Die grauen Herren aus Momo sind keine netten Menschen. Sie sind sogar gar keine Menschen, sondern irgendwas anderes, auch wenn sie wie Menschen reden und aussehen. Sie sind grau gekleidet, haben graue Haut, tragen graue Hüte und graue Sakkos. Sie sind Diebe, sie stehlen Zeit, sie betreiben ein finsteres Geschäft. Und obwohl die grauen Herren die ganze Stadt beherrschen, kann sich gespenstischerweise niemand, der ihnen begegnet ist, an ein Gesicht erinnern.

Michael Ende könnte als Vorlage für seinen Roman die Herren der Uefa im Sinn gehabt haben. Die verbreiten eine ähnliche Kälte. Für alle spürbar war sie nun diese Woche, bei ihrer Anordnung zum Fußballspielen. Auf die Dortmunder Mannschaft war ein Mordanschlag verübt worden, dennoch musste sie am nächsten Tag zurück in die Produktion. Diesen grauherrigen Entschluss mögen andere gebilligt haben, etwa der Verein Borussia Dortmund, aber die treibende Kraft war die Uefa.

Dank ihr hat die riesige Fußballmaschine wieder funktioniert, Quoten fabriziert, Millionen generiert. Sinnhaftes ist nicht dabei herausgekommen. Da verrichteten Menschen, die jemand einen Tag zuvor töten wollte und die davongekommen waren, ungefragt und gegen ihren Willen einen Auftrag. Und so wirkten Dortmunds Fußballarbeiter wie von ihrem Produkt entkoppelt und fühlten sich wie eine nach Lohn und Arbeitskraft kalkulierte Größe. "Wir hatten zu funktionieren", sagte ihr Trainer. 

Was man auf dem Dortmunder Rasen sah, stellte alle marxistischen Zerrbilder vom Kapitalismus in den Schatten. Doch Fernsehvertrag ist Fernsehvertrag und der Fußballkalender ist der Gott der Gegenwart. Die Uefa wollte offenbar sogar schon am Tag des Anschlags spielen lassen. Man muss sich fast fragen, was ihr Heer aus Juristen und Salesmanagern davon abgehalten hat. Vielleicht waren es abdiskontierte, nicht pekuniäre Kosten. Hätte der anonyme Machtapparat der Uefa eigentlich die Dortmunder bestraft, wenn sie nicht angetreten wären? Es wäre schon irgendein Paragraf dafür vorgesehen gewesen.


Die Fifa, noch so ein grauer Herr, sagt nun: Hätte es Tote gegeben, wäre das Spiel ausgefallen. Gut zu wissen, es gibt also eine formale Schwelle, damit ein Spiel abgesagt wird. Es muss erst einer sterben – oder mehrere, wenn man den Plural genau nimmt. An dieser Stelle sollte man unbedingt an die Katastrophe von Heysel erinnern. 1985 kam es im Brüsseler Stadion vor dem Anpfiff zu Ausschreitungen, 39 Menschen, italienische Fans, starben. Natürlich ließ die Uefa trotzdem spielen, während hinter der Tribüne die Leichen aufgebahrt wurden. Musste ja, es war schließlich ein Endspiel und das Fernsehen übertrug live.

Allerdings gerieten diese Woche auch andere in das große Zahnrad der Uefa, wurden Teil ihres Getriebes. Hans-Joachim Watzke und Reinhard Rauball erklärten, als der Knall der Bomben ihren Spielern noch in den Ohren klingelte, es müsse weitergehen. Thomas de Maizière soll die Entscheidung, möglichst schnell wieder zu spielen, forciert haben. Angela Merkel hat ihrem Innenminister beigepflichtet. Es war eine ganz große Koalition, die hier und in Wahlkampfzeiten von traumatisierten Fußballern "Zeichen für die Freiheit" verlangte. Es fielen Sätze wie: "Wir dürfen nicht einknicken." Und: "Sonst hätten die Terroristen gewonnen." Hohle Terroranschlagsrhetorik.

Es fiel in diesen Tagen auch ein anderer Satz. "Es gibt Wichtigeres als Fußball und Geschäft." Das sagten Trainer und Spieler aus Dortmund, als sie endlich gefragt wurden. Es ist ein Satz, den die grauen Herren nicht verstehen.