ZEIT ONLINE: Frau Schwenzer, Millionen Migranten lieben den Sport, doch nur wenige sind Kassenwart, Trainer oder Vereinsvorstand. Warum?

Victoria Schwenzer: Zumindest legen das die wenigen nationalen Studien nahe. Für die Forschung und auch für die meisten Vereine sind Migranten zunächst Sportler, keine ehrenamtlichen Funktionäre. Wir wollten Gründe dafür finden.

ZEIT ONLINE: Welche haben Sie gefunden?

Schwenzer: Wir haben sieben Barrieren identifiziert: Sprachbarrieren, Ausländerquotenregelungen, der im Durchschnitt geringere Sozialstatus, unterschiedliche Sporttraditionen in der Vereinskultur, traditionelle Geschlechterbilder, überkommene Vereinstraditionen und Vorurteile gegenüber Fremden.

ZEIT ONLINE: Welche Barriere ist die größte?

Schwenzer: Ich glaube, dass die Organisationskultur der Vereine eine große Rolle spielt. Menschen engagieren sich dort, wo sie sich wohlfühlen. Das setzt eine große Offenheit gegenüber neuen und anderen Sichtweisen voraus, zum Beispiel bei der Frage, wie ein Vereinsfest gestaltet wird. Biertrinken ist im Fußball üblich. Doch wird im Verein kommentarlos akzeptiert, wenn ein Muslim darauf verzichtet? Oder kommt beim Grillen auch etwas anderes als Schweinefleisch auf den Rost? Wer sein Vereinsleben so denkt, verbessert das Zusammenleben im Verein.

ZEIT ONLINE: Mit Ihrer Untersuchung ertappen Sie Vereine also bei der Deutschtümelei.

Schwenzer: Nein, das nicht. Es geht vielmehr darum, zu überlegen, wie es Sportvereinen gelingen kann, noch mehr Migranten in den organisierten Sport zu holen, und welche Offenheit man dafür braucht. Es gibt Vereine, die sich nur auf den Leistungssport fokussieren. Das ist bis zu einem gewissen Grad legitim. Andere Clubs wollen mehr soziale Verantwortung übernehmen. Der Sportverein integriert Menschen, das Ehrenamt ist auf dem Weg dahin ein essenzieller Schritt. Es geht darum, die Gesellschaft mitzugestalten. Die Gruppe der Migranten ist zwar sehr heterogen. Was sie aber eint, ist, dass sie häufig Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben. Sie können deswegen von der gesellschaftlichen Anerkennung des Ehrenamtes besonders profitieren.

ZEIT ONLINE: Migrant, Einwanderer, Einheimischer, Flüchtling: Wie definiert die Forschung da eigentlich?

Schwenzer: Migranten sind Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ihr Land verlassen haben und in ein anderes eingewandert sind, also Einwanderer. Dies geschieht zum Beispiel auf der Suche nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen, aufgrund eines Studiums oder Jobs oder auch aus Liebe. Flüchtlinge sind auch Migranten, aber sie verlassen ihr Land nicht freiwillig. Sie fliehen vor Krieg, Gewalt, Verfolgung, Armut oder Naturkatastrophen. Der Begriff des Einheimischen ist eher alltagssprachlich und unpräzise. Er wird oft als Begriff der Abgrenzung gegenüber Migranten verwendet. Dabei könnte man umgekehrt auch sagen: Migranten können auch Einheimische werden, wenn die Gesellschaft dies zulässt.

ZEIT ONLINE: Lässt der deutsche Sport es zu oder ist er zu weiß, wie es die Migrationsexpertin Breschkai Ferhad sagte?

Schwenzer: Das ist zwar pauschal, aber es bringt ein Problem auf den Punkt. Der deutsche Sport ist auf der Vorstandsebene weiß und männlich. Auch Frauen sind dort unterrepräsentiert. Zahlen aus gesamteuropäischen Untersuchungen belegen, dass die Ehrenamtsstrukturen im europäischen Sport von Männern dominiert werden. Auch Menschen mit geringerem Bildungshintergrund sind deutlich weniger vertreten. Sportvereine speisen sich häufig aus lokalen Netzwerken. Vakante Positionen werden mit Leuten besetzt, die für etwas stehen, was die Mehrheit der Organisation im Hinblick auf Lebensstil, Orientierung und Herkunft auch verkörpert.

ZEIT ONLINE: Deutschland ist Einwanderland, Millionen Menschen finden hier eine Heimat. Ein türkischer Einwanderer im Vorstand eines Sportvereins, das wäre doch auch Deutschland, gibt es aber selten.

Schwenzer: Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass sich ein Sportverein seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellt, und finde es schade, wenn das nicht passiert. Oft entscheidet sich ein Verein nicht bewusst gegen eine Öffnung, er bleibt einfach in seinen Traditionen. Durch den demografischen Wandel wird sich die Frage noch mal neu stellen. Die Vereine haben Nachwuchsprobleme und sind gezwungen, sich zu öffnen, wenn sie sich weiterentwickeln wollen. 

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat es, wenn man unter sich bleibt?

Schwenzer: Es wird verhindert, dass Sportvereine von innen heraus neue Impulse bekommen, Traditionen werden weitergeführt. Neue Perspektiven bereichern aber jede gesellschaftliche Organisation.