Roland Vrabec lacht ehrlich und freundlich, wenn es um seinen Job geht: "Das ist schon ein Sechser im Lotto", sagt er. Vrabec ist 42 Jahre alt, Fußballlehrer und gerade Trainer in seiner Heimatstadt, beim Drittligisten FSV Frankfurt.

Die Karriere des jungen Trainers sagt viel über den Beruf des Fußballlehrers. Fans kennen vom Spitzenpersonal die Lieblingsweine, von den anderen, denen aus der zweiten oder dritten Reihe, aber noch nicht mal den aktuellen Club. "Ich habe einen von 54 Profi-Trainerposten. Das ist ein Privileg", sagt Vrabec. Doch er weiß auch: Es ist ein raues Umfeld, eine Karriere voller Ungewissheit. Ständig droht Arbeitslosigkeit. Die Aussicht auf Erfolg, ein Team mit jungen Menschen zu führen und die positiven Emotionen: Danach sind viele Trainer süchtig.

Eine Trainerkarriere ist kaum planbar

890 Fußballlehrer mit gültiger Lizenz zählt der Deutsche Fußball-Bund. Sie alle wollen eine Anstellung bei einem der insgesamt 56 Profivereine in den ersten drei Ligen. Auch wenn noch einige Stellen im Nachwuchsbereich und beim DFB dazukommen: Das kann nicht aufgehen. "Es ist ein schnelllebiges, knallhartes, manchmal brutales Geschäft", sagt Lutz Hangartner, Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer, "wer zwei Mal gescheitert ist, kommt schwer wieder rein."

Wer aber Erfolg hat, der wird gefeiert. Doch bleiben die Ergebnisse aus, steigt der Druck. Wer sich in der Bundesliga fünf Niederlagen in Folge leistet, wie Schalkes neuer Trainer Markus Weinzierl zu Beginn der Bundesligasaison, wird immer infrage gestellt. Der Weg vom Star zum Versager ist für Profitrainer besonders kurz. Dabei werden die Leistungen in den Geschäftsstellen und von den Fans oft anhand von Emotionen bewertet. Das führt dazu, dass eine Trainerkarriere kaum planbar ist. Es gibt keinen Karrierepfad, keinen Plan A, wie in anderen Berufen. Stattdessen fordert der Beruf Mut, Selbstvertrauen und eben auch ein bisschen Glück.

Das weiß auch Roland Vrabec, der neben dem Sportstudium zunächst als Nachwuchscoach beim FSV Frankfurt arbeitet, später als Analyst und Co-Trainer der zweiten Mannschaft beim 1. FSV Mainz 05. Vrabec bekommt einen der begehrten Ausbildungsplätze an der Sportschule in Hennef und darf die Fußballlehrerlizenz machen. Es ist in Deutschland die höchste Trainerlizenz, die Eintrittskarte in die Profiligen. Und eine wegweisende Entscheidung. Rund 15.000 Euro kostet der Lehrgang, der Bürde und Versprechen zugleich ist. Wer die Lizenz hat, will auch auf die Trainerbank.

Ex-Profis haben einen Bonus

In seiner ersten Saison 2013/14 beim FC St. Pauli spielt Vrabecs Team um den Aufstieg mit – obwohl das Ziel eigentlich der Klassenerhalt war. Das weckt Erwartungen und schon in der nächsten Saison kippt die Stimmung: Vier Spiele, vier Punkte – Vrabec muss im September 2014 gehen. Das erste Mal ist er arbeitslos: "Ich habe mir schon Gedanken gemacht, habe mich hinterfragt. Aber ich habe nie an mir gezweifelt. Das darf man in diesem Job auch nicht."

Der 42-Jährige verkörpert in doppelter Hinsicht einen gerade begehrten Trainertyp. Wie Julian Nagelsmann (TSG Hoffenheim), Thomas Tuchel (BVB) oder Bremens Alexander Nouri hat Vrabec keine große Fußballkarriere vorzuweisen. Während Ex-Profis oft einen Bonus haben, wenn sie in die Trainerlaufbahn einsteigen wollen, müssen sich die anderen selbst den Aufstieg auf eine Bundesligabank erarbeiten. "Mir hat nie irgendjemand irgendwas geschenkt. Eher im Gegenteil", sagt er.

Und sein Karriereeinstieg als Chefcoach ist typisch für die letzten Jahre. Einst war er Co-Trainer unter Michael Frontzeck beim FC St. Pauli und wurde nach dessen Entlassung zum Chef befördert. "Wahrscheinlich war ich einer der ersten, bei dem es so lief", sagt der heutige Frankfurt-Coach. Nach einem Abstecher in die Schweiz, als Co-Trainer in Luzern, ist er beim FSV Frankfurt gelandet. Der Saisonstart lief schlecht, der Absteiger fand sich im Tabellenkeller wieder. "Das ist keine schöne Situation. Es ist schwer, die Arbeit dann nicht mit nach Hause zu nehmen", sagt der Familienvater. Er schaffte die Wende, auch wenn sein Team, nach einem Zwischenhoch, in der Winterpause nun auf Platz 12 steht.

Spielen die Spieler schlecht, muss der Trainer gehen

Fußballtrainer, das sei auch ein Job, der viel mit Zufall zu tun hat, sagt Fußballlehrer-Präsident Hangartner. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, diese Floskel trifft auf Trainer zu. Dazu kommt das Glück im Spiel selbst. "Schießt der Stürmer fünf Mal daneben und das drei Spiele hintereinander, ist der Trainer das schwarze Schaf", sagt Hangartner. Es ist die alte Leier: Spielen die Spieler schlecht, muss der Trainer gehen.

Hinzu kommen die großen Einkommensunterschiede. "In der zweiten, dritten, vierten Liga können Trainer keine Reichtümer anhäufen", sagt Hangartner. Je nach Lebensstil könnten Trainer einige Monate, vielleicht sogar Jahre überbrücken. Doch was dann? "Das Fatale an dem Job ist, dass man nach einiger Zeit, und das sind nur wenige Jahre, in Vergessenheit gerät", sagt Hangartner, "dann müssen sich einige Trainer im Ausland umsehen oder tauchen in der Regionalliga auf." Ein Trend verschärft die Situation: Immer mehr Trainer haben, wie eben Vrabec, keine große Spielerkarriere hinter sich. Und konnten dementsprechend kaum Rücklagen aus der Profizeit bilden.

Über Hospitanzen in den Job

Manche arbeitslosen Trainer wechseln dann die Branche. Holger Stanislawski führt seit 2014 einen Supermarkt in Hamburg und analysierte erst vor Kurzem wieder als TV-Experte für das ZDF Spiele der EM 2016. Andere bleiben im Geschäft und werden Scout, Manager oder Berater. Fast 500 Fußballlehrerlizenzen sind ungültig, ihre Besitzer haben die alle zwei Jahre fälligen Fortbildungen nicht besucht. Untersuchungen zur Karriere nach der Trainerkarriere existieren keine.

Andere Trainer wollen unbedingt im Job bleiben. Norbert Düwel zum Beispiel. Über Hospitanzen bei einigen renommierten Vereinen machte er sich einen Namen. "Das geht zum Teil nur mit den nötigen Kontakten, die einem die Hintertür öffnen", sagt der gebürtige Altöttinger. Auch er erwarb die höchste Trainerlizenz und arbeitete zunächst als Scout für Manchester United. 

Zwischen 2010 und 2013 war er Co-Trainer bei Hannover 96. Damals waren die Niedersachsen unter Cheftrainer Mirko Slomka noch erfolgreich, mittlerweile spielen sie in der zweiten Liga. Düwel verließ den Bundesligisten, um selber Cheftrainer zu werden. Seine erste Station war ab dem Sommer 2014 Union Berlin. "Ziel ist es immer, höchstmöglich zu arbeiten", sagt Düwel, der früher Dozent an der TU München war und zwei Bücher zur Trainingslehre geschrieben hat. Das alles ließ Düwel liegen, um Trainer zu sein. 

"Ich habe in meiner ersten Saison den siebten Platz erreicht, nach einem kompletten Umbruch", sagt Düwel. In seiner zweiten Saison in Berlin wird er entlassen – am fünften Spieltag. Es ist fast die Kopie von Vrabecs erster Entlassung. "Mit so einer Entscheidung muss jeder in dem Geschäft rechnen, aber der Zeitpunkt kam dann doch überraschend", sagt Düwel. Dennoch, den Beruf Fußballlehrer nennt auch er ein "Privileg".  

Existenzängste oder Selbstzweifel sind Düwel fremd. "Ich bin komplett überzeugt von meiner Arbeit und davon, dass sie Erfolg für Club und Mannschaft bringt", sagt der 48-Jährige. Nach seiner Entlassung in Berlin lehnte er erste Jobangebote ab. Arbeitslose Trainer müssen abwägen: Man will beim möglichst besten Verein arbeiten, klar. Aber zu wählerisch dürfen sie nicht sein, sonst gerät man in Vergessenheit. "Mein nächster Schritt wird gut überlegt sein. Geduld haben gehört dazu", sagt Düwel. 

Um die Sehnsucht nach dem Trainingsplatz etwas zu stillen, hospitiert er jetzt wieder. Zuletzt war Düwel bei RB Leipzig. Das sei "keine Beschäftigungstherapie, die machen dort die beste Arbeit, sonst wäre Leipzig nicht ganz oben. Nur von den Besten kann man lernen", betont Düwel. Er sucht sich interessante Themen, um sich weiterzuentwickeln. In Leipzig seien es vor allem das Trainingsgelände und das Umfeld gewesen, das ihn interessiert hat. Viele Trainer haben damit quasi einen normales Arbeitsleben: Fortbildungen, Hospitanzen, am Wochenende Spiele anschauen. Wie ein Job eben, nur ohne Bezahlung.