Abwehrspieler werden ist anstrengend. Fragen Sie Joshua Kimmich. Der musste hunderte Stunden Videos sichten und ein neues Raumgefühl entwickeln und hatte während seiner Umschulung ständig Pep Guardiola im Rücken. So begann im Januar 2016 Kimmichs Verteidigerwerdung. Eigentlich ist er Mittelfeldspieler, doch im vergangenen Frühjahr fehlten den Bayern Abwehrspieler, ähnlich wie jetzt. Also nahm Guardiola den jungen Kimmich zur Seite. Detailliert wie ein Forensiker arbeitete Guardiola mit ihm, schreibt der Autor Martí Perarnau in seinem Insiderbuch über Guardiolas Bayernzeit: "Pep hatte nur Augen für Kimmich."

Es wirkte. Kimmich spielte als Innenverteidiger viele entscheidende Spiele im Frühjahr 2016. Beim vorentscheidenden Ligasieg gegen Dortmund schüttelte ihn der Trainer nach dem Spiel durch. Es war vielleicht auch lobend gemeint. Und in der Champions League stand Kimmich im Achtel- und Viertelfinale gegen Juventus Turin und Benfica Lissabon auf dem Feld, Bayern kam immer weiter.

Später schied Bayern ohne Kimmich im Halbfinale aus, Guardiola ging, Carlo Ancelotti kam und sagte: "Kimmich ist sehr wichtig für uns" und ließ ihn nicht ziehen. Andere Verteidigerkandidaten gingen (Rode, Benatia, Badstuber), Kimmich spielte trotzdem nur selten.

Carlo Ancelotti - "Wir brauchen das perfekte Spiel“ Das Viertelfinal-Rückspiel gegen Real Madrid ist für den FC Bayern das bislang wichtigste Spiel der Saison. Die Mannschaft muss zwei Tore erzielen, um in der Champions League zu bleiben. © Foto: Reuters

Den Bayern geht nach einer 1:2-Niederlage vor dem Viertelfinalrückspiel (Dienstag ab 20.45 Uhr im Liveticker von ZEIT ONLINE) die Düse wie lange nicht mehr. Zwar werden sich die 100 Millionen, die Real für Gareth Bale zahlte, in diesem Spiel nicht auszahlen. Er wird nicht spielen. Außerdem kehrt Robert Lewandowski zurück. Seit er sich gegen Dortmund an der Schulter verletzte und ausgewechselt wurde, schossen die Bayern nur ein Tor, und das nach einem Eckball. An ihm hängt Bayerns Spiel auch.

Hummels' Sprunggelenk ist Stoff für einen Liveticker

Doch das Rückspiel in Madrid entscheidet Bayerns Abwehr und da wachsen die Sorgen. Den Bayern fehlen starke, große Innenverteidiger. Javi Martínez ist nach seiner gelb-roten Karte gesperrt, Jérôme Boateng und Mats Hummels flogen zwar mit nach Spanien und trainierten am Montagabend sachte. Doch beide sind angeschlagen. Am Montag sagte Ancelotti, sie hätten eine Chance zu spielen. Doch erst kurz vor dem Spiel will er entscheiden.

Aber selbst wenn Hummels und Boateng spielen, gäbe es ein Problem. Zwar wären sie die beste Innenverteidigung gegen die kopfballstarken Karim Benzema und Christiano Ronaldo. Doch Boateng spielte im Hinspiel ungewohnt schwache Pässe. In der Bundesliga stand er nur in zehn Spielen auf dem Feld, Verletzungen warfen ihn diese Saison zurück. Und Hummels absolvierte am Montag nur leichtes Lauftraining, sein Sprunggelenk ist Stoff für einen Bild-Liveticker.

Das Duo Kimmich und Alaba als gutes Omen

Wahrscheinlicher muss mindestens einer von beiden ersetzt werden. Dafür stünde auch David Alaba bereit. Wie Kimmich wurde er von Guardiola häufiger in der Abwehrmitte aufgestellt, ist schnell und passsicher. Doch auch er spielt unter Ancelotti nur wie der schlechtere Zwilling des Guardiola-Alabas. Vor dem 1:1 im Hinspiel ließ er Carvajal flanken. Ohnehin lud er auf seiner linken Abwehrseite häufiger die Gegner ein.

Ancelotti könnte gegen seinen Ex-Club, den er sehr gut kennt, auch Xabi Alonso nach hinten ziehen. So war Ancelotti ja bisher: keine Experimente. Adenauer wäre stolz auf den Italiener. Doch Alonso ist langsamer als Kimmich und auf schnelle Drehungen sollte man bei ihm nicht hoffen. Zudem destabilisierte Ancelotti im Hinspiel sein Mittelfeld mit der Auswechslung von Alonso sehr, die Bayern schlingerten. Bliebe Arturo Vidal, von Münchner Sportjournalisten liebevoll "da Wuide" genannt. Zweikämpfe würde er wohl auch gegen ein Rudel Löwen bestreiten. Nur würde Ancelotti ohne Vidal seine CDU-stabile Mitte riskieren.

Einiges deutet also auf Kimmich und Alaba hin. Mit ihnen wären die Bayern vielleicht anfälliger für Kopfbälle, auch weil in der Hobbitverteidigung rechts Philipp Lahm das vielleicht letzte Champions-League-Spiel seiner Karriere bestreiten wird. Doch es gibt ein gutes Omen. Schon im vorjährigen Achtelfinale gegen Juventus spielten die Bayern mit Kimmich und Alaba in der Mitte. Nach einem 2:2 im Hinspiel und 0:2 zur Pause drehten die Münchner das Spiel in ein 4:2 nach Verlängerung, die Abwehr hielt. Es war das bislang letzte große Münchner Comeback.