ZEIT ONLINE: Herr Dittl, der BVB hat die Strafe des DFB akzeptiert. Er wird 100.000 Euro zahlen und auf der Südtribüne werden am Samstag gegen Wolfsburg keine Fans stehen. Wie bewerten Sie das als Sportjurist?

Stephan Dittl: 25.000 Zuschauer werden kollektiv für das Vergehen Einzelner bestraft. Dass der BVB das akzeptiert, halte ich juristisch für fragwürdig.

ZEIT ONLINE: Die Strafe anzufechten, wäre ein fatales Signal gewesen, sagte Hans-Joachim Watzke. Ist das alles juristisch sauber?

Dittl: Politisch mag das nachvollziehbar sein, weil jeder die Bilder von außerhalb des Stadions im Hinterkopf hat. Die Strafe betrifft aber nur die Vergehen Einzelner im Stadion – und da habe ich Zweifel. Die betroffenen 25.000 Kartenbesitzer könnten versuchen, mit einer einstweiligen Verfügung ihr Recht auf den Stadionzugang gegen Wolfsburg durchzusetzen. Die Erfolgsaussichten sind für all diejenigen gut, die nicht an einem beleidigenden Plakat oder einem Schmähgesang – was immer das auch sein soll – beteiligt waren.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? 

Dittl: Grundsätzlich hat jeder Kartenbesitzer ein Zutrittsrecht, das nicht vom DFB, sondern allenfalls vom BVB eingeschränkt werden kann. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) für den Ticketkauf findet sich eine "Geisterspiel-Regelung". Die besagt, dass bei einem (teilweisen) Ausschluss der Öffentlichkeit durch den DFB der Kaufpreis für die Eintrittskarte nicht erstattet wird, sofern den BVB kein Verschulden trifft. Der Kunde soll wohl keinen Anspruch darauf haben, ins Stadion zu kommen, und er soll noch nicht mal sein Geld zurückbekommen. Das halte ich für unwirksam, weil das Risiko einer Sperre durch den DFB auf den Kartenbesitzer abgewälzt wird. Kommt ein Gericht auch zu diesem Schluss, müsste es die gesamte Klausel für unwirksam erklären. Klagt ein Fan dagegen und bekommt Recht, dürfte ihm der Zutritt am Samstag nicht verwehrt werden.

ZEIT ONLINE: Der BVB steckt aber in einer Zwickmühle. Er kann 25.000 Zuschauern keine alternativen Plätze anbieten. Deshalb macht er ihnen ein anderes Angebot. Den Fans mit Dauerkarte wird das Eintrittsgeld anteilig zurückgezahlt. Denjenigen, die eine Tageskarte erworben haben, wird das letzte Heimspiel gegen Bremen als Ersatz angeboten. Dieses Vorgehen legt eine weitere Passage in den AGB nahe.

Dittl: In den AGB steht, dass der BVB eine solche Regelung anbieten kann, er muss es aber nicht. Darum ist die Regelung unangemessen. Der BVB scheint einen guten Willen zu haben, juristisch halte ich die Klausel aber für fragwürdig. Wer eine Karte für das Spiel gegen Wolfsburg kauft, will auch das Spiel gegen Wolfsburg sehen. Das vom BVB angebotene Geld hilft dem Kartenbesitzer also nicht weiter. Und vielleicht hat er am letzten Spieltag gegen Bremen keine Zeit. Er wird bestraft, indem er das Spiel nicht sehen darf.

ZEIT ONLINE: Es gab schon ähnliche Fälle. Anhänger von Eintracht Frankfurt haben bereits im Oktober eine einstweilige Verfügung für das Pokalspiel gegen Ingolstadt erwirkt. Auch dort hatte der DFB den Fanblock geschlossen. Die Fans argumentierten, dass sich der Club nicht auf eine rechtswidrige Position des DFB berufen dürfe. Sie klagten sich ins Stadion. Sind Kollektivstrafen des DFB zulässig?

Dittl: Hier werden die Vereine vom DFB als Dritte für das Handeln Einzelner bestraft, und Vierte, die unbeteiligten Fans, haben darunter zu leiden. Eintracht Frankfurt hatte jedenfalls für Bundesliga-Spiele überhaupt keine Regelung in den AGB. Der BVB ist einen Schritt weiter. Er hat zwar eine Regel in den AGB, die erscheint mir aber unwirksam. Es ist zwar denkbar, eine wirksame Klausel zu schaffen – aber die beträfe nur das Symptom: Das große Übel sind die Kollektivstrafen. Wenn die Vereine weiterhin die Strafen zahlen, ändert sich daran nichts. Kein Verein hat sich bisher außerhalb der Verbandsorgane gegen diese Strafen gewehrt. Das macht keiner, weil der Club in der Öffentlichkeit als Verlierer dastehen würde. Dabei sind die Kollektivstrafen des DFB etwas, was längst hätte juristisch überprüft werden müssen.

ZEIT ONLINE: Der DFB-Präsident Reinhard Grindel forderte von den BVB-Fans einen "Aufstand der Anständigen", der Verband bestraft aber 25.000 von ihnen. Ist das sinnvoll?

Dittl: Der DFB will mit den Strafen Signale senden. Und bislang nimmt das jeder Club hin. Auch der BVB hat die Chance verpasst, die Kollektivstrafen anzufechten. Der DFB sagt das zwar nicht, bestraft den BVB aber auch für die prügelnden Idioten vor dem Stadion. Auf deren Taten hat der BVB keinen unmittelbaren Einfluss, sollte er, und erst recht: Sollten die weiteren Anhänger für sie haften? Ich denke nicht.