Als das Spiel des FC Arsenal gegen Hull City beginnt, sinken fast alle Zuschauer im Emirates Stadium auf ihre Sitze. Es sieht aus wie eine falsch ausgeführte La-Ola-Welle. Nur in der Kurve zwischen West- und Nordtribüne bleiben ein paar Hundert vor ihren Sitzen stehen, eine ungeschriebene Übereinkunft zwischen Fans und Verein – Stehplätze gibt es eigentlich keine.

Es ist ein ungleiches Duell an diesem kalten Februarsamstag: Arsenal, der Champions-League-Achtelfinalgegner des FC Bayern, steht in der Tabelle der Premier League weit oben, die Gäste kämpfen gegen den Abstieg. Als die Mannschaften in zwei Reihen auf das Spielfeld marschieren, erheben sich die Zuschauer von ihren Sitzen und applaudieren, eine epische Melodie hallt durch das Stadion. Als der Schiedsrichter das Spiel anpfeift, rufen vereinzelt Fans "Come on Arsenal!" auf das Feld. Dann wird es bedrückend still.

Ein Sittengemälde der englischen Fankultur

Stimmt es also, was man über die englische Fankultur sagt? Ist die Stimmung in den Stadien der Premier League wirklich so mies? Sind es Fans oder kommen nur noch Kunden – in England wird diese Frage seit Jahren diskutiert.

Michael Maxwell, 33 Jahre alt, Arsenal-Fan und seit acht Jahren Besitzer einer Dauerkarte, sagt: "Im Emirates ist es ziemlich mau." Maxwell betreibt die Website Football Shirt Collective, auf der man unter anderem klassische Fußballtrikots kaufen kann. Dort lebt die englische Fußballkultur, die jahrzehntelang die dominierende in Europa war, in alten Stoffstücken weiter. Er habe beobachtet, dass Fans im Stadion immer häufiger Vintage-Trikots tragen, um damit zu zeigen, dass sie schon viele Jahre lang dabei sind. Es ist ihre Abgrenzung zu den Touristen, die mittlerweile häufig im Stadion sitzen.

Am Dienstagabend spielt der FC Bayern sein Achtelfinal-Rückspiel gegen Arsenal. Das Hinspiel gewannen die Bayern 5:1, das Rückspiel in London ist für sie nur noch eine Pflichtübung. Wie wird die Stimmung sein? "Bei großen Spielen kann sie sich aufheizen, etwa in der Champions League gegen Bayern München oder Real Madrid", sagt Maxwell. Schon das Setting der Champions League, die großen Namen des europäischen Fußballs, verändert im Emirates die Stimmung. An einem gewöhnlichen Liga-Spieltag aber, noch dazu im Winter und gegen einen nicht sonderlich attraktiven Gegner wie Hull, bleibt das Stadion leise.

Der Londoner Fußballjournalist Andrew Butler schrieb einmal: "Ein Spiel im Emirates zu gucken, fühlt sich an, als würde man es zu Hause auf dem Sofa sehen – bloß mit der höchsten verfügbaren Auflösung." Das sei nicht nur bei Arsenal so, sondern auch bei den meisten anderen Clubs in Englands erster Liga. Auch der Guardian geht mit der englischen Stadionkultur nicht zimperlich um: Die Stadien seien oft "stille, frustrierende Orte, belebt einzig von Toren oder empfundener Ungerechtigkeit durch die Schiedsrichter".

Das merke man auch an den Liedern der Fans. Zwar schwappen gelegentlich eindrucksvolle Gesänge von umgedichteten Klassikern wie Norman Greenbaums Spirit in the Sky umgelegt auf die Manchester-Legende George Best über die Ränge. Doch gerne singen die Auswärtsfans auch einfach: "Is this a library?" Das gehört heute zu den häufigsten Gesängen: "Ist das eine Bibliothek?" – eine hämische Anspielung auf die schlechte Atmosphäre im Stadion des jeweiligen Gastgebers.

"Is this a library?"

Laut wird es bei Arsenal fast nur, wenn sie scheitern. Vor allem bei vergebenen Torchancen, "guck verdammt noch mal, wohin du schießt", krakeelt ein Mann mit Glatze und Daunenjacke jedes Mal, wenn wieder mal ein Spieler zu ungenau zielt. Es läuft die 13. Minute im Emirates, noch immer sind etliche Plätze im Stadion leer, einige werden es bis zum Schluss bleiben. Es ist zu lesen, das passiere aus Protest gegen die schwachen Leistungen der Mannschaft in den vergangenen Wochen. Trainer Arsène Wenger, seit 1996 ununterbrochen an der Seitenlinie, steht gerade wie selten zuvor in der Kritik.

Ein Dutzend Fans versucht, die Stille zu stören: "Stand up for the Arsenal", rufen sie mehrmals. Doch nur in ihrer Umgebung lassen sich andere mitreißen, die Mehrheit bleibt still sitzen. Auch von den aus Hull mitgereisten Fans ist nichts zu hören, nicht mal der Kurvenhit "Is this a library?"

Seit Mitte der 1990er Jahre sind in britischen Fußballstadien Stehplätze in den ersten beiden Ligen verboten. Damit reagierte die Regierung von Margaret Thatcher auf das Desaster von Hillsborough 1989. Bei einer Massenpanik starben im Stadion 96 Menschen, mehr als 700 wurden verletzt. Das Unglück ist bis heute ein Politikum. Damals schoben die Behörden und Teile der Medien die Schuld auf die Fans. Heute weiß man zwar, dass vor allem die schlampige Polizeiarbeit zu 96 Toten geführt hat. Die Sitzvorschrift aber wirkte in die englische Fankultur tief hinein. Aus vielen Fans wurden Zuschauer.