ZEIT ONLINE: Herr Vogt, Sie sind Fußballfan und wurden wütend. Wie kam das?

Claus Vogt: Ich liebe Fußball, bin seit mehr als dreißig Jahren Mitglied beim VfB Stuttgart, verpasse kaum ein Spiel, aber ärgere mich seit Jahren über die Auswüchse der Kommerzialisierung. Als der VfB vor einem Jahr ein wichtiges Spiel an einem Montag Abend in Bremen bestreiten musste, wurde es zu viel. Ich bin Unternehmer, kann nicht einfach so an einem Montag nach Bremen fahren. Als Fan hab ich eh nichts zu sagen, nun hatte man mir die letzte Möglichkeit genommen, meinen VfB im Abstiegskampf zu unterstützen. Ich musste handeln.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie getan?

Vogt: Was ich in Gesprächen mit anderen Fans schnell merkte: Wir mir ging es vielen. Also habe ich im Internet eine Petition gegen den Kommerz initiiert. Wir bekamen gutes und viel Feedback, viel mehr als ich gedacht hatte.

ZEIT ONLINE: Herr Bühler, jetzt gibt es eine Studie, an der mehr als 17.000 Fans teilgenommen haben.

André Bühler: Wir hatten schon lange das diffuse Gefühl, dass im Profifußball einiges nicht mehr stimmt. Wir konnten es aber nicht mit Händen greifen, das ist für einen Wissenschaftler eine nicht akzeptable Situation. Also haben wir eine Situationsanalyse des Profifußballs durchgeführt. Dank unserem Partner kicker wurde es die mit Abstand größte wissenschaftliche Studie zum Thema, die es je in Deutschland gab. Wir haben Fans von allen 36 Bundesliga-Vereinen dabei.

Vogt: Auch vom SV Sandhausen. Hier spricht keine radikale Gruppe, die Kommerzialisierung und alles andere, was modern ist am Fußball, ablehnen. Wir sind die breite Masse. Alle Schichten, alle Altersgruppen.

Claus Vogt und André Bühler (rechts) in Vogts Büro in Böblingen © Oliver Fritsch/ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Und was denkt die Masse über den deutschen Profifußball?

Bühler: Die Schere im Fußball geht immer weiter auseinander. Der Profifußball entfremdet sich von der Basis. Viele Leute, die den Fußball lieben, überlegen, sich abzuwenden, wenn das so weitergeht. Der deutsche Profifußball steht vor einer Zeitenwende.

ZEIT ONLINE: Sie ziehen den Schluss, dass die Kernaussagen Ihrer Studie die Verantwortlichen der Bundesliga alarmieren sollten.

Bühler: Die Fans denken: Das Geld ist vielen Managern und Vorständen wichtiger als der Sport. Die Transfersummen sind irrwitzig. Der Profifußball braucht klare finanzielle Regeln. Die DFL sollte über eine gerechtere Verteilung in der Bundesliga nachdenken, vielleicht auch eine Gehaltsobergrenze oder ein Draft-System wie im US-Sport. In der Champions League wird zu viel Geld verdient, das zerstört auf Dauer den nationalen Wettbewerb.

Vogt: Wäre ich Christian Seifert, würde ich mir Sorgen machen. Er ist Geschäftsmann und dazu ein guter. Bei uns kann er nachlesen, dass mehr als die Hälfte seiner Kunden sein Produkt langweilig findet, zumindest das Meisterrennen. Bleibt das so, ist es eine Frage der Zeit, bis auch das Geld wegläuft. Man hört ja davon, dass Sponsorenverhandlungen schwieriger verlaufen.

ZEIT ONLINE: Das Problem der Geldverteilung ist doch auch, dass Adidas und Nike immer mehr in globale Marken investieren.

Vogt: Mit Ausrüstern sollten wir auch mal reden. Ich bin aber kein Romantiker. Ich befürworte Profitoptimierung, Profitmaximierung lehne ich ab. Im nächsten Jahr gibt es auch Montagsspiele in der Bundesliga. An einer WM nimmt bald die halbe Welt teil. Wohin soll das noch führen? Wir Fans sollen die Zitrone sein, aus der man den letzten Tropfen rausquetscht. Die Grenze der Überkommerzialisierung ist nicht nur erreicht, sondern überschritten.

ZEIT ONLINE: Sie fordern Mitsprache.

Bühler: Wir haben einen Verein gegründet, dessen Ziel ist es, dass jeder Bundesliga-Verein mindestens einen Fan-Vertreter in einem Kontrollgremium hat. Ideal wäre, wenn dies eine Lizenzauflage wäre. Aber eine freiwillige Selbstverpflichtung wäre auch ein Fortschritt. Wir wollen aber gar nicht fordernd auftreten. Wir wünschen uns den Dialog zwischen Verein und den Fans, einer wichtigen Anspruchsgruppe.