Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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Wer in den Siebzigern und Achtzigern im hessischen Laufdorf groß wurde, dem kommt oft Bullerbü in den Sinn. Man ging noch nicht zur Schule, durfte aber Trecker fahren. Der Bauer nahm einen mit auf einen Rübenacker oder eins der vielen Kornfelder, die das Dorf am Taunusrand umgeben. Man streichelte Ziegen, molk Kühe und beim Metzger gab es immer ein Stück Fleischwurst, gepellt auf die Hand.


An der Linde, der damals einzigen Laufdorfer Bushaltestelle, kamen jeden Morgen zwei Busse an, die in die Grundschule Nauborn fuhren. Im ersten saßen Kinder aus dem Nachbarort Schwalbach, er sollte aufgefüllt werden. Der zweite war leer. Natürlich wollten alle Laufdorfer in den zweiten. Kam der erste, versteckten sie sich hinter dem Wartehäuschen. Kam der zweite, sprangen sie hervor. In manch anderen Orten stiegen die Kinder in einer festen Reihenfolge ein, nach Alter und Status, vielleicht auch dem der Eltern. In Laufdorf machten die Kinder die Regeln. 


Keine Regeln, keine Hierarchie

So war es auch auf dem Sportplatz. Schule aus, Mittagessen runter, hoch zum Sportplatz. Er war Heimstätte des TSV Laufdorf, doch niemand vertrieb einen. Es gab zwar einen Zaun, aber der war bloß ein Ballfang. Alle spielten mit, manchmal zwei Kinder, manchmal zwanzig. Niemand musste warten oder zuschauen. "Ich konnte als Fünfjähriger mitmachen", sagt einer, der schon lange nicht mehr in Laufdorf wohnt. Im anderen Dorf erlebte er es anders, da bildeten sich Grüppchen. "Nicht in Laufdorf, da spielten mir Dreizehnjährige den Ball zu."


Laufdorf, von der Hardt (300 Meter über dem Meeresspiegel) aus gesehen © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Und der TSV, auf dessen Platz wir bolzten, war der Stolz des Dorfes. Klar waren Laufdorfer Kinder Fans von Littbarski, Magath und Rummenigge, aber genauso von Norbert Eise, dem van Basten der Kreisliga. Oder dem trickreichen Rechtsaußen Jürgen Mohr. Oder von Kalli Schmidt, dem kopfballstarken Mittelstürmer. Als der TSV in die A-Liga aufstieg, trug man den blau-gelben Schal, den die Oma gestrickt hatte, auch im Juni. Der TSV und das Dorf gehörten zusammen, untrennbar. 


Aber es kam der Tag, da zerbrach etwas in diesem hessischen Bullerbü. Es war im Frühjahr 1992, vor genau fünfundzwanzig Jahren, als sich der TSV spaltete. Der Verein, der den Kindern ihre Idole gegeben hatte, der das Dorf zusammenhielt, hörte in seiner bisherigen Form auf zu existieren. Stattdessen gab es in Laufdorf mit seinen 1.600 Einwohnern plötzlich zwei Fußballvereine: den Stammverein TSV und sein Gegenprojekt, den FC Laufdorf. Deutschland war wiedervereint, in Südafrika endete die Apartheid. Und Laufdorfs Fußball zerbrach in zwei Teile.

Man liest inzwischen täglich in der Zeitung, wie sich in Deutschland Gruppen von Menschen unversöhnlich gegenüberstehen: Gentrifier gegen Alteingesessene, Flüchtlinge gegen Ängstliche, Moscheebefürworter gegen Moscheegegner. Doch in der Vorstellung der meisten gehören solche Kämpfe in die Stadt, nicht aufs Dorf. Dort gibt es doch den Verein, wo man sich aussprechen, und notfalls die Kneipe, wo man sich anschreien kann, um die Dinge geradezurücken. 


Doch auch durch Laufdorf hatte sich ein Graben gefressen. Einer, an dessen Rändern Leute standen, die sich erst nicht recht verstanden, dann nicht redeten und darüber zu Gegnern wurden. Es gab keine Demonstrationen und niemand bemalte Betttücher, aber es gab Vorurteile gegen eine Minderheit. Die Laufdorfer sahen sich den Neuen vom Westende der Nordstraße gegenüber, deutschen Großfamilien im sozialen Wohnungsbau. Arme Leut, so drückten es Wohlmeinende aus. Andere sagten: Bei denen läuft der Fernseher schon am Nachmittag, und das Bier auch. "Geh ned in die Nordstraß’", das kriegten manche Kinder zu hören. Bullerbü hatte eine No-go-Area.



Früher waren sie Fremdkörper in Laufdorf: Häuser der Nordstraße im März 2017. © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Wer heute die Nordstraße im nordwestlichen Teil Laufdorfs entlanggeht, dem kommt nicht in den Sinn, dass dies einmal eine Angstgegend gewesen sein soll. Die Häuser sind sauber, auf dem Gehweg plauschen Nachbarn, einer lehnt sich unter eine Motorhaube. In der Tiefparterrewohnung Am Kleinen Füllchen, parallel zur Nordstraße, sitzt Bernd Sidorenko unter dem Bild seiner Zwillinge. Er ist ein sportlicher Mann mit lustigen Augen, dem man nicht ansieht, dass er bald 50 wird. Seine Frau frotzelt manchmal über seine Fußballverletzungen, und er sagt dann immer so was wie: "Sie weiß, wenn ich mich nicht bewege, werde ich unerträglich."

Doch als das Gespräch auf die Spaltung damals kommt, entweicht das Unbekümmerte aus dem Gespräch. "Wir waren es", sagt er ernst. "Ich war es."

Sidorenko war damals Kapitän des TSV, 23, ein eleganter Libero und Kopf der Nordstraßenspieler. So nannte man die zehn Jungs aus den Familien Mohr und Sidorenko, die beim TSV mitspielten. Sie waren nie zum Gesangverein gegangen, zur Feuerwehr oder in die Kirche. Für sie gab es nur Fußball. Sie betrieben ihre eigene Hobbytruppe, die Kickers Laufdorf. Und beim TSV waren sie natürlich auch. Sie gehörten schon dazu, zumindest dachten das die meisten im Verein.


Szene auf dem Nauborner Hartplatz, wo die Laufdorfer inzwischen ab und an ihre Heimspiele austragen: Der Freistoß der Gäste aus Reiskirchen und Niederwetz wird nicht den Weg ins Tor finden. © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Auf dem Platz hatten sie mit niemandem ein Problem, das sagt Sidorenko auch heute noch. Doch das Leben einer Mannschaft besteht aus mehr. Nach dem Spiel, nach dem Training sitzt man im Vereinsheim, isst, trinkt, redet. Dort verhielten sich einige Mitspieler, so sahen es die Mohrs und Sidorenkos, anders als beim Kick, besonders dann, wenn Freunde, Väter, die Freundinnen oder die Frauen dabei waren. "Zum Fußball waren wir gut genug", sagt Sidorenko, "aber nach den neunzig Minuten war der TSV eine Zweiklassengesellschaft." 


Und so saßen die Mohrs und Sidorenkos nach den Spielen bald an einem eigenen Tisch. Später gingen sie direkt nach dem Duschen nach Hause oder woanders hin. Sidorenko sagt: "Wir waren halt die aus der Nordstraße." Eine der Ausnahmen sei der Trainer gewesen, sagt er. Der habe sie mit Würde behandelt.

Es war die Zeit, in der die Spannung in der Mannschaft spürbar geworden war. Im Training kam es zu Fouls, die nicht einfach so passieren. Fouls, die dem Mitspieler wehtun sollten. Fußballer brauchen manchmal keine Worte.