In dieser Bundesligasaison sind gleich zwei unumstößliche Wahrheiten in Gefahr. An die eine hat man sich gewöhnt: die ewige Erstklassigkeit des HSV. Die Hamburger, derzeit auf dem Relegationsplatz 16, sind nervös: "Man spricht ja immer von den magischen 40 Punkten. Ich glaube nicht, dass die diesmal reichen, um drin zu bleiben", sagte Abwehrspieler Dennis Diekmeier. Denn das ist die andere gefährdete Wahrheit: Die 40-Punkte-Regel scheint bedroht.

Geht es um die 40-Punkte, sind sie sich selbst beim HSV uneins: Heribert Bruchhagen, HSV-Vorstandsvorsitzender, widersprach seinem Spieler. Er sei überzeugt, dass 40 Punkte in jedem Fall genügen. Bruchhagen ist lange im Geschäft dabei, er vertraut den Traditionen.

Die wichtigste Regel der Liga

Zurückgehen muss man zunächst ins Jahr 1995. Da wurde in der Bundesliga die Drei-Punkte-Regel eingeführt. Seitdem gibt es für einen Sieg drei Punkte, für ein Unentschieden einen. Rechnerisch ist es möglich, mit bis zu 57 Punkten auf Platz 16 landen und trotzdem abzusteigen, aber auch mit sechs Punkten den Klassenerhalt zu schaffen. Weil das alberne Spielereien sind hat sich in der Praxis die 40-Punkte-Faustregel etabliert.

Eine runde Zahl und zudem noch zuverlässiger als die meisten Bauernregeln. In der Bundesliga ist noch kein Team mit 40 oder mehr Punkten abgestiegen. Mit 38 schon, der Karlsruher SC 1998. In der zweiten Liga gab es schon Absteiger mit 40 oder mehr Punkten (Chemnitz 1996, Mannheim 1997, Dresden 2006). Das lag aber nur daran, dass es vier Abstiegsplätze gab, nicht drei wie in der ersten Liga. Der 16. hatte auch in der zweiten Liga nie mehr als 39 Punkte.

Es ist die wichtigste Regel der Liga: Wer 40 Punkte holt, steigt nicht ab. Überprüfen lässt sich dieser Mythos, natürlich, mit der Mathematik anhand verschiedener Szenarien.

Dieses Jahr wackelt die Regel, weil die Bundesliga in einer seltenen Konstellation steht. Wie ein Sternbild, das nur alle Schaltjahre auftaucht: Nicht an der Tabellenspitze, da ist alles wie immer. Der FC Bayern holt sehr viele Punkte. Neu ist hingegen: Er ist darin konkurrenzlos. Kein anderes Team sammelt annähernd konstant. Und am Tabellenende sind zwei Teams (Darmstadt und Ingolstadt) abgeschlagen. Übrig bleibt vor allem ein sehr großes Mittelfeld aus elf Teams, das sich derzeit von Köln auf Platz sechs mit 37 Punkten bis zum HSV mit 27 Punkten erstreckt. 

Wenn die Punkte sich nicht auf eine Spitzengruppe verteilen und sich auch nicht am Tabellenende auf mehrere Teams aufteilen, sind sie eben im Mittelfeld der Tabelle zu finden. Deswegen befürchten nun einige, dass die 40 Punkte zum ersten Mal nicht reichen werden. Fast das gesamte Mittelfeld trägt Abstiegssorgen mit sich herum.

Das Mittelfeld ist riesig geworden

Beispielhaft ist Frankfurt auf Tabellenplatz sieben. Die Eintracht hat neun Punkte Rückstand auf den Champions-League-Rang vier und zugleich nur neun Punkte Vorsprung auf Platz 16, der am Ende das Relegationsspiel gegen den Dritten der zweiten Liga austrägt. Mathematisch spielen lässt sich so mit einigen Fanfantasien: Köln kann als derzeit Sechster noch Deutscher Meister werden, Ingolstadt hat als 17. noch die Chance auf die Qualifikation für die Champions League. Wenn die Ergebnisse zusammenpassen, könnte Hamburg mit nur einem Sieg den direkten Klassenerhalt schaffen. Leipzig könnte noch auf den Relegationsrang abrutschen.

Spielereien natürlich. Der klare Blick zeigt eine Auflösung bekannter Klassifizierungen. Spitzenmannschaften der vergangenen Jahre wie Leverkusen, Wolfsburg, Schalke oder Gladbach haben nicht mehr Punkte geholt als typische Mittelfeldmannschaften wie Köln, Mainz oder Augsburg. Daher ist das Mittelfeld so groß.

Derzeit tummeln sich viele Teams um die 30-Punkte-Marke. Schalke, Gladbach und Leverkusen liegen mit 33, 32 und 31 Punkten auf Platz neun, zehn und elf, Mainz, Bremen, Augsburg und Wolfsburg folgen gar gleichauf mit 29 Punkten auf den Rängen 12 bis 15. Hamburg ist mit 27 Punkten auf Platz 16.

Eine mögliche Berechnungsgrundlage: Die Teams halten ihren Punkteschnitt der Rückrunde bis zum Saisonende durch. Schalke, Gladbach, Bremen und Hamburg gehören zu den besten sieben Rückrundenmannschaften, auch Wolfsburg und Augsburg haben nach Trainerwechseln ihren Punkteschnitt im Vergleich zur Hinrunde verbessert. Nur Leverkusen und Mainz taumeln abwärts.

Punkten alle wie bisher, ergäben sich Punktzahlen von 49 (Gladbach) bis 38 (Mainz). Unter 40 Punkten wären damit Leverkusen und Mainz. Ingolstadt und Darmstadt hätten ebenfalls weniger als 40 Punkte, die Bundesliga bliebe sich in diesem Fall also treu: 40 Punkte reichen, um drin zu bleiben.