Deutschland, das Land der Autos und der fehlenden Tempolimits auf Autobahnen, hat bis heute nur einen Rallyeweltmeister: Walter Röhrl. Zweimal, 1980 und 1982, holte der Regensburger den Titel. Für mehrere Generationen deutscher Autofahrer ist er deswegen bis heute ein Idol und Held geblieben. Am Dienstag wird Röhrl 70 Jahre alt. 

Es grenzt allerdings an ein Wunder, wenn man sich die Aufnahmen der völlig verbeulten Rallyekarossen anschaut, aus denen Röhrl während seiner aktiven Zeit krabbelte. Mehrmals überstand er schwere Unfälle glimpflich. Er ging am Steuer an die Grenzen des Möglichen und liebte das Limit, deswegen liebten die Deutschen ihn. Das Rennen, mit dem Röhrl zum Star aufstieg, war die legendäre Rallye Monte Carlo. Vierzehnmal fuhr er sie zwischen 1973 und 1987. Sie galt als besonders schwer, weil die Rallyefahrer schwierigste und wechselnde Straßenverhältnisse beherrschen mussten: Von Bitumen, Schnee, Matsch und Eis bis zu Schotterpassagen war nahezu jeder Untergrund dabei. Die Fahrer heizten mit Vollgas auf engsten Gebirgsstraßen in den französischen Seealpen. Wertungsprüfungen dauerten bis zu 40 Stunden. Physisch wie psychisch war es eine Höchstbelastung.

Vier Siege mit vier Marken

1968 fing Röhrl an, Rallyes zu fahren. Der Sieg bei der Monte Carlo war sein Lebenstraum: "Damals gab es die Kategorie Fahrerweltmeister noch nicht, deshalb war die Monte das Größte. Wie Wimbledon beim Tennis das Größte war. Dass ich das Glück hatte, die Monte mehrmals zu gewinnen, hätte ich einst nicht gedacht." Erst ab 1979 wurde die Rallye-WM in der Fahrerwertung vergeben, bis dahin war die Monte das Maß der Dinge. Bei der Monte mussten die Fahrer präzise steuern, um zu überleben. "Beim kleinsten Fahrfehler kann es passieren und du krachst in eine Leitplanke, zerschellst an einer Felsmauer oder stürzt eine tiefe Schlucht hinab. Das verlangte den perfekten Fahrer, um dort zu gewinnen und deshalb war ich immer ganz besonders motiviert."

Röhrl war der perfekte Fahrer. Viermal gewann er zwischen 1980 und 1984 zusammen mit seinem routinierten Co-Piloten Christian Geistdörfer die Monte, deren Streckenlänge damals dreimal so lang wie heute war. Röhrl siegte mit vier verschiedenen Marken, was nach ihm keiner wiederholen konnte: Fiat 131, Opel Ascona 400, Lancia 037 und Audi quattro. Der Audi quattro S1 hatte 1986 mehr als 550 PS und die sogenannte B-Kategorie war derart übermotorisiert und hochgezüchtet, dass Röhrl rückblickend selbst sagt, dass "nur eine Handvoll Fahrer diese PS-Monster überhaupt noch beherrschen konnte." Die Rallye-Championship sei für Jungs, die Gruppe B für Männer, heißt es in einem Fanvideo. Röhrl sagte mal, manchmal seien die Autos zu schnell, um noch denken zu können.

Walter Röhrl vor einer Etappe der Rallye Monte Carlo 1984, die er am Ende gewann © Getty Images/Ralph Gatti

Die Gruppe-B-Boliden waren lebensgefährlich und grenzwertig. Bei der Rallye Korsika 1986 kam der Finne Henri Toivonen mit seinem Lancia Delta S4 von der Strecke ab und prallte gegen einen Baum. Der Benzintank explodierte, Fahrer und Beifahrer konnten dem Flammenmeer nicht mehr entkommen. Bei der Rallye Portugal zwei Monate zuvor raste der portugiesische Fahrer Joaquim Santos ungebremst in eine Zuschauermenge. Drei Menschen verloren ihr Leben, 33 weitere wurden teils erheblich verletzt.

Röhrl stieg daraufhin mit seinem Team aus dieser Rallye wegen eklatanter Sicherheitsmängel aus. Streckenabsperrungen gab es kaum und wenn doch, haben sich haufenweise unvernünftige Zuschauer an solche nicht gehalten. Es galt als Initiationsritus für testosterongeladene Rallyefans, die PS-Boliden beim extremen Driften in den Kurven mit den Händen zu berühren. Mancher verlor seine Finger, Fahrer fanden nach den Rennen gelegentlich im Spoiler Fingerkuppen. Ein Hardcorefan prahlte mal damit, dass er einst dem Audi von Röhrl am Straßenrand zu nahe kam und sich dabei das Bein brach. Er war stolz darauf. Filmaufnahmen aus der Ära der Gruppe-B-Wagen zeigen, wie sich die Fahrer den Weg durch die Zuschauermassen suchen mussten. Wie bei großen Bergankünften bei Radrennen auch sprangen die Fans erst im letzten Moment von der Straße.

"Hilflos zu sein, war eine einschneidende Erfahrung"

Auch Röhrl blieb in seiner fast 20 Jahre dauernden Rallyekarriere nicht von Unfällen verschont. 1982, an seinem 35. Geburtstag, hatten er und Co-Pilot Geistdörfer bei der Rallye Portugal wohl einfach sehr viel Glück. "Bei etwa 150 Kilometer pro Stunde auf Asphalt fuhr der Opel in einer Rechtskurve beim Einlenken einfach geradeaus weiter, wie auf Eis", sagt Röhrl heute. Mehrmals überschlug sich der Opel einen Weinberg hinab. Das Auto war Schrott, beide Insassen blieben aber unverletzt. Später habe sich herausgestellt, dass ein kleines Bauteil an der Lenksäule defekt war und zum Totalausfall der Lenkung führte. "Wenn meine eigene Schuld zu so einem Unfall führt, kann ich analysieren, verbessern und aus meinen Fehlern lernen. In diesem Fall konnten Christian und ich nur zusehen", sagt Röhrl. "Dieses Gefühl, hilflos zu sein, war eine einschneidende Erfahrung."

Und es gab noch mehr dieser Momente: 1984, bei der Rallye Sanremo war er sich sicher, "jetzt habe das letzte Stündlein endgültig geschlagen". Es war während der abschließenden Nachtetappe, bei der nur die 60 Schnellsten startberechtigt waren. Röhrl führte und kam mit dem Audi quattro bei trockenen, besten Bedingungen an eine Stelle im fünften oder sechsten Gang, die Motordrehzahl im 8.000er Bereich. Plötzlich stand das Wasser 20 Zentimeter hoch auf der Straße, weil ein Abflusskanal verstopft war.