Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Sven Krüger aus Freiberg in Mittelsachsen ist zuletzt ein bisschen berühmt geworden. Die Schlagzeilen über ihn lassen sich in etwa so zusammenfassen: Provinzbürgermeister hat eine Rechnung mit Angela Merkel offen. Wenn es ihm nicht so ernst wäre, sagt Krüger, müsste er zugeben, dass das komisch ist. Denn was hat er eigentlich mit der mächtigsten Frau Deutschlands zu schaffen? Im Grunde immer noch nicht viel, denn auf den zweieinhalb Seiten langen Brief, den Krüger im März nach Berlin geschickt hat an die "Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin", hat er keine Antwort bekommen.

Dafür hat das Schreiben eine Debatte entfacht. Krüger fordert Kosten für die Integration von Flüchtlingen zurück. Exakt 736.200 Euro, so viel hat er für 2016 addiert. Er will den Betrag erstattet bekommen, denn der fehle in der Stadtkasse. Krüger pocht auf ein Versprechen aus dem Kanzleramt, das er vor vielen Monaten im Fernsehen gehört habe: Keine Kommune soll auf den Kosten für Integration sitzen bleiben. Der Bürgermeister weiß nicht mehr, wer genau das eigentlich gesagt hat, ob Angela Merkel oder ihr Vize Sigmar Gabriel, vielleicht auch jemand anderes aus dem Regierungsviertel. Aber diese Sätze haben sich bei ihm eingebrannt. Sie wurden sein Antrieb, es ganz genau zu nehmen.

Sven Krüger, 43 Jahre, fast die Hälfte seines Lebens SPD-Mitglied, "aber vor allem Bürgermeister meiner Stadt", ist ein Experte für Zahlen. Er stammt aus der Region, hat lange bei der Sparkasse gearbeitet und zog vor einigen Jahren als Finanzbürgermeister ins Freiberger Rathaus, ein Prachtstück am Marktplatz, wie vieles hier topsanierte Renaissance. In seinem Büro hat Krüger stets den Taschenrechner parat, ein älteres, schon ein wenig abgegriffenes Modell, um dies und das mit flinken Fingern einzutippen. Die Bilanz seiner Stadt, früher mal ein Bergbauzentrum, sieht ordentlich aus: etliche starke Unternehmen, viele Jobs, eine Hochschule, die für Dynamik sorgt, 42.000 Einwohner, wachsende Tendenz wegen guter Entwicklungen auch bei Zuzug und Geburtenquote, keine demografischen Sorgen also.

"Die Stadt hatte schwierige Zeiten, typische ostdeutsche Probleme, vor allem in den Neunzigern, aber durch eine kluge Politik hat sich vieles zum Positiven entwickelt", sagt Krüger. "Helmut Kohls Spruch von den blühenden Landschaften ist in Freiberg wahr geworden."

Im Sommer 2015 wurde er zum Oberbürgermeister gewählt. Statt eines gemäßigten Einstiegs ins Amt erwartete ihn ein Ausnahmezustand. Das hatte vor allem mit der Ankunft von Flüchtlingen zu tun. Anfang 2015 lebten nur etwa 200 Asylbewerber in der Stadt. In wenigen Monaten stieg die Zahl auf 1.700. Freiberg nahm mehr Flüchtlinge auf als vereinbart. Ursprünglich war im Landkreis eine gleiche Verteilung unter allen Kommunen vorgesehen, aber in einigen Orten gab es keine passenden Quartiere oder eine schlechte Infrastruktur. "In dieser Zeit waren wir alle Getriebene", sagt Krüger. "Da kommt ein Thema auf einen zu, das einen erst mal 90 Prozent der Arbeitszeit beschäftigt. Man will irgendwie versuchen, in der Stadt ein friedliches, ein anderes Miteinander hinzubekommen."

Die Kriminalität ist gestiegen

Damit meint Krüger auch: Anders als etwa in Bautzen, Clausnitz oder Freital, jenen sächsischen Orten, in denen zur gleichen Zeit Unruhen ausbrachen, asylfeindliche Proteste stattfanden und sich Anschläge auf Asylbewerberheime häuften. "Man hat in den Nachrichten immer wieder gehört, dass hier und dort Flüchtlingsheime brennen, in Sachsen und in ganz Deutschland", sagt er. "In Freiberg war unser Anspruch von Anfang an: Wir müssen die Integration gestalten. Dafür sind Investitionen notwendig." Damals hat der Bürgermeister auch den Beschluss gefasst, über diese Investitionen penibel Buch zu führen. "Ich bin den Freibergern ja Rechenschaft schuldig, weil sie den Weg mit uns gegangen sind."

Asyl und Integration heißt die Kostenstelle im Stadthaushalt. Sven Krüger zählt auf, was 2016 unter anderem dazu gehörte:

  • rund 50.000 Euro für die Beschäftigung einer Integrationsbeauftragten, einer Deutschen mit syrischen Wurzeln, die ihm seit einem Jahr direkt unterstellt ist
  • circa eine halbe Million Euro für zusätzliche Klassen, in denen Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird, für neue Kita-Programme und die Ausstattung sozialer Vereine
  • etwa 180.000 Euro, anteilig berechnet für einen Sicherheitsdienst, acht Mitarbeiter, die in Freiberg seit vorigem Jahr Streife laufen.
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Die Kriminalität sei gestiegen, sagt Krüger. Statistiken kann er nicht vorlegen, die führe man nicht gesondert für die Stadt. "Das sind Entwicklungen, die wir beobachtet haben. Der wöchentliche Polizeibericht war vor 2015 nicht auffällig. Plötzlich war er jede Woche ein paar Seiten lang, darunter ein starker Anstieg von Eigentumsdelikten und auch immer wieder Taten von Migranten." Seit es den Sicherheitsdienst gibt, habe sich die Situation wieder beruhigt. Nicht in seiner Rechnung aufgeführt, aber ebenfalls ein Teil von Krügers Gesamtbilanz: Man habe städtische Steuern und Gebühren erhöhen müssen, um die Kosten für Integration zu decken.