Welche dieser beiden Erkenntnisse wird die Anhänger des FC Bayern wohl mehr schmerzen? Dass Philipp Lahm und Xabi Alonso vielleicht nie wieder ein Champions-League-Spiel in der Allianz Arena bestreiten werden? Oder dass ihr bester Mann im Spiel gegen Real Madrid im Tor stand?

Die Liste unbequemer Wahrheiten reicht noch weiter. Die Bayern haben gegen Real Madrid 1:2 verloren, was sogar schmeichelhaft ist. Real war besser und cooler. Hinzu kommt, dass in dem Spiel einige Mythen über die Bayern entzaubert wurden. An einigen dieser Saisonparolen wurde in den 90 Minuten gegen Real so lange geschält, bis nur noch ein kleiner Kern übrig blieb.

Der vielleicht wichtigste Saisonclaim zuerst: Die Bayern sind da, wenn es darauf ankommt. In der Liga ist die Sache lange klar, selbst Dortmund war zuletzt kein Gegner mehr. Nun war es Zeit für Veredelung, die Champagnerwochen in der Champions League begannen. Doch vielleicht gibt es bald schon den Kater. Möglich, dass das Rückspiel in Madrid doch ein Triumph wird, Hoffnung darauf haben aber nicht mal bloggende Bayern-Fans.

Noch so ein Satz: Die Bayern sind unter Carlo Ancelotti im Frühjahr ausgeruhter als zu Guardiolas Zeiten. Auch auf diese Behauptung wurde gern zurückgegriffen, wenn es in der bisherigen Saison mal stockte. Doch er stimmt nicht: Mehr gestanden als in der zweiten Hälfte wurde nur im Parkhausstau nach dem Spiel.

Hinzu kommt, dass die Bayern einfach keinen Ersatz für den an der Schulter verletzten Robert Lewandowski haben. Thomas Müller war nicht mehr als ein gut gemeintes Imitat, er tat einem fast leid. Weil hinter ihm die Ordnung irgendwann zusammenbrach, sah er vorne am offensichtlich schlechtesten aus. Seit dem Abgang von Claudio Pizarro gibt es keinen zuverlässigen Nachrücker mehr.

Ein paar Lichtblicke

Um Positives zu erzählen, muss man in die erste Halbzeit blicken. Zunächst, weil bei einer Solidaritätsbekundung mit dem BVB alle klatschten und die Bayern-Ultras ein #freedeniz-Plakat zeigten. Ihr Team war gut im Spiel, setzte Real unter Druck und machte selbst kaum Fehler.

Chancen wurden allerdings nicht erspielt, dafür mimte Müller den Lewandowski einfach zu schlecht. Einmal wollte ihn Philipp Lahm anspielen, er stand mit dem Rücken zum Tor. Müller hätte in einer Bewegung den Ball an- und mitnehmen und gleichzeitig eine Drehung vollführen müssen. Das klappt bei ihm nur, wenn er es nicht will. Man stellte sich vor dem inneren Auge vor, wie Lewandowski den nächsten Geniemoment hätte haben können. Im Stadion sah man dann nur Müller scheitern. Er braucht das Tor vor sich, gegen Real war es nur in seinem Rücken. Er fand nie ins Spiel, Real hielt die Bayern deswegen in den ungefährlichen, torfernen Räumen. Immerhin erzwangen die Gastgeber Eckbälle.

Und mit denen lässt sich ja auch etwas anstellen. Das 1:0 war ein wuchtiger Kopfstoß von Arturo Vidal, der den Ball mit beachtlichen 65 Stundenkilometern ins Tor rammte. Vidal und Thiago waren Bayerns Beste. Sie beendeten die meisten von Madrids Angriffsversuchen mit gut abgestimmten Grätschen und tauchten immer wieder vor dem Tor auf. Eine zweite Kopfballchance vergab Vidal, einen unberechtigten Elfmeter verschoss er. Vielleicht kam in diesem Moment ein unterdrückter Charakterzug zum Vorschein: Ist Vidal doch ein fairer Sportsmann und verschießt unberechtigte Handelfmeter? Oder war es nur ein Versuch, ähnlich spektakulär zu scheitern wie Uli Hoeneß vor 41 Jahren in Belgrad? Die Nachrichtenlage wäre jedenfalls eine andere geworden, hätte Vidal verwandelt.

So war es der erste kleine Riss. Nach der Pause begann dann die Lehrstunde der coolen Madrilenen. Mit dem ersten Angriff fiel das 1:1. Wo war Münchens Abwehr? Daniel Carvajal wurde von David Alaba freundlich zum Flanken gebeten. Und Javi Martínez bemerkte Ronaldo in der Mitte erst, als der die Arme zum Jubeln bereits weit hochgerissen hatte.

Und es ging so weiter. Bale, Benzema, Ronaldo – sie alle gaben Manuel Neuer die Chance, seine Weltklasse mehrfach zu zeigen. Beeindruckend, wie dieser nach einem Schuss von Ronaldo aus sieben Metern Entfernung noch die Hand hochbrachte.

"Wir leben noch"

In der Zwischenzeit hatte sich Javi Martínez zwei Gelbe Karten für taktische Fouls abgeholt, die Bayern waren in Unterzahl. Auch diese Fahrlässigkeit passte zum schlampigen Spiel, denn Martínez kam nur deswegen in Bedrängnis, weil die Bayern Fehler begingen. Wo sie in der ersten Hälfte im wichtigen Bereich vor der Abwehr noch grätschen konnten, liefen sie in der zweiten Hälfte nur noch hinterher. Es hat wohl Madrids Spieler selbst erstaunt, wie einfach es plötzlich war, vor Neuer zu stehen. Die Bayern waren nackt. Ab der 70. Minute löste sich jede Ordnung auf.

Jedes Team hätte in Unterzahl gegen Real Madrid Probleme. Doch so hergespielt wurden die Bayern im eigenen Stadion lange nicht. In der zweiten Hälfte hatte Real 16 Torschüsse, Bayern zwei. In Nuancen war Real sogar im Ballbesitz vorne, auch das wahrscheinlich ein Novum.

Und es gab weitere Einladungen. Eine davon nahm Cristiano Ronaldo dann an und traf nach einer Flanke aus dem Halbfeld. Er musste nicht einmal viel unternehmen, eigentlich war er nur einen Schritt schneller als seine Bewacher. Wie schwer ist das, wenn fast alle stehen bleiben? Marcelo hatte eine weitere Gelegenheit, die Bayern schon endgültig aus dem Wettbewerb zu schießen, traf aber nur das Außennetz.

Hängende Köpfe

Am Ende wurde es in München still. Auf der Esplanade, dem bayerischen Prachtboulevard zur Arena, defiliert man normalerweise mit stolzgeschwellter Brust entlang. Nach dem Spiel hingen die Köpfe auf der Miasanmia-Meile, als würde es nieseln. Doch da ist auch Hoffnung: Man erzählt sich wieder von legendären Aufholjagden, 2008 in Getafe oder 1988 gegen Mailand.

Dass es nur zwei Tore sind, die im Rückspiel aufgeholt werden müssen, ist gnädig von Real, angesichts der zweistelligen Chancenzahl sogar fahrlässig. "Wir leben noch", sagte Carlo Ancelotti deshalb nach dem Spiel, bevor er wie ein geprügelter Hund aus dem Pressesaal schlich. Als er im Sommer geholt wurde, zeigte der Club bei seiner Vorstellung nur Bilder seiner drei von ihm geholten Champions-League-Titel. Drunter würden es die Bayern mit ihm nicht machen wollen.

Ancelotti ließ die Zügel lockerer als sein Vorgänger Pep Guardiola. Unvollständigkeiten in Angriff und Verteidigung sind die Folge. Auch er muss sich nach diesem Spiel Fragen stellen: War nicht vorher klar, dass Müller nicht wie Lewandowski spielen würde? Trotzdem beließ es Ancelotti beim gleichen Spiel, für das es einen Stoßstürmer braucht. Das ist das Wiesel Müller aber nicht. Es gab keinen Plan B.

Die versessene Detailarbeit von Guardiola führte dazu, dass selbst gegen Real Madrid 90 Minuten in deren Hälfte gespielt wurde. Wer weit weg vom eigenen Tor spielt, macht den Weg für den Gegner länger. Nun verhaspelten sich die Bayern mehrmals vor dem eigenen Strafraum.

Nimmt man das Erbe des Pep-Fußballs als Sandburg, wird sie nun Spiel für Spiel abgetragen. Schon die Niederlage in Hoffenheim vor acht Tagen war ein spürbarer Kontrollverlust. Wahrscheinlich werden die Bayern Meister, vielleicht Pokalsieger. Doch das Champions-League-Finale, Ancelottis Maßstab, ist weit entfernt. Der Fußball, der die Bayern zu drei Meisterschaften und drei Champions-League-Halbfinals trug, ist davongespült.