ZEIT ONLINE: Frau Geipel, Julia Stepanowa hat das russische Staatsdoping aufgedeckt, dopte früher aber selbst. Warum hat Ihr Doping-Opfer-Hilfe-Verein sie mit der Heidi-Krieger-Medaille ausgezeichnet, einem Preis für den Kampf gegen Doping?

Ines Geipel: Julia Stepanowa ist als aktive Athletin aus einem aktiven Staatsdoping ausgestiegen. Das war unter den russischen Bedingungen todesmutig. Außerdem hat sie viele Belege zusammengetragen und zur Verfügung gestellt. Damit dürfte sie vielen russischen Athleten das Leben gerettet haben. Wenn es Ende 2016 wieder um die Persönlichkeiten des Jahres geht, müsste sie dazugehören.

ZEIT ONLINE: Sie musste mit ihrem Mann Witali, der ihr half, und dem heute dreijährigen Kind in zwei Jahren neun Mal umziehen. Flucht von Russland nach Deutschland, später Österreich, heute lebt sie in den USA.

Ines Geipel © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Geipel: Es ist ein Leben inkognito, Normalität wird für die kleine Familie für lange Zeit nicht zurückkehren, die Stepanows leben in ständiger Bedrohung.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Bedrohung konkret aus?

Geipel: Beide legen Wert darauf, ihren Alltag als normal zu schildern. "Wir leben halt", sagen sie im Interview. Aber es ist klar, dass es ein Leben in Ungewissheit und Angst ist. Klar, Rio ist vorbei, das russische Staatsdopingsystem Tatsache und belegt. Aber das System selbst hat sich ja null verändert. Die letzten Jahre gab es viele politische Opfer Russlands, auch im Ausland.

ZEIT ONLINE: Mancher Olympia-Fan wird sich nun fragen: Ist der Sport wirklich so wichtig, dass jemand um sein Leben fürchten muss?

Geipel: Unter Putin hat sich der Sport politisch noch einmal enorm aufgeladen. Gold und Hymne heißt Stärke. Man braucht diesen Mythos, nach innen und nach außen. Durch die Stepanows hat Putin einen riesigen Image-Schaden erlitten. Entsprechend hoch war auch die Fallhöhe.

ZEIT ONLINE: Ist Julia Stepanowa die russische Snowden?

Geipel: Zumindest ist sie zur Staatsfeindin geworden. Sie hat das System sichtbar gemacht und vor aller Welt blamiert. Es hat Sinn, über die Verbindung zwischen dem verlorenen Sportkrieg Putins und seinem aktuellen Agieren in Syrien nachzudenken. Die beiden Stepanows haben jedenfalls in den USA Asyl beantragt. Das Verfahren verzögert sich.