Der größte sportliche Moment im Leben von Jared Tallent fand in seinem Garten statt. Tallent ließ sich dort seine olympische Goldmedaille umhängen, zwischen Gartenschlauch und Hecke. Es war ein verspäteter Sieg. Tallent ist australischer Geher und gewann bei den Olympischen Spielen 2012 Silber im 50-Kilometer-Gehen. Der einzige, der in London schneller war: Sergej Kirdjapkin aus Russland.

Im März wurde Kirdjapkin das olympische Gold aberkannt. Er war gedopt. Der neue Sieger war mit vier Jahren Verzögerung Tallent. "Es ist ein Triumph des sauberen Sports. Die Gerechtigkeit hat gesiegt", sagte er. Verspätete Gerechtigkeit, daran hat man sich im Sport mittlerweile gewöhnt.

Doch etwas anderes ist neu, Tallent war ein Sieger mit Botschaft. Wie viele andere dieses Jahr. 2016 wird als das Jahr eingehen, in dem Sportler so laut wie nie zuvor wurden. Mal ging es gegen Doping, mal gegen Fremdenfeindlichkeit. Und manchmal klagten sie vor Gericht, weil sie ungerecht behandelt wurden. Und wie laut ihre Stimme werden kann. Es war das Jahr der mündigen Athleten. Im besten Fall verändern sie damit den Sport.

Den Handel besorgen andere

Lange war das anders. Im Zweifel war und ist es für die Karriere bis heute besser, im geschlossenen Sportsystem zu nicken, als den Kopf zu schütteln. Es gibt Abhängigkeiten und Gefälligkeiten. Wenn der Sport eine Ware ist, sind die Sportler die Güter. Den Handel besorgen andere. Oft werden die Sportler rumgereicht, von Sponsoren, Funktionären und Trainern. Jeder zerrt und nestelt an ihnen. Sie gelten als Zirkustiere, als Rädchen, die den Gelddrucker am laufen halten. Auch 2016 war keine Ausnahme, der Sport hat sich wie ein Ballon weiter aufgeblasen. Anecken, Protest, gar Kritik? Bitte, das schadet nur dem Geschäft, sagen die Manager. Es ist doch nur Sport, sagen Sportfans.

Colin Kaepernick war das egal. Er ist ein schwarzer Footballer der San Francisco 49ers. Als die NFL-Saison begann und wie vor jedem Spiel die US-Hymne erklang, kniete Kaepernick. Er protestierte gegen die Polizeigewalt, die sich 2016 auffällig häufig gegen Schwarze richtete. Kaepernick wurde daraufhin von Mitspielern, Trainern und Fans angefeindet, manch einer verbrannte sein Trikot. Andere machten es wie Kaepernick, verloren Sponsoren, doch ihr Protest hörte nicht auf. Sie knieten weiter und Millionen sahen zu. War er deswegen ein Patriot oder nicht? Ein ganzes Land diskutierte. 

Sportler können Debatten anstoßen. Sie sind so populär wie Popstars, man bewundert sie für ihren Fleiß, für ihr Talent und für ihren Mut. Edle Werte, die sie auch in die Gesellschaft einbringen dürfen.

Der Bundespräsident im Trainingsanzug

Sogar die Fußballer machten mit. Man wirft ihnen ja gerne vor, Gespräche in Telepromptersprache zu halten. Alle Antworten scheinen vorgefertigt. Das stimmt für viele. Außerdem verdienen sie von allen Sportlern am besten, Kritik könnte ihnen am meisten schaden. Sie könnten also schweigen und Geldbündel zählen. Das taten aber einige nicht.

Der frühere St.-Pauli-Profi Deniz Naki wäre für einen Facebookpost in der Türkei beinahe eingesperrt worden. Die Staatsanwaltschaft warf Naki kurdische Terrorpropaganda vor. Naki antwortete: "Ich möchte, dass alle Menschen, egal welcher Religion oder Nation, friedlich und ohne Krieg miteinander leben." Er wurde freigesprochen, wäre aber bereit gewesen, ins Gefängnis zu gehen.

Und von Freiburg aus appelliert der Fußballtrainer Christian Streich regelmäßig ans Gewissen der Fußballfans. Er legt die Taktiktafel zur Seite und setzt sich mit an den Stammtisch. Den Freiburger Vergewaltigungsfall arbeitete er ebenso auf wie die gebotene Mitmenschlichkeit Geflüchteten gegenüber. Manche wollen ihn als Bundespräsidenten, was vielleicht etwas übertrieben ist. Doch Streichs Wort hat Gewicht.

Sportler haben Macht

Überhaupt der Fußball dieses Jahr. Die EM, als Dankeschön von Ex-Uefa-Präsident Michel Platini an seine Wahlmänner von 16 auf 24 Mannschaften aufgepumpt, schnurrte auf den Spannungsbogen einer Fahrt durch einen Tunnel zusammen. Wenn Funktionäre Wahlversprechen einlösen, ist das selten Balsam für den Sport. Der Fußball läuft Gefahr, sich selbst zu erdrücken. Er überreizt, weil vor allem seine Funktionäre immer mehr wollen.

Doch es fanden sich Akteure, die das kritisierten. Bundestrainer Joachim Löw sagte: "Es wird immer mehr und immer mehr. Auf Dauer ist das schon ein Problem. Manchmal spürt man, dass das dem Fußball nicht gut tut." Und Thomas Müller gab schon während der EM zu: "Du darfst drei Wochen Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt." 2017 kommt für die Fußballer der Confederations Cup, im Jahr darauf die WM in Russland und die neue Nations League dazu, die Wettbewerbe mit den Vereinen. Man fragt sich, wie groß die Zitrone noch werden kann, bevor sie ausgequetscht ist.

Nonkonformität provoziert

An Müller zeigte sich später im Jahr auch, was Athleten aushalten müssen, wenn sie Probleme ansprechen. Man kann über ein WM-Qualifikationsspiel im Novemberregen von San Marino geteilter Meinung sein, sportlich hat es keinen Wert. Müller sprach das an, verweis auf die ohnehin schon hohe Belastung. Doch nicht das wurde diskutiert, sondern ob Müller respektlos gegenüber San Marino sei. Müller musste sich verteidigen, obwohl er ein unter Fußballern nicht unwichtiges Thema debattierte. Eine breite Öffentlichkeit verlangt nach Überschriften, doch wenn sie die bekommt, sind sie den meisten zu laut oder unangemessen oder beides.

Daher überlegen sich viele Sportler genau, wie und wann sie etwas sagen wollen. Christoph Harting entschied sich zu protestieren, indem er nichts sagte. Er holte olympisches Gold im Diskurswerfen, tanzte anschließend während der Nationalhymne und lief am ZDF-Mikrofon vorbei. Das war etwas viel Show, doch es war wahrscheinlich keinen beleidigten Beitrag des ZDF wert, um Hartings Alleingang anzuklagen. An ihm sah man, dass Nonkonformität die Sportfamilie provoziert und auch ein wenig überfordert.

Und natürlich ist auch nach diesem Jahr die Sportwelt kein Märchenland. Russlands Dopingbetrug wurde noch detaillierter aufgedeckt. Auch andere haben ihre Finger im Naschtopf. Fußballmillionäre wurden sehr kreativ, wenn es um lästige Mittelstandsdinge wie die Einkommensteuer geht. Der DOSB fordert von seinen Athleten mehr Medaillen, sonst wird er ihnen Geld und damit vielleicht die Karriere wegnehmen. Und die Fifa überlegt, eine WM mit 48 Mannschaften auszurichten. Die absurdesten Geschichten schrieb der Sport auch 2016 selbst.

Die Revolution von innen beginnt

2016 hat der Sport noch mal an Glaubwürdigkeit eingebüßt, was man vorher kaum für möglich hielt. Doch dass Athleten anfangen, zu sagen, was sie denken, ist deswegen umso wichtiger. Am besten retten können den Sport die Akteure selbst.  

Vor Kurzem wurde die Bob-WM 2017 vom russischen Sotschi nach Königssee gelegt. Das ist gut. Nicht weil die WM jetzt in Deutschland stattfindet, sondern der Auslöser dafür. Weil lettische, britische und amerikanische Bobfahrer nicht bereit waren, an den Ort zurückzukehren, an dem Russland seine Gäste bei den Olympischen Spielen 2014 betrogen hatte.

Über 100 Langläufer forderten ihren Verbandspräsidenten an Weihnachten auf, mit ihnen über konsequente Dopingverfolgung zu sprechen, drei russische Athletinnen unterzeichneten ebenfalls. Auch Russlands Sportler wollen beweisen, dass sie sauber sind. Im Sommer sagte der Hammerwerfer Sergej Litwinow, er habe darum gebettelt, kontrolliert zu werden. Er fordert weltweit unabhängige Kontrollen und überhaupt klingt er wie jemand, der dem globalen Sport den Spiegel vorhält.

Jene Reflexion, die der Führungsriege des Weltsports so oft zu fehlen scheint. Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Aufklären müssen andere. Schon 2015 sah man, dass der Sport Druck von außen bekommt. Staatsanwälte ermitteln bis heute die Vergabe von Großevents, in Deutschland wird Doping mit dem Strafgesetz verfolgt und immer mehr Sportjournalisten wollen wühlen, nicht jubeln. Es passt gut, dass auch die Athleten mitmachen und von innen eine kleine Revolution beginnt. Die Sportler haben Macht, sie sollten sie öfter nutzen.