Die abgesetzte Spitze der Fifa-Ethikkommission sieht die Verfolgung von mehreren Hundert offenen Fällen im Fifa-Skandal gefährdet. "Das wirft die Reformen um Jahre zurück", die Fifa werde leiden, sagte der frühere Chefermittler Cornel Borbely in Bahrains Hauptstadt Manama. "Wir haben viele laufende Untersuchungen", sagte Borbely. Es gebe keine Phase des Übergangs.

Der Fifa-Rat hatte den Schweizer Borbely und den deutschen Richter Hans-Joachim Eckert nicht zur Wiederwahl als Chefs der Ethikkommission vorgeschlagen. Damit können sie vom Kongress am Donnerstag in Manama nicht gewählt werden. Bis auf zwei Mitglieder der beiden Ethikkammern wurde das Personal komplett ausgetauscht. Die erfahrensten Verfolger und Richter seien weg, sagte Borbely. "Wir haben viel Know-how aufgebaut, wie man diese Fälle verfolgen muss." 

Beide erfuhren nach eigenen Angaben die Entscheidung erst nach ihrer Landung in Bahrain durch die Medien. "Die Absetzung war unnötig und deswegen ausschließlich politisch motiviert", sagte Borbely. Seit 2015 habe die Untersuchungskammer 194 Voruntersuchungen durchgeführt und die rechtsprechende Kammer mehr als 70 Funktionäre verurteilt. 

DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte, er habe sich bei seiner ersten Fifa-Ratssitzung für einen Verbleib der bisherigen Ethikchefs eingesetzt. "Ich habe eindringlich darauf hingewiesen, dass es eine sehr schwierige Entscheidung ist." Nach seiner Einschätzung sei die Arbeit von Eckert und Borbely durchaus geschätzt worden. Den Antrag für eine Änderung an der Spitze mehrerer Kommissionen habe Fifa-Präsident Gianni Infantino damit begründet, dass es Beschwerden über eine europäische Dominanz gegeben hatte. "Das war die einzige inhaltliche Begründung, die offiziell für personelle Veränderungen genannt worden ist – insofern möchte ich mich zu anderen Spekulationen auch nicht äußern", sagte Grindel.

Eckert saß der rechtsprechenden Kammer seit knapp fünf Jahren vor, Borbely war seit zwei Jahren Chef der Untersuchungskammer. Die beiden wollten ihre Posten für vier weitere Jahre behalten. Unter ihrer Führung wurden unter anderen der ehemalige Verbandschef Joseph Blatter sowie der frühere Uefa-Boss Michel Platini zu mehrjährigen Sperren verurteilt und auch Verfahren im Skandal um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland geführt. 

Als neue Chefermittlerin schlug der Fifa-Rat die Kolumbianerin María Claudia Rojas vor, die rechtsprechende Kammer soll der frühere Präsident des Europäischen Gerichtshofs, Vassilios Skouris aus Griechenland, leiten.