Hossam kennt hier jeden. Daran hat sich nichts geändert. Er steht vor dem Reutlinger Heimatmuseum und hat mich schon von Weitem erkannt. Er ist einer der wenigen, zu denen ich noch Kontakt halte, seit ich in Berlin wohne. Lächelnd kommt er auf mich zu. "Was goat Jonga", fragt er mich im Regiolekt, den er beherrscht wie ein gebürtiger Reutlinger. Doch bevor ich antworten kann,
 wird er von einem Mann in unserem Alter begrüßt.

Der ist auf dem Weg zur Post. Im gebrochenen Deutsch erzählt er Hossam, dass er ein Paket vermisst. Hossam lässt sich den Paketschein geben, zieht sein Telefon aus der Tasche und ruft die Hotline an. Zehn Minuten später sagt er: "Hascht dem Absender eine falsche Adresse von dir gegeben." Der Mann bedankt sich, sie verabschieden sich mit Wangenküssen.

Die Fakten sprechen gegen ihn

Ich will seine Geschichte hören, von der ich trotz unserer Freundschaft nur Bruchstücke kenne. Hossams Nachricht hat mich kurz vor Weihnachten erreicht. Er soll abgeschoben werden, der Asylfolgeantrag wurde abgelehnt. Hossam wurde 1986 geboren und ist seit 1989 fast ununterbrochen in Deutschland. Als er drei Jahre alt war, floh seine Familie vor dem Bürgerkrieg im Libanon. Nun muss er Deutschland innerhalb von 30 Tagen verlassen, sonst wird er in den Libanon abgeschoben. Seit meiner Konfirmation hat Hossam, dessen Schwester eine Schülerin meiner Mutter war, keine unserer Familienfeiern verpasst.

Hossam El-Sleiman bei seinem Fußballverein Centro Portugues © Centro Portugues

Und doch stehen die Fakten gegen ihn. 2008, er war 22 Jahre alt, wurde Hossam zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Das Ausländeramt hatte ihm nach Ablauf der Bewährungsstrafe eine zweijährige Frist gegeben, in der nichts hätte passieren dürfen. Es passierte aber etwas. 2015 wurde er wegen Anstiftung zum Meineid verurteilt. Weil Hossam im Gegensatz zum Rest seiner Familie keinen deutschen Pass besitzt, ist es möglich, ihn nun abzuschieben. Mein Freund soll weg.

Was zunächst eindeutig klingt, bekommt viele Abstufungen und Zwischentöne, wenn man Hossams Geschichte anhört. Eine Petition seines Fußballvereins Centro Portugues Reutlingen haben fast 2.000 Menschen aus den verschiedensten Regionen Deutschlands unterzeichnet. Mittlerweile ist er stellvertretender Vorsitzender des Clubs. Viele Reutlinger setzen sich für ihn ein, weil er sich für sie eingesetzt hat.

Beim Fußball ein Leben gerettet

Am deutlichsten wurde das im Sportverein. Vor zwei Jahren rettete er einem Mitspieler während eines Kreisligaspiels das Leben. Der Spieler lag nach einem Foul bewusstlos am Boden. Hossam öffnete mit aller Kraft seinen Kiefer und zog die Zunge aus 
seinem Rachen. Nachdem der Spieler wieder wach war, hat Hossam ihn
 mit einer Grimasse zum Lachen gebracht. Das Komitee, das über seinen 
Asylfolgeantrag entschieden hat, ist davon unbeeindruckt geblieben.

Hossam bestellt im Café eine heiße Schokolade. Mit dem Kellner spricht er Italienisch. Er könnte auch auf Türkisch, Griechisch oder Portugiesisch bestellen. Mitglied in einem Reutlinger Fußballverein zu sein, ist effektiver als jeder Sprachkurs. Nur seine Muttersprache Arabisch kann er weder schreiben noch lesen.

Ich frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass Hossam nun kurz vor der Abschiebung steht. Er beginnt zu erzählen. Er rührt mit dem Teelöffel in der zähen Schokolade, hebt plötzlich seine Hand und zeigt mir den großen Daumen, von dem nur noch ein verkümmerter Stumpf übrig ist. Das sei seine erste Kindheitserinnerung. Ausgangssperre im Libanon. Hossams Mutter hängt im Hof vor ihrem Hochhaus die Wäsche auf, als der ganze Wohnblock beschossen wird. Hossam ist zwei Jahre alt, rennt hinaus und bleibt mit der Hand in einem Stahltor hängen. Die nächste Erinnerung setzt erst im Flüchtlingsheim in Deutschland ein. Ob in Bonn oder bereits in Reutlingen, das weiß er nicht genau. Die Familie, damals sind das die Eltern und sechs Geschwister, wohnt in einem Container. Hossam kommt in einen deutschen Kindergarten, wird herzlich aufgenommen und gewinnt viele Freunde in Deutschland.

Als er sechs Jahre alt ist, versucht die Polizei zum ersten Mal, die Familie abzuschieben. Sie tritt mitten in der Nacht die Wohnungstür ein. Hossam klettert aus dem Fenster, rennt bis zu seinem Kindergarten und versteckt sich stundenlang in einer Hecke. Nur weil sich viele Bürger in Reutlingen für die Familie einsetzen und der Gesundheitszustand des Vaters extrem schlecht ist, bleibt die Familie.

Sie nennen ihn Barbara Salesch

1992 ist der Staat erfolgreicher: Obwohl zwei seiner Brüder zum Zeitpunkt der Abschiebung bei Klassenkameraden übernachten, wird Hossam mit seinen beiden Schwestern und dem Vater über die Nacht in den Libanon abgeschoben. Die Mutter bleibt mit den beiden Söhnen und einer Schwester von Hossam in 
Deutschland.

Im Libanon darf Hossam nicht in die Schule gehen. Sein Vater hat bereits einen Herzinfarkt hinter sich. Hossam ist sieben Jahre alt und arbeitet in einem Friseursalon im Dorf seiner Großmutter. 


Noch immer hat er keinen Schluck von seiner Schokolade getrunken. Er sagt leise: 
"Vielleicht hat das, was ich später gemacht habe, auch etwas mit meiner Vergangenheit 
zu tun. Das soll keine Entschuldigung sein, aber damals als kleiner Junge habe ich mir 
geschworen, mir niemals wieder etwas wegnehmen zu lassen." 
Nach einem langen Kampf mit deutschen Ämtern, den die Mutter unterstützt von Reutlinger Kindergärtnern und Lehrern führt, kommt Hossam mit seiner Schwester 1993 nach Deutschland zurück, der Vater folgt mit der älteren Schwester vier Monate später.

Fast wäre er für Deutschland zu Olympia gefahren

Hossam wird eingeschult, geht zur Grundschule und in die Hauptschule. Als er vierzehn Jahre alt ist, meldet ihn der älteste Bruder im Boxverein an. Eigentlich wollte sich Hossam auf den Fußball konzentrieren. Sein Bruder glaubt aber, dass diszipliniertes Boxtraining besser gegen die schlimmen Erinnerungen aus dem Bürgerkrieg hilft. Schnell entdeckt man sein Talent. Er gewinnt den ersten baden-württembergischen Titel in seiner Gewichtsklasse, soll bei der deutschen Meisterschaft und später sogar an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teilnehmen. Für Deutschland. Doch wegen seines ungeklärten Aufenthaltsstatus kommt es nicht dazu.

Er beginnt eine Lehre als Maler und Lackierer, geht am Wochenende in die Reutlinger Diskotheken und hat einen großen Freundeskreis, in dem sich viele Nationalitäten mischen. Ich frage ihn, wie es für ihn war, in Reutlingen aufzuwachsen. Ich selbst bin so schnell es ging von hier fortgezogen. Hossam wollte bleiben. "Traumhaft war es", sagt er, "das ist ja meine Heimat hier". Und es stimmt. Selbst seine Straftat, die ihm nun zum Verhängnis werden könnte, ist typisch für Reutlingen.

An jedem Wochenende hat es in einer der drei Clubs Schlägereien gegeben. Im Oktober 2007 treffen zwei Cliquen aufeinander, streiten sich vor einer Diskothek, Flaschen fliegen, ein Mädchen wird getroffen, Hossam greift ein, Fäuste fliegen, die Polizei kommt. Er weiß nicht, dass für ihn als Boxer andere Regeln gelten. Jeder Schlag seiner trainierten Fäuste wird rechtlich als schwere Körperverletzung gewertet. Er wird 2008 zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt, die Strafe wird auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Er will einen anderen Weg als seine Freunde gehen

Seine Arbeitsstunden leistet er in der Psychiatrie des Reutlinger Krankenhauses ab. Die Patienten mögen ihn. Die Krankenhausverwaltung bittet ihn, seinen Dienst noch zu verlängern. Er opfert sich gerne für andere auf. Man könnte in Anlehnung an Michael Kohlhaas, der Romanfigur von Heinrich von Kleist, sagen: Hossams Rechtsgefühl gleicht dem einer Goldwaage. Seine Familie bezieht die erste Wohnung in der Nähe des Reutlinger Busbahnhofs. Unter den Jugendlichen, die sich an diesem sozialen Brennpunkt treffen, hat er den Spitznamen Richterin Barbara Salesch.

Er kann es nicht sehen, wenn Leute in seiner Gegenwart gegängelt werden. Immer geht er dazwischen und schlichtet. Viele seiner Freunde sind inzwischen abgeschoben worden oder sitzen im Gefängnis, er will einen anderen Weg einschlagen.

Er beendet die Malerausbildung. Nach einem schweren Arbeitsunfall wird er am Ellenbogen operiert. Im Krankenhaus stellen sie gleichzeitig eine schwere Hüftarthrose fest. Eigentlich war es nur eine leichte Fehlstellung, die bei seiner Geburt während des Bürgerkriegs aber übersehen wurde. Zusammen mit den Belastungen des Leistungssports führt sie 
zu schweren Abnutzungserscheinungen an den Gelenken. Nun trägt er ein künstliches Hüftgelenk und humpelt. Es schmerzt ständig.

Seine Geschichte macht mich ratlos

Er muss das Boxen aufgeben und arbeitet für eine kurze Zeit als Verkäufer in einem Handygeschäft. Dann steigt er als Fernkraftfahrer in das Speditionsunternehmen seines Bruders ein. Er will auf der Abendschule die mittlere Reife nachholen und macht sich in der Versicherungsbranche selbstständig. Die Zweijahresfrist vom Ausländeramt, in der er sich nichts zu schulden kommen lassen darf, läuft noch. In den letzten Wochen der Frist erhält er einen Bußgeldbescheid wegen Trunkenheit am Steuer, gegen den er klagt. Vor dem Gericht sagen mehrere Zeugen aus, Hossam habe nach einer Geburtstagsfeier lediglich betrunken vor seinem Wagen gestanden, aber nicht gefahren.

Er wisse selbst, dass seine Version der Geschichte sehr unglaubwürdig klinge, sagt Hossam. Aber wer sei so blöd, alles wegen eines Bußgeldbescheids zu riskieren. Der Richter glaubt ihm nicht und Hossam verliert den Prozess. Zum Bußgeld wegen der Ordnungswidrigkeit, die für seine 
Bewährungsfrist keine Folgen gehabt hätte, kommt eine Anzeige wegen Anstiftung zum 
Meineid. Wieder wird er verurteilt. 


Sein Nachname ist ein politisches Stigma

Inzwischen ist das Lokal voll. Wir haben zwei Kuchen bestellt. Eine Frau am 
Nachbartisch hat die ganze Zeit am Laptop gearbeitet, das Gerät aber inzwischen zugeklappt. Ihre Kaffeetasse ist längst leer. Sie gibt sich wenig Mühe zu verbergen, wie gespannt sie Hossams Erzählung folgt.

Nach dem Urteil geht alles schnell. Ein Abschiebeverfahren wird eingeleitet. Hossam verliert die Arbeitserlaubnis für Selbstständige. Sein Einkommen bricht von einem Tag auf den anderen weg. Anwalts- und Versicherungskosten steigen. Er verschuldet sich und die Schmerzen an der Hüfte werden immer schlimmer. Er bekommt ein künstliches Gelenk. Die Kosten für die Reha werden zwar übernommen, Bezuschussungen für eine Umschulung werden aber nicht gezahlt, solange das Abschiebeverfahren läuft. Sobald er aus der Klinik entlassen wird, beginnt er auf dem Bau zu arbeiten, ein Freund seines 
Bruders stellt ihn ein. In seinem Leben ist er vielleicht zwei Wochen arbeitslos gewesen. Beim Jobcenter hat er sich nie gemeldet.

Als ich ihn frage, was ihn im Libanon erwartet, zuckt er mit den Schultern. Er weiß wenig über das Land, hat es beinahe seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr betreten. Verwandte habe er so gut wie keine mehr dort, sagt er. Die Familie seines Vaters, libanesische Sunniten, wird nach wie vor von der Hisbollah verfolgt. Mitglieder seiner 
Familie haben auch nach dem Bürgerkrieg gegen die Schiiten gekämpft. Sein Nachname ist ein politisches Stigma.

Eine weitere Klage

Das Erzählen strengt Hossam an, er gähnt und streckt die Arme. Sein T-Shirt rutscht dabei nach oben und ich 
kann die lange Narbe über seiner Hüfte sehen. Trotzdem hat er immer wieder gelacht, während er mir seine Geschichte erzählt hat.

Sie hinterlässt mich ratlos. Dass jemand, der beinahe 30 Jahre in Deutschland lebt, behandelt wird, als sei er gerade erst eingereist, kommt mir ungerecht vor. "Es sieht nicht gut aus, oder?", fragt er mich leise. Sein Anwalt hat am 20. Dezember 2016 ein weiteres Mal Klage gegen den Bescheid des Bamf eingereicht. Die Dokumente, die die Klage stützen, müssen innerhalb von vier Wochen eingereicht werden, dann findet eine weitere Anhörung statt. Mit jeder Klage steigen seine Schulden.

Die Ungewissheit zehrt an den Nerven. Er kann nicht mehr schlafen und kämpft mit einer Gastritis. Eine Untersuchung beim Facharzt ist nicht möglich. Er ist wegen der Schulden mit den Versicherungsbeiträgen im Rückstand. Ich 
weiß nicht, wie ich ihm helfen soll und kann ihm nur anbieten, seine Geschichte zu erzählen. Ich gehe auf die Toilette. Als ich zurückkomme, will ich bezahlen, aber die Rechnung ist bereits beglichen.