Manchmal ist das Problem im Leben nicht die Leistung, die einer bringt. Sondern die Erwartung an ihn, die zu hoch ist. Wer den Trainer Ralph Hasenhüttl sah, in den Interviews nach der 0:3-Niederlage seines RB Leipzig gegen Bremen, der sah die Verzweiflung desjenigen, der genau weiß, dass das, was seine Mannschaft gerade gezeigt hat, gar nicht schlecht war. Es war eben nur nicht so galaktisch gut, wie alle das inzwischen von ihr verlangen. "Wir haben in der Phase, in der es gut gelaufen ist, die Siege nie überbewertet", sagte Hasenhüttl, "weil wir gewusst haben, dass solche Phasen auch mal kommen können". Phasen wie die jetzige.

Es ist kein Zufall, dass RB Leipzig seit Monaten als Sensationsaufsteiger bezeichnet wird – nicht nur weil der Club in der ersten Hälfte der Saison so gut wie jedes Spiel gewann. Sondern auch weil er die Siege auf besondere Art erzwang: mit kraftvollem, temporeichem, überfallartigem, eigentlich ziemlich wahnsinnigem Fußball. Deshalb steht RB nach wie vor zu Recht auf Platz zwei der Tabelle. Sportler, die vorher keiner kannte, mit Namen wie Yussuf Poulsen, Emil Forsberg oder Naby Keïta, sind binnen weniger Monate zu Stars geworden, über die alle sprechen.

RB ist nicht entschlüsselt, es gab nichts zu entschlüsseln

Und jetzt das: Mit nur drei Siegen aus den letzten Spielen schneidet RB plötzlich wie ein normaler Aufsteiger ab. Das Spiel in Bremen, drei Gegentore gegen einen Abstiegskandidaten, ist das Spiel einer Mannschaft in der Krise gewesen: gut begonnen in der ersten halben Stunde, ein bisschen Pech im Abschluss gehabt. Dann ein groteskes Fernschusstor kassiert, hernach: zusammengebrochen. Passiert das mehrfach hintereinander, heißt das: Formkrise.

Dabei sind es im Grunde keine taktischen Defizite, die zu dieser Formkrise geführt haben. RB ist nicht "entschlüsselt", wie es jetzt überall heißt, denn das Besondere am Fußball von RB ist ja, dass es nie notwendig war, ihn zu entschlüsseln. Dieser Fußball ist klar und einfach strukturiert, und nicht aufgrund seiner Raffinesse kaum zu verteidigen – sondern aufgrund seiner Unbändigbarkeit, seiner Entschlossenheit. Spätestens seit dem dritten oder vierten Spieltag wussten die gegnerischen Trainer ganz genau, wie RB spielt: Überfallartig nach dem Ball jagend, nach Ballbesitz blitzschnell nach vorne spielend, aus dem Nichts Tore erzielend. Es ist das Spiel von Hyänen, jagen und reißen. Diese Philosophie predigen die Leipziger Verantwortlichen wie eine Religion.

Wie jede gute Religion funktioniert aber auch diese nur, wenn alle fest dran glauben: Sobald für ein paar Wochen die Wunder ausbleiben, bekommen die Spieler Zweifel und auf einmal laufen die Dinge nicht mehr so leicht. Hochgeschwindigkeitsfußball funktioniert nur, wenn jeder Spieler in jeder Situation die perfekte Entscheidung trifft.

Eine Fehlentscheidung sorgt für eine Kette von Fehlentscheidungen. Dann läuft man und läuft und läuft (Leipzigs Spieler laufen immer noch mit am meisten von allen in der Bundesliga), aber die Pässe kommen nicht mehr an, der Gegner kriegt immer noch einen Fuß dazwischen, das System stockt, Krise. Das macht die Leipziger Situation besonders unangenehm, denn was bislang hochperfekt ausschaute, schaut plötzlich hochnotpeinlich aus.

Nur Mittelmaß?

Nun glauben und schreiben einige, dass die Hochphase von RB Leipzig schon vorbei sei und der Aufsteiger ins Mittelfeld durchgereicht werde. Auch auf ZEIT ONLINE ist das zu lesen. Es heißt im Umkehrschluss aber auch: Schon das nächste Wunder kann die Krise beenden. Darauf kann Leipzig jetzt setzen.

Hilfreich ist, dass nach der Länderspielpause Yussuf Poulsen in die Mannschaft zurückkehrt. Poulsen ist der am meisten unterschätzte Spieler der Leipziger, weil er als Stürmer so gut wie keine Tore schießt (diese Saison erst eines) und keine genialen Pässe spielt. Aber wenn er nicht dabei ist, und das ist das Problem, schießen auch die anderen keine Tore. Denn was auffällt, wenn man sich die Umschaltmomente der Leipziger anschaut, also jene Momente, in denen sie den Ball erobern und vor das Tor spurten: Poulsen läuft geniale Wege. Er reißt in die gegnerischen Abwehrreihen jene Lücken, durch die Leipzigs Toppasspieler (Keïta, Forsberg) Bälle schieben können, die Leipzigs Toptorjäger (Timo Werner) dann verwandelt. Seit Mitte Februar ist Poulsen verletzt, seither glänzen weder Keïta noch Forsberg noch Werner mehr so richtig. Werner kam zudem verletzt von seinem Nationalelf-Debüt zurück. Sie stehen einfach alle immer falsch. Weil die Poulsen-Lücke fehlt.

Es ist keine System-, sondern eine Gewissheitskrise, an der Leipzig gerade krankt, die Gewissheit muss zurückkehren und wenn sie wieder da ist, dann klappt's auch mit den Siegen.

Martin Machowecz ist ZEIT-Redakteur und leitet das Büro der ZEIT im Osten in Leipzig.