer keine Chance. Als es darauf ankommt, ist sein Kopf nicht mehr frei. Man sieht ihn am Brett setzen, die Stirn in den Händen vergraben, während Magnus Carlsen locker in seinem Chefsessel hängt. Zwei verdiente Siege für den Norweger, zwei Remis. Karjakin gewinnt nicht eine der vier Schnellpartien.

Schach hat auch mit gewinnen zu tun. Ganz ohne geht es nicht. Das könnte Karjakin mit nach Hause nehmen. Was Carlsen mitnehmen könnte: Schach hat auch mit Respekt zu tun. Ganz am Schluss, als alles vorbei ist, preist er seinen Gegner, den er zuvor neben sich kaum wahrzunehmen schien.

Der Großmeister Jan Gustafsson analysiert die vier Schnellpartien des Stechens in unserem Kommentar-Video:

Mit diesem Text endet unsere Berichterstattung über die Schach-WM, hier finden Sie alle Texte.