Bislang hielt man die Connections der Mafia in den Fußball für ein Problem der Vereine im Süden Italiens. Die Clubmanager dort kennen die Spielchen: Es gibt Absprachen über Gratistickets, den Einsatzzeiten von kickenden Sprösslingen aus Mafiafamilien oder die Berücksichtigung bestimmter Servicefirmen. Wer nicht spurt, bekommt tote Tierköpfe vor das Haus gelegt.

Jetzt hat aber auch Italiens erfolgreichster Club, Juventus Turin aus dem reichen Norden, ein Mafiaproblem. Das Pikante daran: Die Clubverantwortlichen holten sich die Mafiosi selbst ins Haus. Schlüsselfigur ist der Sicherheitsmanager Alessandro d'Angelo, ein Jugendfreund von Präsident Andrea Agnelli. Agnelli selbst muss jetzt damit rechnen, vor die Antimafia-Kommission des italienischen Parlaments bestellt zu werden. Das kündigte Vizepräsident Claudio Fava, selbst Sohn eines Mafiaopfers, an. Am Dienstag spielt Juventus das Champions-League-Achtelfinale gegen Porto, am Mittwoch steht Juves Rechtsanwalt vor dem Ausschuss.  

Wie kamen die Mafiosi in den Club?

Dass bei Juventus Turin etwas nicht stimmt, wurde beim Selbstmord von Raffaello Bucci deutlich. Bucci war lange Zeit im Fanclub Drughi aktiv, dem einflussreichsten im Stadion. Vor dem Champions-League-Finale 2015 in Berlin stand ein offener Doppeldeckerbus der Drughi auf dem Alexanderplatz, so weit reichen deren Befugnisse. Die Fahnen der Drughi sind im Stadion die größten. Und Bucci war ein wichtiger Mann. Über ihn wurden bei jedem Spiel Hunderte Tickets verteilt. Er war vom Club offiziell als Mittelsmann zur Fanszene engagiert – eine Traumfunktion für einen echten Anhänger.

Im vergangenen Sommer aber nahm er sich das Leben. Er stürzte sich von der Brücke, zu deren Füßen 16 Jahre zuvor der Leichnam Edoardo Agnellis, Cousin des heutigen Juve-Präsidenten und Sohn des damaligen Fiat-Hauptaktionärs Gianni Agnelli, gefunden wurde. Buccis Freitod sollte wohl ein Zeichen sein: hineinerzählt in die Geschichte des Clubs. Bei beiden gab es Zweifel am Selbstmord, Augenzeugen aber bestätigten Buccis Freitod.

Unmittelbar vor seinem Selbstmord war Bucci von den Antimafia-Staatsanwälten in Turin vernommen worden. Und er hatte ausgepackt. Er erzählte von Machtkämpfen und Rivalitäten in der Fanszene. Und vom Aufstieg des Rocco Dominello. Der ist ein Sprössling der 'Ndrangheta in Turin. Die 'Ndrangheta, die von Kalabrien aus ihre Geschäfte, vor allem mit Kokain, lenkt, gilt als derzeit gefährlichste und mächtigste Mafiaorganisation Italiens. Man rechnet ihr die Mafiamorde von Duisburg 2007 zu.

Die Gewinnspanne ist groß

Dominello ist deshalb das eigentliche Ziel der Mafiajäger. Ihm und seinem Vater Saverio werfen die Ermittler unter anderem eine Entführung und einen versuchten Mord vor. Die Gewalttaten waren Teil einer Einschüchterungskampagne, mit der sich der Dominello-Clan die Vormachtstellung im Nachtclubgewerbe eroberte. Ihr Prozess beginnt am 23. März in Turin. 

Spricht man mit der Antimafia-Staatsanwältin Monica Abbatecola, wird klar, was die Mafiosi im Fußball suchten: "Für den Fußball interessierten sie sich aus einem einzigen Grund: um Geld zu verdienen", sagt Abbatecola, die Ermittlerin in diesem Fall.

Und das ging so: Dominello gründete einen eigenen Fanclub, die Gobbi. Inzwischen ist dieser mit den mächtigen Drughi verschmolzen. Der Weg zum Geld führte über die Tickets: Dominello ordnete das Geschäft neu. Es ging nicht mehr darum, die Fans zu versorgen und sich darüber und über die Organisation von Auswärtsfahrten Respekt in der Szene zu verschaffen. Nun stand das Geschäft im Zentrum: "Sie haben vom Club Tickets im Wert von 100 Euro bekommen und sie für 600 Euro verkauft. Das ist eine beträchtliche Gewinnspanne", sagt Abbatecola. Diese Gewinnspanne lässt sich nur in der Champions League erzielen, doch dort spielt Juventus regelmäßig. Dass der Club weit kommt, lag bis zur Festnahme der Dominellos im Juli 2016 auch in deren Geschäftsinteresse. 

Banküberfälle und Brandstiftung

Dominello war clever. Beim Management von Juve erwarb er sich nämlich den Ruf eines Friedensstifters. Er hielt die Fanszene in Schach und half dabei, Strafen wegen Randale zu vermeiden. In Italien erfüllte er damit eine wichtige Funktion. Clubpräsident Agnelli schilderte die Abhängigkeit von Juve zum Mafiaspross in einem Brief an die Staatsanwaltschaft einmal so: "Die Nachfrage für Tickets vonseiten der Ultras ist oft durch einen stillen Druck charakterisiert, der sich aus der in der Vergangenheit umfangreich gezeigten Fähigkeit speist, gewalttätiges Verhalten auszuüben oder sich auch nur verbal tadelnswert zu benehmen. Für den Verein zieht das schwere Strafen durch das Sportgericht nach sich." Wenn es den Ultras nicht passt, greifen sie zu anderen Mitteln. Agnelli wird deutlich: "Die Ultras können sicherlich den Ausgang eines Spieles beeinflussen." Juve braucht für seine Fans einen Aufpasser wie Dominello.

Für Agnelli könnte die Sache jedoch noch heikel werden: Den Brief an die Staatsanwaltschaft musste er schreiben, weil der direkte Ansprechpartner des Mafiosi bei Juve ein Jugendfreund von Präsident Agnelli war: Alessandro d'Angelo. Der wuchs als Sohn des Chauffeurs von Umberto Agnelli im Industriellenhaushalt auf und ist jetzt Sicherheitsbeauftragter von Juventus.

Juve könnte noch darunter leiden

Ob er und ob gar Agnelli vom kriminellen Gewicht des Subunternehmers Dominello wussten und ihn genau deshalb mit den Aufgaben betrauten, das ist Gegenstand der Befragungen der Antimafia-Kommission. Die Disziplinarkammer des Fußballverbands FIGC prüft derzeit, ob sie auch ein Verfahren eröffnen wird. Dann gäbe es für Juve Geldstrafen, Stadionverbote für Funktionäre, vielleicht sogar Punktabzüge.

Dominellos Fall ist nur ein Part einer ganzen Reihe von Mafiaverstrickungen in Teilen der organisierten und vom Club geduldeten Fanszene. Drughi-Boss Gerardo "Dino" Mocciola saß wegen eines Postraubs mit Todesfolge eine Gefängnisstrafe von fast 20 Jahren ab. Während er im Knast war, eroberten die Bravi Ragazzi die Vorherrschaft. Die Bravi Ragazzi, die italienische Entsprechung der Goodfellas,  überfielen bei Juves Auswärtsfahrten Banken am Wegesrand. Mit Drogen dealten sie ebenfalls. Und um sich im Stadion durchzusetzen, mieteten sie sich die Fäuste rumänischer Dealer- und Zuhälterbanden.

Ihre Dominanz dauerte aber nicht lange. Die Bankräuber unter den Ultras mussten ins Gefängnis. Und ein Brand in der Boxschule des Bosses der Bravi Ragazzi passt auch gut ins Bild: Die Drughi holten sich die Kurve zurück, allerdings noch ohne die Hilfe der Gobbi, dem von der Mafia gegründeten Fanclub.

In dem am 23. März beginnenden Mafiaprozess stehen Juves Clubbosse nicht vor Gericht. Sie haben nichts Strafbares getan. Aber sie haben es, vielleicht unwissentlich, ermöglicht, dass sich Mafiosi am Geld treuer Fans bereicherten. Das schwingt mit, wenn am Dienstag im Spiel gegen Porto wieder die Fanfaren der Champions League erklingen.