Reinhard Grindel beherrscht die Kunst der diplomatischen Demontage. "Diese Haltung unterscheidet mich von Oliver Bierhoff", sagte der DFB-Präsident. Er widersprach seinem Mitarbeiter Bierhoff beim Thema Nationenliga, dem Europapokal für Nationalmannschaften, den die Uefa ab 2018 durchführen wird. Der DFB-Manager hatte deren Sinn bezweifelt, als Geldbeschaffungsmaßnahme verurteilt. Grindel hingegen betonte die Chancen dieses Wettbewerbs für die kleinen Länder Europas.

Das war klug. Erstens macht man nicht viel falsch, wenn man auf Bierhoff zielt. Der hat Gegner an der DFB-Spitze, der Basis, in der Liga. Spricht man sich zweitens für die Nationenliga aus, macht man sich zwar keine Freunde im deutschen Profifußball. Die halten sie für so überflüssig wie Bierhoff. Aber die Uefa und ihre vielen kleinen Mitglieder aus Kasachstan, Mazedonien und Finnland finden sie gut. Drum haben sie Grindel am Mittwoch in die Uefa-Exekutive gewählt.

Das ging schnell. Grindel, der vor einem Jahr fast aus dem Nichts DFB-Präsident geworden war, hat das Spiel der Sportpolitik rasch kapiert. Nun ist er im wichtigsten Gremium des europäischen Fußballs angekommen. In den Fifa-Vorstand wird er bald aufrücken, das ist ebenfalls ein gut honorierter Posten. Grindel kennt den Fahrstuhlknopf nach oben.

Grindels Aufstieg begann 2015. Der Herbst stürmte die alte DFB-Spitze hinweg. Damals wurde der Skandal um die WM 2006 bekannt, die ganzen Millionentransfers in dunkle Kanäle nach Katar und sonst wo hin. Der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte den Fall nicht aufklären, sondern vertuschen wollen, seine Verbündeten auch. Sie mussten gehen. Zum Nachfolger wurde später Grindel gewählt, ein CDU-Hinterbänkler aus dem Bundestag. Beim DFB war er auch noch nicht lange dabei. Es war halt kein anderer da.

Der neue Präsident Grindel wusste aber, welche Worte gefragt waren: Reformen, Transparenz, Ethik, Vertrauen, Respekt, Fairplay, Toleranz. Und Aufklärung natürlich. Der teure Bericht zur WM 2006, den der DFB bei der Kanzlei Freshfields in Auftrag gab, ist ein Dokument der Scheinaufklärung gewesen sein. Er hat enorme Lücken, ist eher ein Gefälligkeitsgutachten. Und Grindel könnte viel mehr tun, um in Erfahrung zu bringen, was Franz Beckenbauer, Fedor Radmann und der alte DFB getan haben, um die WM 2006 zu bekommen.

Es geht um die Karriere, nicht um die Sache

Doch das missfällt nur ein paar kritischen Geistern, etwa Grünen-Politikern oder Journalisten. Im Verband stört Grindels Passivität in dieser Frage kaum jemanden. Dem DFB geht es um die Bewerbung für die Europameisterschaft 2024. Dem DFB geht es um den Blick nach vorne.

Auch auf internationalem Parkett machte Grindel keinen Fehler. Als 2016 klar wurde, wer die Wahl zum Uefa-Präsidenten gewinnen würde, wechselte er die Seiten. Fortan unterstützte er nicht mehr den Holländer Michael van Praag, sondern Aleksander Čeferin, einen unbekannten und umstrittenen Slowenen, den der bekannte und sehr umstrittene Russe Witali Mutko an die Spitze hievte.

Wofür Grindel inhaltlich steht, ist dagegen nicht klar. Sein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder reformierte die Nachwuchsarbeit des deutschen Fußballs, dank der Deutschland später Weltmeister wurde. Theo Zwanziger stand für die Öffnung des konservativen Verbands. Grindel wird immerhin ein guter Führungsstil bescheinigt. Mitarbeiter loben ihn als verlässlich und loyal, selbst Kritiker in Frankfurt hat er überzeugt. Er hat auch schon Mut bewiesen und den Fifa-Chef Gianni Infantino kritisiert, weil der die Ethikkommission absetzen will.

Doch ob ihn das zu einem guten DFB-Präsidenten macht, ist fraglich. Seinen Zuspruch für die Nationenliga werden viele im deutschen Fußball nicht teilen. Die meinen, es gibt genug Fußballpokale und -spiele, die im Fernsehen laufen und die die Kraft der Spieler kosten. Grindel hat durch seine Haltung den Eindruck erhärtet, dass ihm die Karriere wichtiger ist als die Sache und das Interesse derer, die er vertritt.