Das Hauptquartier des AC Mailand im Nordwesten der Stadt strahlt Zukunft aus. Die "Casa Milan" hat ein Museum, einen Fanshop und ein Restaurant. Das 2014 eröffnete Bauwerk mit seinen Glasfassaden sieht aus wie der Hauptsitz eines Tech-Unternehmens im Silicon Valley.

Die Besucher aber kommen wegen der Vergangenheit. In goldenen Vitrinen stehen die vielen Trophäen für Meisterschaften und Champions-League-Titel. Auf Displays gibt es Bilder der Legenden von einst. "Das ist ein Platz, der all die Emotionen unserer Geschichte einfängt", sagte der Noch-Präsident Silvio Berlusconi auf der Eröffnungsfeier. "Wir müssen sportlich zurück an die Spitze, dorthin, wo wir die letzten 30 Jahre standen."

Der Verkauf des AC wird zum Fiasko

Die europäische Spitze ist für den AC Mailand mittlerweile weit entfernt. Bereits die vierte Saison in Serie spielt der siebenfache Europapokalsieger nicht mehr international. Clubs wie der FC Barcelona oder Real Madrid, früher sportlich wie finanziell gleich stark oder nicht mal, haben mittlerweile einen dreimal so hohen Jahresumsatz. Auch deshalb möchte Berlusconi den AC Mailand schon seit geraumer Zeit aus dem Portfolio seines Firmenimperiums veräußern.

Der Verkauf wird aber immer mehr zu einem Fiasko. Erst platzte nach monatelangen Verhandlungen ein Deal mit dem thailändischen Investor Bee Taechaubol, nun könnte sich das Szenario mit neuen Interessenten aus China zu wiederholen. Dabei schien bereits alles geklärt.

Zwar hatte der Rechtspopulist einst gesagt: "Die Kommunisten aßen ihre Babys, kochten sie auf offener Flamme." Doch dann überlegte es sich Berlusconi offenbar anders. Auch der Stadtrivale Inter ist seit Sommer im Besitz chinesischer Investoren, es handelt sich um das Unternehmen Suning, das als strategischer Partner der Bundesliga im Gespräch ist. Und so einigten sich im vorigen August Berlusconis Fernsehholding Fininvest und das chinesische Investorenkonsortium Sino-Europe Sports Investment Management Changxing über alle Modalitäten und unterzeichneten die Dokumente. Der Verein verkündete den Verkauf vor ausgewählten Fotografen.

520 Millionen für Berlusconi

Öffentlich tritt Li Yonghong, in italienischen Medien Mr. Li genannt, als Verwalter des Fonds auf. Über den 47-jährigen Geschäftsmann ist wenig bekannt. Weder über sein tatsächliches Vermögen noch über seinen Bezug zum Fußball.

Der Wert des AC Mailand wurde mit 740 Millionen Euro bewertet, auch Schulden in Höhe von 220 Millionen wurden berücksichtigt. Sino Sports Europe sollte also 520 Millionen Euro in Raten an Berlusconis Fininvest überweisen. Zusätzlich wurde vereinbart, dass die Investoren 80 Millionen Euro an laufenden Kosten übernehmen. Ab hier beginnt eine Geschichte voller Widersprüche und Ungereimtheiten.

Eine Firma ohne Mitarbeiter?

Der Verkauf sollte eigentlich Ende letzten Jahres abgeschlossen sein, doch die vereinbarten Raten für die Anzahlung über 300 Millionen Euro kamen entweder zu spät oder gar nicht auf dem Konto von Berlusconis Firma an. Immer wieder wurde der Abschluss des Deals verschoben. Bislang wurden von der vereinbarten Summe 250 Millionen Euro in drei Raten gezahlt, darüber hinaus sollen Garantien über weitere 50 Millionen vorliegen. Sino Sports Europe kratzte im März noch einmal 20 Millionen zusammen, die letzte Mini-Rate über 30 Millionen kam von der Rossoneri Sport Investment Lux mit Sitz in Luxemburg.

Rossoneri Sport Investment Lux ist eine Briefkastenfirma des Fonds-Verwalters Mr. Li. Sie war mal Teil von Sino Sports Europe, tritt nun aber offiziell als alleiniger Investorenfonds für die Übernahme des AC Mailand auf. Das bestätigte der Club kürzlich in einer Mitteilung. Doch schon das gesamte Konstrukt war dubios. Acht Briefkastenfirmen von Sino Sports Europe waren im Changxing World Trade Centre registriert. Als Reporter der Nachrichtenagentur Reuters die Büroräume im März besuchen wollten, fanden sie heraus, dass sie gar nicht existieren. Sicherheitsleute und Angestellte von anderen Firmen im Changxing World Trade Centre berichteten, dass sie bereits von der Firma gehört, allerdings nie jemand persönlich gesehen hätten.