Wie ärgerlich für Darmstadt, dass es Auswärtsspiele gibt. Die Hessen wären noch längst nicht abgestiegen, wenn nur Heimspiele zählen würden. 21 seiner 24 Punkte holte Darmstadt am heimischen Böllenfalltor. Die anderen beim HSV, das zählt nicht. Das reicht für Darmstadt in der Heimtabelle zwar auch nur für den Relegationsplatz. Aber immerhin.

Die Heimatliebe der Bundesliga ist belegt: Außer Wolfsburg waren in dieser Saison alle Clubs vor eigenem Publikum besser als in der Fremde. Hertha ist 15. in der Auswärtstabelle, aber Fünfter bei den Heimspielen. Die Bundesligisten gewannen 49,3 Prozent der Heimspiele. Einen so hohen Wert gab es zuletzt 2003. Zu Hause siegt es sich leichter. Das gilt nicht nur in der Kreisklasse, wo manche Plätze landkreisweit gefürchtet sind, sondern auch in der Bundesliga. 

Doch wie lässt sich der Heimvorteil erklären?

Womöglich liegt es tief in uns, in der menschlichen Biologie. Für eine Studie in England ließen Wissenschaftler den Testosteronwert von U19-Fußballern vor Heim-, Auswärts- und Trainingsspielen messen. Während des Trainings und vor Auswärtsspielen war der Wert normal, vor Heimspielen um 40 Prozent höher. Das liege wahrscheinlich am männlichen Revierverhalten, sagte eine der Forscherinnen.

Fußball ist eine archaische Disziplin. Das Heimteam will seinen Platz verteidigen, die Gegner und deren Fans sind Eindringlinge. Das zeigt sich Woche für Woche, wenn rivalisierende Fans in deutschen Innenstädten aufeinandertreffen. Heimspiele sind Machtkämpfe.

Interessant für die Heimvorteilforschung sind auch die Schiedsrichter. Wieder ist die englische Feldforschung führend. Ein Psychologe ließ 40 Schiedsrichter Wiederholungen von Zweikämpfen aus dem Spiel Leicester gegen Liverpool 1998 beurteilen. Die eine Hälfte der Schiris hatte dabei den Stadionsound auf den Ohren, die andere nicht. Bei denen, die das aufgebrachte Heimpublikum hörten, war die Wahrscheinlichkeit 15 Prozent höher, ein Foul der Heimelf weiterspielen zu lassen. Die Forscher schlossen daraus, dass die Schiedsrichter Stress vermeiden wollten. Die gute Nachricht für alle Stadionpöbler: Es hilft.

Womöglich sind es tatsächlich die Fans. Der Heimvorteil hat auch eine emotionale Komponente. "Kämpft für uns!", ist ein beliebter Kurvensong in fast jedem Stadion. "Wo es eng und laut ist, können Spiele für den Gast unangenehm werden", sagt der Sportpsychologe Manfred Wegner von der Uni Kiel.

Eine nette Beobachtung ist es, dass die beiden Letzten der Heimtabelle Ingolstadt und Wolfsburg sind. Zwei Vereine, deren Stadien man selten eine Höllenatmosphäre nachsagt. Und wer Diego Simeone von Atlético Madrid kennt, der das Vicente Calderón immer wieder mit rudernden Armen antreibt, wenn es Spitz auf Knopf steht, ahnt: Der Heimvorteil ist mehr als nur ein Raunen.