Domenico Tedesco ist glücklich an diesem Tag, als er den Flur im Funktionsgebäude des FC Erzgebirge Aue entlangläuft. Das liegt nicht nur daran, dass seine Mannschaft wieder mal gepunktet hat, ein paar Tage zuvor gegen den großen Favoriten Hannover 96. Das breite Grinsen hatte einen anderen Grund. Den Spielverlauf. 

"Wir mussten fünf, sechs Mal die Taktik ändern", sagt Tedesco und das Lächeln wird noch etwas breiter. Verschmitzt wirkt er noch jünger, als er ohnehin ist, 31 Jahre. Kein Alter für einen Trainer. Taktik, das ist Tedescos Element. "Es war schon ein Frage-Antwort-Spiel zwischen den Trainerbänken", sagt er.

Domenico Tedesco, 31 Jahre, nie Profispieler, Fußballlehrerausbildung mit 1,0 abgeschlossen, ehemaliger Jugendtrainer in Hoffenheim, erste Anstellung im Männerbereich bei einer abstiegsbedrohten Mannschaft. Das alles klingt sehr nach einer Kopie von Julian Nagelsmann. Der Vergleich ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, wird Tedesco aber nicht gerecht. Er ist ein außergewöhnlicher, intelligenter Trainer, der seinen eigenen Weg geht.

Nicht gerade ein idealer Startpunkt für Trainerkarrieren

Nach dem 1:4 im Derby gegen Dynamo Dresden Ende Februar stand es schlimm um den Verein. Das ebenso leidgeprüfte wie geduldige Publikum begann zu pfeifen, der Trainer Pawel Dotschew war am Ende. Er hatte in der Trainingswoche vorher mehrmals die Inhalte geändert, fühlte sich beobachtet, wurde dünnhäutig. Im beschaulichen Erzgebirge lagen die Nerven blank.

Auch in Aue hängt viel an der zweiten Liga. Das Stadion wird gerade umgebaut. Die dritte Liga ist, das zeigt der Fall des Erzrivalen Chemnitzer FC, eine Pleiteliga. Der Klassenerhalt ist daher auch in der 16.000-Einwohner-Stadt überlebenswichtig. Doch es passierte etwas Außergewöhnliches: Dotschew tritt zurück, kommt seinem Rauswurf damit wohl zuvor. Er hinterlässt eine verunsicherte Mannschaft auf dem letzten Tabellenplatz, die im Schnitt fast zwei Gegentore pro Spiel kassiert. 

Nun ist Aue nicht gerade der ideale Startpunkt für Trainer. Gerd Schädlich, Rico Schmitt und Pawel Dotschew waren die erfolgreichsten Übungsleiter. Sie alle schafften den Aufstieg in die zweite Liga. Das sagt viel aus: Mehr als Abstiegskampf im Bundesligaunterhaus ist in Aue nicht möglich. Die drei Trainer kennt außerhalb der Region kaum einer. Es gibt dankbarere Aufgaben; vor allem, wenn man dabei ist, eine Trainerkarriere zu starten.

Das alles hielt Tedesco nicht ab. "Der Verein hat mir eine klare Perspektive aufgezeigt. Ich habe einen Vertrag auch für die dritte Liga bekommen. Das ist ein Vertrauensvorschuss. Sie hätten auch sagen können: 'Du bist ein 31-Jähriger, entweder du hältst die Klasse, oder du bist weg.' Das war bei anderen Angeboten so, nicht aber hier in Aue", sagt der Deutsch-Italiener über seine Entscheidung.

Moderner Fußball im tiefsten Osten

Und so begab sich Tedesco auf den Übungsplatz unter der großen Brücke, wo der Lärm der Autos gut zu hören ist, und krempelte alles um. Die Dreierkette war nun auch in Aue angesagt, Tedesco brachte den modernen Fußball aus der DFB-Kaderschmiede in den tiefen Osten. Und hatte damit Erfolg. 13 von möglichen 15 Punkten sammelte er in den ersten fünf Spielen. Abkippende Sechser, Winkelspieler und falsche Neuner funktionieren auch in der Fußballprovinz.

Dabei hat Tedesco eine Stärke: die Videoschulung. "Gleich das erste Aufeinandertreffen hat er mit einer Videoschulung begonnen. Er hat uns gezeigt, was er von uns will", sagt Mittelfeldspieler Clemens Fandrich. "Was er aus Gegnern rausfiltert, ist nicht normal. Da könnte ich mir das Spiel acht Mal anschauen und würde es nicht erkennen".

Auch Nicky Adler, 31-jähriger Flügelstürmer mit 185 Zweiligaspielen, sagt: "Von denen, die ich bisher kenne, ist er der beste Trainer. Fachlich und menschlich herausragend." Über das Training sagt Adler: "Das ist angewandtes Fachwissen, mit Inhalt, mit Struktur, mit klaren Ansagen. Das macht es einfach rund."