Es gibt ein Foto vom Champions-League-Finale 2014, das Carlo Ancelotti und Zinédine Zidane gemeinsam an der Seitenlinie zeigt. Ancelotti war Cheftrainer von Real Madrid, Zidane sein Co-Trainer. Während der Franzose wild in Richtung Spielfeld gestikulierte, beobachtete Ancelotti gewohnt skeptisch, was sein Assistent veranstaltet.

Das Finale gewann Real Madrid gegen den Stadtrivalen Atlético Madrid. Für Real war es ein besonderer Sieg: Jahrelang hatten die Fans auf La Décima gehofft, den zehnten Titel in der Königsklasse des europäischen Fußballs, Ancelotti holte ihn und veredelte damit auch seine eigene Vita als Trainerveteran.

Für den Co-Trainer Zidane wiederum war es der erste wichtige Titel seiner beginnenden Trainerkarriere. Er hatte von Beginn an Ambitionen auf den Cheftrainerposten, blieb aber zu dieser Zeit noch im Schatten Ancelottis. In Ancelottis letzter Spielzeit bei Real (2014/15) war Zidane nicht mehr im Trainerteam der ersten Mannschaft, sondern kümmerte sich um die zweite Mannschaft. Als Ancelotti nach der mittelmäßigen Saison 2015 entlassen wurde, übernahm Zidane.

Das Duell der Bayern gegen Madrid am Mittwoch ist deshalb auch das Treffen von Lehrmeister und Zögling. "Ich habe sehr viel von ihm gelernt", sagt Zidane über Ancelotti. Es gehe immer darum, "zu gewinnen und die Spieler bei Laune zu halten". Zidane wandelte sich vom Zauberer als Spieler zum Pragmatiker als Trainer. Und zu diesem Wandel hat Ancelotti maßgeblich beigetragen.

Die Parallelen zwischen beiden sind auffällig. Das betrifft zunächst ihre Karrieren als Spieler: Beide waren Schlüsselfiguren im Mittelfeld, wenngleich Ancelotti etwas behäbiger agierte und eher Passgeber war, Zidane dagegen das Publikum als klassischer Zehner hinter den Stürmern verzauberte.

Ancelotti wirkt wie eine Vaterfigur

Nun sind beide Cheftrainer bei einer großen europäischen Marke und ähneln sich in Führungsstil und taktischer Arbeit. Auch Zidane gewann als Trainer mit Real schon die Champions League gegen den Stadtrivalen (2016). Zidane hält wie Ancelotti die vielen und großen Egos von Real bei guter Laune. Denn abgesehen vom Kolumbianer James Rodríguez, der mit seiner Rolle als Dauerreservist unzufrieden ist und offen von einem Wechsel redet, konzentriert sich das Team um Cristiano Ronaldo auf den Erfolg der Mannschaft. Eskapaden? Keine. Das Team ist Tabellenführer in Spanien und wirkt stabil wie lange nicht mehr. Das war in Madrid in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer so.

José Mourinho, Trainer von 2010 bis 2013, hatte eine Wir-gegen-den-Rest-Mentalität in die Kabine gebracht, die dem Team schadete. Die theatralischen Auftritte in den Klassikerspielen gegen Barcelona waren nur die deutlichsten Anzeichen dafür und dem stolzen Club unangemessen. Ancelotti wollte mit all dem nichts zu tun haben. Er übernahm von Mourinho und fungierte nicht als Anheizer, sondern als väterliche Figur. Sein Fußball ist pragmatisch, keine Show wie bei Mourinho.

Die Kreativen um Luka Modrić bekamen von Ancelotti freie Hand auf dem Feld. Ähnlich wie beim FC Bayern legte Ancelotti nur die taktische Grundausrichtung fest und vertraute auf die Qualität seiner Spieler. Eine Ausnahme bildete der 4:0-Sieg in der Halbfinalpartie der Königsklasse bei Bayern München. Um den FC Bayern von Pep Guardiola auskontern zu können, konzipierte Ancelotti ein ausgeklügeltes Defensivsystem, das den dominanten Spielaufbau der Bayern fast komplett neutralisierte. Selbst Cristiano Ronaldo, in seiner Karriere vorher nicht als Arbeiter in der Verteidigung aufgefallen, ordnete sich diszipliniert ins Abwehrgefüge ein. Auch das war ein Zeichen dafür, dass Ancelottis moderater Führungsstil wirkte.