Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Buch Gesellschaftsspielchen – Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei von Ronny Blaschke.

ZEIT ONLINE: Herr Hopp, Sie werden von Ihren Kritikern als Gutmensch bezeichnet. Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn der Begriff Gutmensch negativ besetzt ist?

Dietmar Hopp: Diese Erscheinung gibt es nicht nur in Deutschland. Nicht jeder möchte Verantwortung übernehmen. Es ist leichter, über andere zu meckern. Wer im Fußball Geld für einen Verein gibt, wird von den eigenen Fans verherrlicht, die anderen sind neidisch. Das ist die Formel. Aber ich lasse das nicht mehr so sehr an mich herankommen. Ich habe großes Glück gehabt in meinem Leben. Es gibt da diesen Spruch: Eigentum verpflichtet. Ich möchte hinzufügen: Reichtum verpflichtet noch mehr.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hopp: Ich wurde während des Zweiten Weltkrieges geboren und bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Wir waren vier Kinder, manchmal hat es Tage gegeben, da hatten wir nichts zu essen. Ich habe Kohlen getragen, um mein Taschengeld aufzubessern. Darin liegt einer der Gründe, warum ich schon früh reich werden wollte. Mir war Unabhängigkeit wichtig.

ZEIT ONLINE: Sie waren 48 Jahre alt, als das von Ihnen mitgegründete Softwareunternehmen SAP an die Börse ging.

Hopp: Ja, da ist der Reichtum über mich hereingebrochen. Mir ist ganz schwindelig geworden, als ich auf dem Papier zum Milliardär wurde. Ich hatte mir schon davor Gedanken gemacht, wie ich mein Geld spenden könnte. Konkret wurde das im Dezember 1995, mit der Gründung einer gemeinnützigen Stiftung. Ich habe 70 Prozent meiner privaten SAP-Aktien eingebracht, so liegt das Stiftungsvermögen bei 5,5 Milliarden Euro. Mit den Dividenden aus den Aktien fördern wir Projekte.

"Gesellschaftsspielchen – Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei" ist im Verlag Die Werkstatt erschienen. © Verlag Die Werkstatt

ZEIT ONLINE: In Deutschland haben nur die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung und die Robert-Bosch-Stiftung ein größeres Volumen. Welches Projekt war das Erste, das Sie gefördert haben?

Hopp: Unsere erste Zuwendung ging an das Universitätsklinikum in Heidelberg, an die Abteilung für krebskranke Kinder. Allein die Vorstellung, dass einer meiner Söhne an Krebs erkranken könnte, war Horror für mich. Die Klinik hat von dem Geld eine moderne Bestrahlungsanlage für Hirntumore angeschafft. Ich habe viele Dankschreiben von Eltern bekommen, die durch die Hölle gegangen sind. Das war meine Bestätigung. Im ersten Jahr hat die Stiftung 1,5 Millionen Euro ausgeschüttet, das hat sich auf maximal 70 Millionen im Jahr gesteigert. Bislang haben wir 500 Millionen an unterschiedliche Projekte gegeben. Das habe ich noch zu keinem Zeitpunkt bereut.

ZEIT ONLINE: Welche Schwerpunkte hat Ihre Stiftung?

Hopp: Ich habe mit 58 Jahren den Vorstandsvorsitz bei SAP aufgegeben, ich wollte neue Aufgaben angehen, vor allem die Stiftung. Dort haben wir vier Förderbereiche entwickelt: Sport, Medizin, Soziales und Bildung. In der Medizin geht es uns um Forschungsprojekte in der Krebsbehandlung, Kinderheilkunde oder Altersheilkunde. Die Schwerpunkte sind verbunden. Das sehen Sie an unserer Förderaktion mit dem Namen "Alla Hopp!". Ein Sprichwort, das so viel bedeutet wie: Auf geht's, jetzt macht mal. Unsere Stiftung spendet Bewegungs- und Begegnungsanlagen an 19 Kommunen unserer Region.

ZEIT ONLINE: Mit welchem Ziel?

Hopp: Viele Senioren leiden unter Depression und sind vereinsamt. Auf unseren Anlagen treffen sie andere Menschen oder können mit ihren Enkeln spielen, kostenfrei. Oft sind diese Anlagen ein Startpunkt für weitere bauliche Entwicklungen. Daher war die Resonanz bei der Ausschreibung von "Alla Hopp!" sehr groß. 127 Kommunen hatten sich beworben.

ZEIT ONLINE: Warum fördern Sie ausschließlich in der Region Rhein-Neckar?

Hopp: Ich wurde in Heidelberg geboren und bin in dieser Region verwurzelt, ich habe den Menschen viel zu verdanken. Ob Soziales oder Forschung – der Bedarf vor Ort ist enorm. Wenn wir das Geld in einem größeren Rahmen ausgeben würden, vielleicht bundesweit oder international, dann hätte ich das Gefühl, dass es irgendwo versickern könnte. Der Microsoft-Gründer Bill Gates kann das in den USA anders machen, ihm steht ein Vielfaches an Geld zur Verfügung. Er lässt das vorher von einem Stab an Experten prüfen, wo es für ihn Sinn macht, Projekte zu fördern.

ZEIT ONLINE: In den USA wird Milliardären wie Bill Gates, Warren Buffett oder Mark Zuckerberg der Vorwurf gemacht, sie würden mit ihren Großspenden vor allem Steuern sparen und den Staat aus der Verantwortung nehmen. Wie ist das in Deutschland: Ergänzen oder ersetzen Sie mit Ihrer Stiftung staatliche Aufgaben?

Hopp: Das hat man mir auch schon vorgeworfen. Wer einen solchen Unfug redet, der vergisst, dass das gesamte Brutto einem guten Zweck zukommt. Für den Stifter persönlich bleibt nichts übrig. Wer nicht stiftet, kann den Netto-Anteil von mehr als 50 Prozent für sich behalten. Ich halte es für oberflächlich, Stiftern einen Vorwurf zu machen, weil sie mit Projekten möglicherweise den Staat entlasten. Auch das kommt doch unserer Gesellschaft zugute. Oder noch einfacher: Hätte ich nicht die Stiftung, dann würden mir von meinen jährlichen Erträgen von 70 Millionen etwa 35 bis 40 Millionen privat zufallen.

"Fußball sollte der Spaßfaktor in meinem Leben sein"

ZEIT ONLINE: Wie ist Ihre Stiftung organisiert?

Hopp: Die Stiftung hat eine Geschäftsstelle mit sechs Mitarbeitern, fünf Frauen und ein Mann. Dort gehen die Anträge ein. Sie werden diskutiert und geprüft, ob sie unserem Stiftungszweck entsprechen. Einmal im Monat treffen wir uns in größerer Runde. Früher hatte ich da noch die eine oder andere Idee, aber inzwischen ticken wir so gleich, dass ich gegenüber den Mitarbeitern kaum noch Änderungswünsche habe. Das Wichtigste ist, dass wir die Projekte langfristig angehen.

ZEIT ONLINE: Was müssen die Menschen an Eigenschaften mitbringen, damit Sie ihnen Ihr Geld anvertrauen?

Hopp: Ein Beispiel: Ich investierte privat rund 800 Millionen Euro in Biotechnologie, damit neue Impfstoffe und Arzneimittel entwickelt werden können, gegen Alzheimer, Ebola oder Tollwut. In der Medizin würde ich es mir nicht zutrauen, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ich bin auf Experten und Gutachter angewiesen. Im sozialen Bereich ist das anders. Wenn mich ein Bürgermeister um die Hilfe für ein neues Hospiz bittet, dann muss ich nicht lange überlegen.

ZEIT ONLINE: Können die sechs Mitarbeiter Ihrer Stiftung überhaupt prüfen, ob die Förderziele nachhaltig umgesetzt werden?

Hopp: Die Kontrollmechanismen einer Stiftung sind streng. Unsere Mitarbeiter arbeiten in jedem Projekt mit externen Kräften zusammen, Kooperation ist uns wichtig. Für "Alla Hopp!" brauchen wir Landschaftsarchitekten und Bewegungsexperten, die Anlagen sollen sich individuell an die Ortschaften anpassen. Das kann die Stiftung nicht allein organisieren, da greift sie auf Netzwerke zurück, die lange gewachsen sind.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie zum Fußball?

Hopp: Seit ich in der Lage war, einen Ball zu treten, habe ich gekickt. Mit 14 fing ich an, in einer Mannschaft zu spielen. Bis zum Ende meines Studiums war ich in Hoffenheim aktiv, da war ich 25. Danach habe ich mich auf meinen Beruf konzentriert, für das Training blieb keine Zeit mehr. Aber ich habe immer verfolgt, wie es in Hoffenheim weitergeht. 1989 begann ich, den Verein zu unterstützen. Die TSG sollte raus aus der zweituntersten Liga. Dass wir mal in der Bundesliga landen würden, war nicht mein Ziel.

ZEIT ONLINE: Kaum jemand hat in der Bundesrepublik so viel Geld in soziale Projekte gesteckt wie Sie, trotzdem sind Sie vor allem als Fußballmäzen populär geworden.

Hopp: Ich ärgere mich, dass mein Engagement im Fußball die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Fußball sollte der Spaßfaktor in meinem Leben sein. Aber er bringt hässliche Erscheinungen mit sich. Am deutlichsten habe ich Neid in meinem Leben im Fußball zu spüren bekommen. Menschen, die mich gar nicht kennen, haben mich als Hurensohn bezeichnet. Wenn Hoffenheim nicht erfolgreich war, war ich für viele Leute der Schuldige. Aber das war früher schlimmer und hat sich mit der Zeit gelegt. Der Fußball ist nicht mein Leben, er ist nur ein Ausschnitt.

Dortmunder Fans zeigten dieses Transparent im September 2008 in Hoffenheim. ©DPA Picture Alliance / Uli Deck

ZEIT ONLINE: Gab es Momente, in denen Sie den Einstieg in den Fußball bereut haben?

Hopp: Die Momente gab es sicher. Aber es waren nur Momente. Ich kenne mich in der Wirtschaft aus, ich interessiere mich für Forschung, aber im Fußball gibt es einen Unterschied: die Emotionalität. Ich betrachte den Fußball auch mit Emotionen, aber nicht so intensiv wie andere. Wenn wir ein Spiel verlieren, dann schlafe ich schlechter und träume von dem Mist. Fußball ist noch immer der Sport, der mir am meisten Spaß macht. Selbst wenn es nur Torwandschießen ist. Oder ich mit den Enkeln im Garten spiele.

ZEIT ONLINE: Inzwischen haben Sie mehr als 350 Millionen Euro in den Fußball gesteckt.

Hopp: Ja, aber nicht nur in Spielergehälter, wie es oft überzeichnet wird. Ein Stadion ist entstanden und eine Infrastruktur mit Trainingsplätzen. Ich nehme die Finanzregeln der Fußballverbände sehr ernst. Die TSG muss sich selbst tragen können, ohne meine Hilfe. 2016 schaffen wir das zum ersten Mal. Ich will meinem Sohn, der das übernehmen soll, keine Verlustwelle überlassen. Natürlich möchte ich mit der TSG die Champions League gewinnen, aber ich möchte auch zwei Meter fünfzig hoch springen. Beides ist unrealistisch. Unser Stadion und unsere Sponsorenbasis sind beachtlich, aber damit können wir nicht mit dem FC Bayern konkurrieren. Das können wir nie. Die Leute sollten sich nicht blenden lassen. Dafür können wir an anderer Stelle mithalten.

ZEIT ONLINE: Wo genau?

Hopp: Das Investment im Fußball tut mir nicht weh, wenn es gut läuft. Ein Zweck muss aber erfüllt sein: Der Profifußball soll die Jugend motivieren, Sport zu treiben. Ich habe mir von Anfang an eine Förderung gewünscht, in der nicht nur der nächste Sieg im Vordergrund steht. Wir haben 2001 den gemeinnützigen Verein "Anpfiff ins Leben" gegründet. Ein ganzheitliches Konzept, das Fußball, Bildung und Suchtprävention vereint. An mehreren Standorten der Region erreichen wir so mittlerweile mehr als 3.500 Kinder und Jugendliche. Schulen, Verbände, Unternehmen und soziale Einrichtungen unterstützen uns. "Anpfiff ins Leben" hat 50 feste und mehr als 400 freie Mitarbeiter.

ZEIT ONLINE: Wie beeinflusst dieses Projekt die Talentsuche im Profifußball?

Hopp: Es geht um eine Kultur, die den Menschen ins Zentrum rückt. Wir möchten die Jugendlichen auch im Leistungsbereich nicht von der Schule nehmen und nur auf Fußball trimmen. Nur ein kleiner Prozentteil der Nachwuchsspieler wird mit Fußball den Lebensunterhalt verdienen können. Bei uns wird gleichermaßen auf Sport und Berufsorientierung geachtet. Und wenn jemand schlechte Schulnoten bekommt, muss er eben im Fußball etwas kürzer treten.

"Das könnte nun einen Aufschrei geben"

ZEIT ONLINE: Immer mehr Vereine gründen eine eigene Abteilung für gesellschaftliche Verantwortung. Wie kann der Gedanke von Corporate Social Responsibility noch mehr in die Unternehmenskultur der TSG Hoffenheim hineinwirken?

Hopp: Indem wir intern noch intensiver verdeutlichen, was wir machen, wie wir es machen und mit wem wir kooperieren. Wir müssen verdeutlichen, welche gesellschaftliche Verantwortung wir haben, als club und jeder einzelne, der für ihn arbeitet. Wir sind privilegiert, ohne Frage. Deshalb muss es eine klare Anlaufstelle für CSR geben. Es muss transparent kommuniziert werden, und wir müssen nachvollziehbare Projekte anschieben. Zudem muss das alles sauber dokumentiert werden. An all diesen Dingen wird gerade sehr intensiv gearbeitet.

ZEIT ONLINE: Kann der Fußball helfen, Ihre medizinischen Themen bekannter zu machen?

Hopp: Ja, durchaus. In Heidelberg gibt es das NCT, das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen. Wenn jemand Krebs hatte und als geheilt gilt, dann hat er trotzdem Krebsstammzellen in seinem Körper. Diese Zellen sollen leichter aufgespürt und vernichtet werden. Ich habe dem NCT eine Spende von 15 Millionen Euro übergeben, um die Forschung zu beschleunigen. Nun arbeiten wir an einer Kooperation zwischen dem NCT und der TSG Hoffenheim. Wir möchten eine Studie erstellen, in der wir die Rolle von Sport und Bewegung in der Krebstherapie darstellen. Für diese Forschung können unsere Spieler Aufmerksamkeit erzeugen. Aber wir müssen in unserer Kommunikation vorsichtig sein. Sonst heißt es wieder, es gehe uns nur um das Image.

ZEIT ONLINE: Sollte die Deutsche Fußball-Liga das gesellschaftliche Engagement in die Lizenzierung für die Vereine aufnehmen?

Hopp: Ich fände es nicht schlecht. Man könnte einen Prozentsatz für soziale Initiativen veranschlagen, wobei der FC Bayern das leichter durchsetzen kann als Darmstadt.

ZEIT ONLINE: An wie viel Prozent denken Sie?

Hopp: Drei Prozent des Jahresumsatzes wären angemessen. Ich weiß, das könnte nun einen Aufschrei geben, aber ich finde das angemessen.

ZEIT ONLINE: Regelmäßig treffen sich die CSR-Verantwortlichen der Clubs zum Austausch. Warum bringen Sie sich dort mit Ihrem Wissen nicht intensiver ein?

Hopp: Bislang ist niemand auf mich zugekommen und hat nach meinen Erfahrungen gefragt, aber das erwarte ich auch nicht. Vermutlich sind die Ziele und Satzungszwecke der Stiftungen zu verschieden. Viele Projekte an anderen Standorten rücken den Sport in den Mittelpunkt, in unseren Projekten ist der Sport ein Thema von vielen. 2010 bin ich 70 Jahre alt geworden, ich habe mir geschworen, keine neuen Felder mehr zu beschreiten. Zudem nimmt dort ein Vertreter aus unserer Kommunikationsabteilung teil. Ich werde also informiert, und sollte mein Rat gewünscht sein, gebe ich ihn gerne.

ZEIT ONLINE: Haben Sie je überlegt, in die Politik zu gehen?

Hopp: Das wäre das Letzte, was ich gewollt hätte. Manchmal sitze ich heute noch um 23 Uhr am Computer, schreibe Briefe oder beantworte E-Mails. Das war so nicht geplant. In der Politik wäre es ein Dauerzustand gewesen, daher habe ich Hochachtung vor den Menschen, die sich in politischen Ämtern aufreiben.

ZEIT ONLINE: Sie haben Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen unterstützt. Im Fußball dagegen war auf einem Banner eines Dortmunder Fans ein Fadenkreuz auf Ihr Gesicht gerichtet. Haben Sie sich unter dieser ständigen Beobachtung verändert?

Hopp: Ich hoffe nicht. Menschen, mit denen ich eng zusammenarbeite, sagen, dass ich in Interviews vorsichtiger geworden bin, vielleicht diplomatischer. Aber so schlimm wäre das auch nicht. Ich muss mich ja nicht zu allem äußern. Die wichtigeren Dinge finden ohnehin woanders statt.