ZEIT ONLINE: Marco Pezzaiuoli, der chinesische Fußball boomt und Sie sind seit zwei Jahren als Ausbildungsleiter beim größten chinesischen Club Guangzhou Evergrande mittendrin. Welche Dimension hat der Fußball in China?

Marco Pezzaiuoli: In unserem Internat wohnen 3.000 Jugendliche, es ist weltweit die größte Akademie. Das ist wie ein kleines Hogwarts. Wir haben 50 Fußballplätze, 27 spanische Trainer und mehr als 150 Trainer aus China. Es gibt hier auch eine Schule und alle Lehrer wohnen hier wie in einer kleinen Stadt mit einem Kino. Das braucht es auch, denn die Kinder leben weit weg von ihren Familien.

ZEIT ONLINE: Gibt es Nachwuchsstrukturen wie in Deutschland?

Pezzaiuoli: Wir haben nur alle zwei Monate ein Spiel, es gibt keine Nachwuchsligen. Die Kinder kommen zwar sehr jung ins Internat, aber regelmäßigen Spielbetrieb gibt es nicht. Es finden nur vier Turniere im Rhythmus von zwei Monaten statt, acht Spiele alle zwei Tage, was zu viele in einem zu kurzem Zeitraum sind. Das ist kontraproduktiv für die Entwicklung junger Spieler. In den Ballungszentren, wie in Peking oder in Guangzhou wird Fußball gespielt, in den ländlichen Regionen hingegen nicht. Bei Kindern ist es aber wichtig, dass sie nach einer guten Trainingswoche auch spielen, um Erfahrungen zu sammeln und ihre Kreativität entwickeln.

Marco Pezzaiuoli als Trainer der TSG Hoffenheim. Heute ist er Nachwuchsleiter von Guangzhou Evergrande. ©DPA Picture Alliance / Roland Weihrauch

ZEIT ONLINE: Momentan blicken europäische Manager nervös nach China, Uli Hoeneß sagte, es sei nur noch krank, wie viel Geld chinesische Vereine ausgeben. Können Sie ihn beruhigen?

Pezzaiuoli: Der Fußball in China ist noch sehr jung. Man versucht jetzt, Topfußballer aus den Topligen nach China zu holen. Topstars sind Vorbilder für die Jugend, Topstars verbessern das Niveau der Liga aber der chinesische Fußball muss aufpassen, dass Transferausgaben und Gehälter den Fußball in China nicht kaputt machen und da stimme ich Uli Hoeneß zu. Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren angefangen habe, gab es 7.000 aktive Fußballer in China, jetzt sind es 10.000. Es geht langsam voran. Präsident Xi Jinping sorgt derzeit für großes Wachstum und jeder will ihm gefallen. Entscheidend ist es, dass man in den Nachwuchs investiert, Trainer besser ausbildet, Leistungszentren nach europäischem Topniveau und dass regelmäßiger Spielbetrieb stattfindet

ZEIT ONLINE: Wie sind die Vereine organsiert?

Pezzaiuoli: Unser Fußballverein wird von einer Investorengruppe und Alibaba getragen. Wir sind ein junges und modernes Unternehmen, das Investitionen in den Fußball langfristig plant. Einige Clubs werden noch vom Staat gefördert. Wie nachhaltig der Fußball in den nächsten zehn, zwanzig Jahren ist und wie es sich weiterentwickelt, das kann ich nicht einschätzen.

ZEIT ONLINE: Momentan überschütten chinesische Clubs den Fußballmarkt mit Geld und locken die Spieler. Carlos Tévez wechselte zu Shanghai Shenhua und verdient mehr als 100.000 Euro pro Tag. Messi, Ronaldo, Lewandowski, alle haben angeblich unanständig hohe Angebote aus China ausgeschlagen. Entsteht dort eine große Blase?

Pezzaiuoli: Das Positive ist, dass Investoren Geld in die Hand nehmen und in den Fußball investieren. Ich finde es auch besser, dass in Stars investiert wird und nicht in durchschnittliche Spieler. Die Problematik ist, dass die Ausgaben zu hoch sind, der Spagat zwischen chinesischen Spielern und ausländischen Spielern ist zu extrem. Dadurch werden durchschnittliche chinesische Spieler auch teurer. Die Ausgaben sind für sie viel zu hoch. Gehalt und Leistungsniveau passen nicht mehr zusammen.

ZEIT ONLINE: Erschrecken Sie eigentlich, wenn Sie die Transfersummen mitbekommen?

Pezzaiuoli: Die Dimensionen passen nicht. Dieser Boom hat einen Rattenschwanz. Für mittelmäßige, chinesische Spieler werden zehn bis fünfzehn Millionen Euro gezahlt. Das ist problematisch.

ZEIT ONLINE: Haben Sie im Nachwuchsbereich auch unbegrenzte Mittel zur Verfügung?

Pezzaiuoli: Mein Verein hat erkannt, dass wir in den Nachwuchs investieren müssen. Wir dürfen viel reisen und ausländische Trainer verpflichten. Wir haben zwar die größte Fußballakademie der Welt, aber im Vergleich zu Hoffenheim oder Leipzig, die mit Sicherheit die beste Akademie in Deutschland betreiben, fehlen uns noch moderne Geräte für das Training und für die medizinische Abteilung.

ZEIT ONLINE: Sie sind seit zwei Jahren in China, Ihre Familie lebt hingegen weit weg. Wie geht es mit Ihnen weiter?

Pezzaiuoli: Mein Vertrag endet 2017 und meine Familie lebt noch in Deutschland. Es ist sehr interessant was hier passiert und die Arbeit macht richtig viel Spaß. Natürlich vermisst mich meine Familie und ich habe große Sehnsucht nach ihnen. In diesen drei Jahren hier möchte ich etwas geprägt und entwickelt haben. Dann werde ich mich mit meiner Familie zusammensetzen und schauen, wie der gemeinsame Weg aussieht.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das Interesse der Chinesen an Fußball entwickelt?

Pezzaiuoli: Es steigt stetig. Unser Stadion mit 60.000 Plätzen ist immer ausverkauft. Wir haben eine Fankultur, wie wir es aus den europäischen Stadien kennen. Die neuen Topstars aktivieren das Merchandising, die Fernsehsender berichten immer mehr über den Fußball. Livespiele finden immer statt, das ist natürlich gut für den Nachwuchs. Den Idolen möchte man nacheifern. Die Identifikation mit der Nationalmannschaft ist in der Bevölkerung sehr hoch.

ZEIT ONLINE: Das Niveau hingegen nicht.

Pezzaiuoli: Bisher hat sich China nur für eine WM qualifiziert, 2002, als Japan und Südkorea Ausrichter waren. Guangzhou Evergrande war sechsmal in Folge Meister und in dieser Zeit auch Pokalsieger und Champions League Sieger. In der Breite der Liga können die chinesischen Vereine aber nicht mit den Topligen Europas mithalten. Die große Gefahr besteht darin, dass die ausländischen Stars Schlüsselpositionen besetzen und darunter die Nationalmannschaft leidet.

"Zehn Stunden Flugzeit für einen Spieler"

ZEIT ONLINE: Schaden die Neueinkäufe dem chinesischen Fußball?

Pezzaiuoli: In Italien gab es Zeiten, in denen Mannschaften ohne Italiener aufliefen. So ist es hier nicht. Es dürfen maximal vier Nicht-Asiaten in den Mannschaften spielen. Ich finde es trotzdem gut, dass in Topstars investiert wird. So wird der Fußball noch populärer. Und die Nachwuchsspieler brauchen Vorbilder.

ZEIT ONLINE: China erstreckt sich über eine Fläche, in die Deutschland fast 27 Mal hineinpasst. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit? 

Pezzaiuoli: Es ist ein großes Problem, regelmäßig Nachwuchsspiele zu absolvieren. Wenn wir Spiele bestreiten möchten, müssen wir mindestens zwei Stunden Flugzeit in Kauf nehmen. Wenn wir Jugendspieler scouten, reden wir auch von acht bis zehn Stunden Flugzeit. Dazu kommt, dass junge Spieler frühzeitig schon von ihren Eltern getrennt aufwachsen müssen. Und die Temperaturunterschiede sind enorm, wir haben im Sommer über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und viel Regen, während es im Norden im Winter minus 10 Grad kalt ist. 

ZEIT ONLINE: Sind Sie deshalb gerade in Spanien?

Pezzaiuoli: Europareisen finden regelmäßig statt, gerade bin ich mit der U19 in Spanien. Im Jahr sind wir bis zu sechs Monate im Ausland und spielen gegen europäische Teams. Ein anderes Modell ist es, mit Vereinen zu kooperieren. Wir arbeiten mit Real Madrid zusammen. Spieler im Alter von 12 bis 14 Jahren gehen für ein Jahr nach Madrid.

ZEIT ONLINE: Welcher Fußball wird in China gespielt?

Fans von Guangzhou Evergrande während des Viertelfinals gegen die Western Sydney Wanderers in der asiatischen Champions League. ©Getty Images / Visual China Group

Pezzaiuoli: Der chinesische Fußball wird durch die Trainer aus dem Ausland geprägt. Wenn man die Statistiken analysiert, zeigt es die große Diskrepanz zwischen den Topligen und China: Die Zahl der maximalen Sprints pro Spiel unterscheidet sich, bis der Pass gespielt wird dauert es länger und das sind nur einige Punkte, die darlegen, dass das Tempo niedriger ist als in Europa. Guangzhou Evergrande spielt einen sehr offensiven Fußball, mit hohem Pressing, schnellem Umschaltspiel, und ballorientiertem Vorwärtsverteidigen.

ZEIT ONLINE: Wann stößt China in die Weltspitze vor?

Pezzaiuoli: Das wird dauern. Wir haben einige Talente, aber in der Breite fehlt es an Toptalenten. Wir müssen noch mehr in die Trainerausbildung im Nachwuchsbereich investieren. Japan und Korea können in dieser Hinsicht Vorbilder sein, aus diesen Ländern sieht man einige Spieler mittlerweile in den Topligen Europas. Mithilfe verbesserter Leistungszentren und einer soliden Trainerausbildung muss das auch das Ziel für China sein.

ZEIT ONLINE: Präsident Xi sagte schon 2015, dass es sein größter Traum sei, wenn chinesische Teams zu den besten der Welt gehören.

Pezzaiuoli: Es findet eine kurzfristige Entwicklung statt. Fußball steht jetzt auf dem Lehrplan der Schulen. Das war vorher nicht so. Es fehlt allerdings noch die langfristige Sicht. Das ist auch ein gesellschaftliches Problem in China. Niederlagen werden nicht akzeptiert, kleine Entwicklungen werden nicht gesehen. Es zählt nur der Sieg. Da muss ein Umdenken stattfinden. Das hat sich in Deutschland auch erst durch die erfolglose EM 2000 geändert. Diese Zeit muss man China auch zugestehen.

ZEIT ONLINE: Was fehlt noch?

Pezzaiuoli: In den Kindergärten und Schulen werden jetzt schon mehr körperliche und koordinative Fähigkeiten gefördert. Auch mit deutschem Wissen. Die Kinder kommen schon mit besseren Voraussetzungen zu uns. Dennoch beobachte ich, dass es den meisten Chinesen an der Koordination mangelt. Einzelne Aufgaben können sie perfekt und mit hohen Wiederholungszahlen absolvieren, die Torhüter halten 100 Schüsse am Stück. Wenn sie aber dabei noch spezielle, torhütertypische Bewegungen machen sollen, wird es schwierig. Im Kindergartenalter werden diese Fähigkeiten nicht ausgebildet.

ZEIT ONLINE: Sie trainieren vor allem den Nachwuchs, welche Probleme gibt es dort?

Pezzaiuoli: An den Jugendlichen wird zu viel herumgezerrt. Die Spieler melden sich bei der Stadt, Provinz oder dem Verein an. Es ist schon vorgekommen, dass Spieler von mir ein halbes Jahr weg waren, weil sie plötzlich in der Provinzauswahl gespielt haben. Eine kontinuierliche Entwicklung ist so nicht möglich. Die Nachwuchsspieler werden ausgesaugt. Ein durchschnittlicher Nachwuchsspieler wird für 500.000 Euro transferiert. Das ist nicht förderlich.