Für die Bruchteile von Sekunden spürte Luis Suarez den Ellbogen seines Gegenspielers Marquinhos auf der Schulter. Film ab. Suarez taumelte, sprang und fiel zur gleichen Zeit. Den Mund hat er so weit geöffnet, als würde er im großen Camp Nou seiner Frau im obersten Rang etwas zurufen wollen. Die Augen riss er erst weit auf, dann guckte er, als hätte man ihm eben ein Bein amputiert. Er litt so gut, dass man sofort aufspringen wollte, um ihm zu helfen. Bravo!

Der Kenner weiß, entscheidend für eine gute Schwalbe sind die Arme. Schon im Fallen fahndete Suarez an seinem Körper nach der besten Stelle, um wehleidig einen Treffer zu bekunden. Der Kopf? Zu offensichtlich. Die Hand glitt zuerst ans Ohr. Gut, aber es geht natürlich noch besser. Am Ende griff er sich selbst um den Hals, als würde er sich erwürgen wollen. Eine Sternstunde. Durchschnittliche Schauspieler halten sich an das Drehbuch, Virtuosen wie Suarez füllen ihre Rolle hingegen mit Leben.

Die deutschen Nörgler sind alleine

Er trieb es hinreißend schön auf die Spitze und es gab den Elfmeter. Barcelona schoss in der 90. Minute gegen Paris das 5:1, und ab da wusste jeder, dass Barça auch den benötigten sechsten Treffer in der Nachspielzeit noch schießen würde, um weiterzukommen. Theatralik, Timing, Ausdruck, mehrfach war Suarez schon als guter Interpret solcher Rollen aufgefallen, doch gestern verzückte er vollends.

Wer das nicht so sieht, dem fehlt nicht nur der Sinn für Ästhetik, sondern der ist auch noch naiv. Fußball war schon immer die beste Inszenierung von allen. Würde man dem Joker in Batman vorwerfen, er sei zu böse? Eben. Nichts schmerzt den Gegner mehr als eine erfolgreiche Schwalbe, sie ist im Fußball die beste Folter. Unter dem Tugendterror der Fair-Play-Diktatoren sind Schwalben verpönt. Doch das ist Unsinn, wie Suarez' Stück zeigt. Es war ein großer Erfolg, wenn man den Jubel über Barcelonas Erfolg betrachtet. Die deutschen Nörgler stehen ziemlich alleine da. Es gibt keine Zweifel mehr, Ästhetik geht vor Ethik, nicht nur im Fußball ist das der Lauf der Zeit. Was nun, ihr Fußballgutmenschen?

Wer es schafft, keine Berührung mit angemessener Theatralik und der nötigen Gerissenheit zu einem glaubwürdigen Foul aufzuplustern, wer also imstande ist, eine perfekte Schwalbe in den sterilen Fußball der Gegenwart einzufliegen, dessen Applaus sollte niemals enden. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Es ist eine der anspruchsvollsten Leistungen überhaupt, schön und angemessen zu fallen. Schauspieler, die nur zwei Gesichtsausdrücke haben, findet man langweilig. So verhält es sich auch mit den Stürmern. Nur Tore schießen kann jeder. Beklatscht gehören die Gerissenen.

Schwalben sind das Kavaliersdelikt

Diejenigen, die etwas auf sich halten, haben gleich mehrere Fallvarianten im Portfolio. Schon einige Minuten zuvor hatte Suarez mit einer kunstvollen Schrittfolge versucht, einen Elfmeter zu schinden. Er wittert den sich anbahnenden Kontakt wie ein Wolf auf Beutezug, um sich dann lang zu machen. Es ist die Rolle seines Lebens, er ist darin irre gut. Ein deutscher Schiri widerstand zunächst der Versuchung, diese Leistung mit einem Elfmeter zu belohnen. Er gab Gelb. Für eine Schwalbe verwarnt zu werden ist das Kavaliersdelikt des Fußballs. Es nur kurz darauf beim gleichen Schiedsrichter erneut und erfolgreich zu testen, das schaffen nur die größten Schlitzohre.

Die besten des Fachs haben ihren eigenen Stil. Arjen Robben beherrscht die Old-School-Variante. Er erinnert an die Anfänge, an den ursprünglichen Zusammenhang zum Freiheitstier Schwalbe, das sich viele Matrosen aus Sehnsucht tätowieren ließen: Die Beine der Spieler spreizen sich im Fallen, die Arme sind maximal auseinandergestreckt und die Brust leicht nach vorne geschoben. Robben Mal für Mal aufs Neue sterben zu sehen, muss sich für Vogelfreunde wie die Entdeckung einer neuen Spezies anfühlen.