ZEIT ONLINE: Herr Kofink, am Wochenende berichtete die ARD über eine Dissertation, die den westdeutschen Sport zwischen dem Ende der 1960er Jahre und der Wiedervereinigung betrifft. Der Pharmazeut Simon Krivec hat 121 westdeutsche Top-Leichtathleten zu Dopingpraktiken befragt, 31 von ihnen, teils anonym, teils mit Klarnamen, haben zugegeben, mit Anabolika gedopt zu haben. Sie sind Dopinggegner der ersten Stunde, was ist an der Studie neu für Sie?

Hansjörg Kofink: Zunächst muss ich sagen: Ich weiß über die Berichte hinaus nicht, was in der Arbeit steht. Veröffentlicht wird sie erst noch. Am meisten überrascht hat mich Klaus-Peter Henning. Ich traf ihn zuletzt im vergangenen April. Da hat er überhaupt nicht dran gedacht, mit seiner Vergangenheit an die Öffentlichkeit zu gehen. Er ist in seiner Heimat ein angesehener Mann und hält im Rotary Club Dopingvorträge.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich durch die Ergebnisse in ihrer kritischen Haltung bestätigt?

Kofink: Ich freue mich, dass Henning es öffentlich gemacht hat. Dass er und andere Werfer dopten, hatte ich schon vor den Olympischen Spielen in München 1972 gewusst. Schon lange sage ich diesen Sportlern: Zu verlieren habt ihr nichts mehr. Diejenigen, die schweigen, verbauen der nächsten Generation die Karriere. Niemand traut ihnen mehr. Der gesamte Spitzensport steht unter Generalverdacht, und das zu Recht.

ZEIT ONLINE: Offenbar spielten die vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gesetzten Normen, die Sportler erreichen müssen, um sich für Olympia zu qualifizieren, eine entscheidende Rolle. Sind sie das Grundübel?

Kofink: Im Westen waren sie es. Bis 1968 gab es sie gar nicht. Ausscheidungen entschieden, wer für Gesamtdeutschland nominiert wurde. Normen waren, bis auf die Olympianorm, die für alle galt, uninteressant. Erst als die BRD mit einem eigenen Team antrat, um die DDR zu schlagen, hat man Normen eingeführt. Das war etwa ab 1976 so. Man wollte Erfolge, allerdings ohne zu sagen, dass man dafür dopen musste. Also setzte man die Normen entsprechend hoch, auf Doperniveau. Darauf haben sich die Sportler entsprechend eingerichtet.

ZEIT ONLINE: Alle?

Kofink: Nein, vereinzelte muckten auf. Der erste war Alwin Wagner, ein Werfer. Er ist auch einer der sechs namentlich genannten in der Dissertation. Anfang der 1980er Jahre stieß er mit seinen Hinweisen auf Desinteresse, bis hinauf zum Nationalen Olympischen Komitee. Kurz vor dem Mauerfall hat Wagner seine Karriere beendet und seine Erlebnisse den Juristen des DLV und der Staatsanwaltschaft in Darmstadt übergeben. Schon um 1990 war das Anabolika-Doping damit öffentlich.

Die gesamte Werferei, aber nicht nur die, stand heftig unter Stoff. Die Rechtfertigung war überall gleich: Wenn wir das nicht machen, haben wir keine Chance. Alle anderen nehmen es auch. Die Führung des DLV wusste das. Die Trainer wussten das. Weite Teile des Präsidiums wussten das. Und gesteuert wurde es von den Sportärzten. Joseph Keul war einer von ihnen, aber es gab noch einige mehr. Freiburg war ein Zentrum, aber nicht das Einzige. Ich warte schon lange, bis andere Zentren in der Diskussion auftauchen, Leverkusen, Köln und Mainz zum Beispiel.

ZEIT ONLINE: Historisch gesehen: Wer hat eigentlich angefangen zu dopen?

Kofink: Testosteron lässt sich seit 1935 künstlich herstellen. 1959 wurde das Anabolikum Dianabol patentiert. Die Mittel kamen auch im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. In den USA waren die "drugs" in den 1960er Jahren im Basketball, Football, Baseball und Eishockey das tägliche Brot. Das belegen Zeitungsartikel der damaligen Zeit. Über Pferde sagte man, dass sie zu wertvoll sind, um sie mit den Pillen kaputt zu machen. Bei Menschen sah man das anders.

ZEIT ONLINE: Also haben die Amerikaner mit dem Doping angefangen?

Kofink: Ob die UdSSR oder die USA die Ersten waren, darüber streitet die Zunft. Die UdSSR hat 1952 zum ersten Mal an Olympischen Spielen teilgenommen und wollte wie die DDR mit Medaillen glänzen. In Deutschland gab es ab Mitte der 1960er Jahre im Gewichtheben eine riesige "chemische Szene". Als Erste Bescheid wussten immer die Athleten. Sie sprechen bei den Wettkämpfen ja miteinander. In Deutschland wussten die Sportler wohl ab 1964 relativ genau, was international los war.

ZEIT ONLINE: Der Kalte Krieg hat eine Hochphase des Dopings ausgelöst. Dann wurde dem politischen System entsprechend gedopt: im Westen föderal und systemisch, im Osten zentral, zwanghaft und systematisch.

Kofink: Die DDR hatte das erste Staatsdoping weltweit. Wer sich dem nicht beugte, bekam die Konsequenzen zu spüren. Damit wurde auch individuelle Verantwortung abgetreten. So dopte es sich leichter. Der Westen war noch infamer. Auch viele seiner Politiker, Sportpolitiker und Verbände wollten sportlichen Erfolg.