Nach dem Spiel sollen Robert Lewandowski, Thiago und Arturo Vidal die Kabine des Schiedsrichters gestürmt haben. Spanische Zeitungen schreiben, dass sie den Ungarn Viktor Kassai "auf jede mögliche Art" beschimpften. Sogar die Polizei habe einschreiten müssen. Auch Carlo Ancelotti soll auf Uefa-Verantwortliche eingeredet haben. Und Karl-Heinz Rummenigge sagte: "Ich habe heute erstmals so etwas wie wahnsinnige Wut in mir. Wut, weil wir beschissen wurden."

Nun gehört das Wettern über den Schiedsrichter zur Fußballfolklore, besonders aus Bayern-Mund. An diesem Abend im Bernabéu hatten die Münchner auf den ersten Blick auch gute Gründe, sich aufzuregen. Die entscheidenden Tore für Madrid in der Verlängerung, das 2:2 und 3:2, waren Abseits. In einem Fall recht deutlich, in einem anderen knapper. In der zweiten Halbzeit wurde Robert Lewandowski zurückgepfiffen, als er allein aufs gegnerische Tor zulief, aber eigentlich nicht im Abseits stand. Und die zweite Gelbe Karte, die zu Arturo Vidals womöglich spielentscheidenden Platzverweis führte, war nicht einmal ein Foul.

Was die Bayern bei ihrer Analyse vergaßen: Der Elfmeterpfiff für Arjen Robben war eher aus der Kategorie "Na ja". Beim Stochertor zur zwischenzeitlichen Münchner Führung stand ein Münchner im Abseits. Und dass Arturo Vidal überhaupt bis zur 84. Minute mitspielen durfte, war einer großzügigen Auslegung des Schiedsrichters zu verdanken, der Vidal schon nach fünf Minuten vom Platz hätte stellen können. Und wenn nicht zu diesem Zeitpunkt schon, dann später im Fünf-Minuten-Rhythmus.

Champions League - Ancelotti kritisiert den Schiedsrichter Der FC Bayern hat das Rückspiel gegen Real Madrid verloren und ist damit aus der Champions League ausgeschieden. Trainer Carlo Ancelotti ist mit dem Schiedsrichter unzufrieden. © Foto: Denis Doyle/Uefa via Getty Images

Das Traurige an der Sache ist, dass man nach diesem großen Fußballabend, der so viele sportliche Geschichten schrieb, vom ewig jungen Philipp Lahm zum Beispiel, von den heroischen Zahnfleisch-Innenverteidigern Boateng und Hummels, vom Drei-Tore-Ronaldo und einem wahnwitzig aufspielenden Marcelo, am Ende vor allem über den Schiedsrichter geredet wird.

Tatsächlich kann man sagen, dass die beiden größten und spannendsten Europapokalspiele dieser Saison von den Schiedsrichtern beeinflusst wurden. Vor ein paar Wochen hatte der deutsche Unparteiische Deniz Aytekin dem FC Barcelona bei seiner Aufholjagd gegen Paris Saint-Germain anderthalb Elfmeter geschenkt und Paris einen Strafstoß verweigert. Die Schiris werden in den ganz großen Partien öfter zu Hauptdarstellern als ihnen lieb sein kann.

Das kommt alles nicht überraschend. Man braucht sich nur Spiele aus den Siebzigern oder Achtzigern anschauen, um zu erkennen, dass heute ein anderes Spiel gespielt wird. Schneller, intensiver, besser. Nur die Schiedsrichter halten auf diesem Niveau nicht mehr mit. Weil sie Menschen sind und der Mensch in seiner Wahrnehmung mit dem heutigen Hochgeschwindigkeitsfußball überfordert ist. Zweikämpfe werden in einem schnelleren Tempo und einer stärkeren Intensität geführt. Oft ist es schwer zu entscheiden, ob die Spieler sich berührt haben oder nicht, zumal im Sprint schon das Gleichgewicht verlieren kann, wer nur leicht touchiert wird.