Wenn die Biathlon-WM in Hochfilzen an diesem Sonntag mit den Massenstarts der Frauen und Männer und womöglich auch wieder mit deutschen Medaillen zu Ende geht, schaut vielleicht im Internet jemand ganz Besonderes aus den USA zu. Dieser ganz besondere Jemand ist eine Frau, die für Deutschland Sportgeschichte geschrieben hat: Die Thüringer Biathletin Antje Misersky, wie sie damals noch hieß, wurde auf den Tag genau vor 25 Jahren im französischen Albertville im 15-Kilometer-Rennen als erste Deutsche Biathlon-Olympiasiegerin. Das war auch deswegen so besonders, weil es nicht nur die ersten olympischen Frauenwettbewerbe in dieser Disziplin waren, sondern auch der erste Auftritt der wiedervereinigten deutschen Olympiamannschaft nach dem Mauersturz.

Vor allem ist die persönliche Geschichte Antje Miserskys und ihrer ganzen Familie einmalig. Ihre Karriere war Mitte der Achtzigerjahre eigentlich schon beendet, sie hatte in der DDR-Diktatur nicht die Konfrontation mit denen gescheut, die das staatlich verordnete Dopingsystem verantwortet haben. Ihre hartnäckige Weigerung, Doping einzunehmen, führte zu Repressalien und 1985 zum Ausschluss aus dem Leistungssport. In Frankreich dann das Happy End. Sie bewies, dass man auch ohne Doping Weltspitze sein kann. Sie gewann noch Silber über 7,5 Kilometer und mit der Staffel, mit Uschi Disl und Petra Schaaf. Bei der Schlussfeier durfte sie die bundesdeutsche Fahne tragen.

Was für ein bewegender Moment damals! Überglücklich fiel die Siegerin im Ziel ihrem Vater Henner Misersky in die Arme. Ihm widmete sie den Sieg. Vater und Tochter verbindet ein Schicksal. Weil er sich als Skilanglauftrainer im Sportclub Zella-Mehlis dem Staatsdoping verweigerte, wurde er 1985 fristlos entlassen. Er konnte es nicht verantworten, dem kurz zuvor verkündeten DDR-Skiverbandsprogramm zu folgen, das auch den betrügerischen und illegalen Einsatz von gefährlichen Hormonpräparaten vorsah. Die Fälle von geschädigten Neugeborenen hatten sich gehäuft, aufkommende Angst und die steigende Ungewissheit bezüglich der von DDR-Wissenschaftlern entwickelten Mittel und Methoden zudem die Freude am sozialistischen Leistungssport überlagert. Auch die Tochter wurde nach seinem Rauswurf von Funktionären unter Druck gesetzt. Sie hörte auf.

Ständige Querelen mit den SED-Apparatschiks

Heute herrscht Klarheit über das Staatsdoping in der DDR und die verheerenden Gesundheitsschäden, viele mit Todesfolge. Selbst die in der DDR nicht zugelassene Steroidsubstanz des VEB Jenapharm STS 646 wurde im Skilanglauf eingesetzt, Hormontabletten wurden in Vitamingetränken aufgelöst und Testosteronpräparate gespritzt, ohne dass die Athleten davon Kenntnis hatten, wie es der damalige Verbandsarzt Hans-Joachim Kämpfe aus Kreischa (IM "Schmied") Mitte der Achtziger mit buchhalterischer Genauigkeit als Stasispitzel berichtete. Auch Heike, die drei Jahre ältere Schwester von Antje, war bis zu Beginn der Achtzigerjahre als gute Skilangläuferin aktiv. Die Stasi wollte, dass sie ihre Kameraden und die Familie bespitzelt. Sie erzählte ihren Eltern davon und distanzierte sich von den Stasiwerbern.

Die ganze Familie geriet in Sippenhaft. Antje Misersky, mit 17 bereits Bronzemedaillen-Gewinnerin bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften mit der DDR-Langlaufstaffel 1985 in Seefeld, kam auf die schwarze Liste. Sie durfte nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen, selbst als DDR-Skilanglauf-Meisterin nicht den Titel verteidigen. Nur bei Volksläufen war ein Start noch möglich. Die DDR-Presse samt deren gleichgeschalteten Sportjournalisten schwieg darüber, lediglich in den Ergebnislisten durfte der Name Misersky auftauchen. Auch Mutter Ilse, früher eine gute Leichtathletin, erinnert sich noch heute gut, wie viel Energie diese ständigen Querelen mit den SED-Apparatschiks aufbrauchte.