Dortmund verliert gegen AS Monaco Nur einen Tag nach dem Anschlag auf den BVB hat die Mannschaft gegen Monaco gespielt und 2:3 verloren. Das Team kritisierte die Uefa, weil sie das Spiel so kurz nach dem Bombenanschlag durchführen ließ. © Foto: Martin Meissner/ dpa

Es lief die 90. Minute in diesem inzwischen spannend wirkenden Fußballspiel, als allen noch mal klar wurde, dass es eben kein normales Fußballspiel war. Der BVB war drauf und dran, den Ausgleich zu erzielen, da machte ein Stadionsprecher, mitten hinein in eine Flanke, eine Durchsage: Die Zuschauer der Nord- und Ostkurve sollten nach dem Abpfiff in ihren Blöcken bleiben. Er schob hinterher, dies sei eine "reine Vorsichtsmaßnahme".

In Wahrheit hatte man am Ausgang einen verdächtigen Gegenstand gefunden. Es stellte sich später als falscher Alarm heraus. Doch die Durchsage rief den schlimmen Vortag ins Gedächtnis und beeinflusste die Stimmung. Wer weiß, vielleicht hätte Sokratis sonst nach der Flanke das 3:3 erzielt und nicht knapp über das Tor geköpft.

Sokratis weinte kurz darauf und es hatte nichts mit seiner Chance zu tun. Das griechische Raubein sagte nach dem Spiel, es sei die schlimmste Zeit seines Lebens. "Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen mit Familien und Kindern. Wir sind froh, dass wir noch leben. Es gab in meinem Kopf keinen Raum für dieses Spiel."

Wie ihm ging es wohl allen BVB-Spielern. Und so hörte man Nuri Şahin in der Mixed Zone, wo sonst das große Fußball-Blabla herrscht, Nachdenkliches aussprechen: "Wir lieben Fußball, bekommen viel Geld, führen ein privilegiertes Leben." Dann machte er eine Pause und sagte auch diesen banal scheinenden und dennoch so wichtigen Satz: "Aber wir sind nur Menschen."

Welchen Sinn hat Fußball an einem solchen Tag?

Şahin erzählte vom Mordanschlag am Tag zuvor und seiner Frau und seinem Sohn, die sich große Sorgen um ihn gemacht hatten. Er erzählte von der Angst im Dortmunder Bus. Dann stiegen in ihm wohl vor seinem inneren Auge Bilder empor, er musste kurz schlucken. "Ich werde nie Schmelles Gesicht vergessen." Über Fußball kein Wort. "Ich habe heute nicht an Fußball gedacht."

Anstoßzeiten, angeblicher Termindruck, Fanfreundschaften, Bekennerschreiben, gleich mehrere – vieles wurde Thema in den vergangenen 24 Stunden. Der Vereinschef Hans-Joachim Watzke sagte sogar, der BVB spiele "unter dem Brennglas der Weltöffentlichkeit für die Freiheit". Er habe appelliert, "der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken". 

Thomas de Maizière kam und sprach in Kameras, ließ sich wie andere Wahlkämpfer auch ablichten. Aber: Mit denen, die im Bus saßen, die getötet werden und nun für die Freiheit kicken sollten, redete kaum einer. Zwar hatte Thomas Tuchel allen freigestellt, Nein zu sagen. Doch letztlich wurden sie zum Fußball gezwungen.

Deswegen sagten es die Dortmunder Fußballer erst, als alles vorbei war: Sie wollten gar nicht spielen. Sie hätten es nicht mal sagen müssen, während des Spiels merkte man ihnen lange an, dass sie mit der Situation überfordert waren. In der zweiten Halbzeit ließen sie sich zwar vom Sog, den der Fußball trotz allem entwickeln kann, mitreißen. Doch am Ende blieb die Frage: Musste das sein, ein Champions-League-Viertelfinale, überhaupt ein Fußballspiel, einen Tag nach einem Mordanschlag auf Spieler und Trainer? Welchen Sinn hat Fußball an einem solchen Tag?