Es war nie leicht, Philipp Lahm etwas Gehaltvolles zu entlocken. Dafür ist er zu ordentlich und wählt seine Phrasen bedächtig bis zur Sinnlosigkeit. Doch wann, wenn nicht nach diesem Abend, hoffte man darauf, er würde mal etwas hinrotzen, einen Effenberg-Satz, vielleicht ja nur ein obszönes Wort. Lahm hatte gerade sein letztes Europapokalspiel gemacht und glaubt man seinen Fans, wurde er dabei richtig beschissen. Jeder hätte ein Lahm-Stakkato verstanden. Während aber Trainer, Spieler, Journalisten, Fans, ja jeder, der das Viertelfinale Bayern gegen Madrid gesehen hatte, über die Fehler des Schiedsrichters motzte, sagte Philip Lahm: "Da hatten wir wohl ein bisschen Pech."

Es war sein Schlusssatz zu einem denkwürdigen Champions-League-Spiel. Lahm war beeindruckend gelassen, während Bayerns Südländer tobten: "Als Madrid Angst bekam, rettete sie der Schiedsrichter." (Vidal). "Heute wurden wir vom Schiedsrichter betrogen." (Thiago). "Er braucht Videohilfe." (Ancelotti)

Tagelang wird dieses Spiel nun in Videoschnipseln, Standbilder und Gifs zerlegt werden. Dieses Mal traf es die Bayern. Sie sind seit dem Dienstag am überzeugtesten vom Videobeweis und am Wochenende sind es wieder andere. Fußballfans waren schon immer die schlimmsten Verschwörungstheoretiker.

Doch dabei geht vielleicht etwas unter: Welch Drama, welch Genuss dieses Viertelfinale war! Robben! Ronaldo! Isco! Es war gut, dass die beiden Trainer kaum eingriffen, die versammelte Weltklasse sorgte schon alleine für ein großes Spektakel. Begeistert waren eigentlich alle, die nicht Viktor Kassai hießen oder Bayernfan waren, dazu aber gleich mehr.

Bayern gegen Real ist der europäische Klassiker, kein Champions-League-Spiel gab es häufiger. Und dieses Mal war es wie ein formidabler Schwergewichtskampf um den WM-Gürtel oder ein Wettbieten von Bill Gates und Warren Buffet. Showtime.

Und das war vorher nicht zu erwarten. Die Bayern verloren in der vergangenen Woche mit 1:2 und waren zum Außenseiter zurückgestutzt worden. Erst am Nachmittag wurde klar, das Mats Hummels, Jérôme Boateng und Robert Lewandowski spielen können. Nie war eine Bayern-Startelf durchschnittlich älter als die vom Dienstag: 30 Jahre und 116 Tage, Ancelotti nicht mitgezählt. Alt, angeschlagen, im Rückstand: Eigentlich sprach alles gegen die Bayern. Doch sie lieferten einen großen Kampf. Den Titelverteidiger Madrid zwangen sie im eigenen Stadion in die Verlängerung und erst dort gingen sie zu Boden, niedergestreckt von einem Ronaldo-Hattrick.

Dabei hätte Real, wie schon im Hinspiel, dem gefühlten 5:1, in der ersten Halbzeit spannungsentladene Tore schießen können. Boateng klärte einen Ramos-Kopfball auf der Linie. Und Schüsse von Toni Kroos und Ronaldo aus hervorragenden Positionen kosteten lediglich einigen Fans die Sonnenblumenkernpackungen. Die Bayern kontrollierten die ersten Minuten, dann übernahm Real. Nach 30 Minuten pumpten bereits die ersten aus der bayerischen Ü-30-Fraktion mit in die Hüften gestemmten Armen. Nichts deutet auf ein zweistündiges Drama hin.

Auch weil Arturo Vidal schon nach fünf Minuten für eine Grätsche Gelb von Schiedsrichter Viktor Kassai aus Ungarn bekam. Strenge und mutige Schiedsrichter geben da bereits Rot. Kassai aber blieb milde und sorgte für den Cliffhanger des Abends: Wie lange hält sich Vidal?