Früher wurden die Erfolgsaussichten der Mannschaften einer Eishockey-WM anhand einer einzigen Zahl abgeschätzt: der Anzahl der NHL-Spieler im Team. Keine internationalen Stars in den eigenen Reihen zu haben, wie es bei den Deutschen häufig der Fall war, bedeutete Abstiegskampf. Mit zwei oder drei Spielern könnte es fürs Viertelfinale reichen. Um aber Kanada oder Russland zu schlagen, brauchte es deutlich mehr Verstärkung aus der besten Eishockey-Liga der Welt. So war das Gesetz, so bitter meist die Resultate für die Außenseiter.

Die deutsche Mannschaft aber könnte dieses Gesetz in diesem Jahr kippen. Bei der Heim-WM, die für das Team am Freitagabend mit dem Spiel gegen die USA beginnt, sind nur drei Stars aus Nordamerika dabei: der Verteidiger Dennis Seidenberg, der Torhüter Thomas Greiss, den amerikanische Fans "Jesus Greiss" nennen, und der flinke Tobias Rieder. Tatsächlich aber ist die Zuversicht bei den Deutschen groß wie lange nicht. Das liegt am Trainer Marco Sturm und der gelungenen Integrationsarbeit im deutschen Eishockey.


Das deutsche Team ist deutlich internationaler, als man es bei einer Mannschaft, die hauptsächlich in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) spielt, vermuten könnte. Jeder zweite deutsche WM-Teilnehmer hat in seiner Karriere mindestens einmal nordamerikanisches Eis gesehen, ob in der NHL, ihrem Unterbau oder im Collegesport. Der jüngste Hoffnungsträger heißt Frederik Tiffels, ist 21 Jahre alt, hat einen fünfzeiligen Wikipedia-Eintrag und in Michigan ziemlich gutes Hockey gelernt, wie die Vorbereitung zeigte.

Er wollte mit zerfetztem Ohr weiterspielen

Dazu kommt der gebürtige Tscheche Dominik Kahun und zwei türkischstämmige Spieler namens Sinan Akdağ und Yasin Ehliz, die in den alten Hockeyhochburgen Bad Tölz und Rosenheim zu Topspielern der DEL gezogen wurden. 

Obwohl die Türkei als Nummer 42 der Weltrangliste – eingeklemmt zwischen Südafrika und Luxemburg – wahrlich keine Eishockeynation ist, tragen zwei Hoffnungen für die Heim-WM einen türkischen Namen. Akdağ kürte die DEL vor einem Jahr zum besten Verteidiger der Liga, Yasin Ehliz gilt als hochveranlagter Stürmer und Vorlagengeber. Er setzt seine Mitspieler lieber in Szene, als selbst zu treffen, er ist der Özil auf dem Eis. Als sein Ohr nach einem harten Puck-Treffer in den DEL-Playoffs in zwei Stücken herabhing (Link, Vorsicht, unappetitlich!), wollte Ehliz sogar weiterspielen. Seine Mutter musste ihn stoppen.  

Während sich andere traditionelle Sportarten wie etwa der Handball sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, bei der Integration von Migranten Potenziale ungenutzt zu lassen, gelingt das im Eishockey besser.