Philipp Lahms bestes Spiel war eine Niederlage. Und was für eine. Im Mai 2012 traf Bayern München zu Hause im Champions-League-Finale auf Chelsea und wie so häufig war Lahm der Kopf seiner Elf, wenn's drauf ankommt ohnehin noch mehr als sonst. Verteidiger, Regisseur und Stürmer in einem trieb er sie voran. Doch das Finale "dahoam" ging durch eine Laune des Fußballgotts verloren. Die Spieler der Bayern lagen am Boden, alle. Nur einer stand, man sah auch ihm die schwere Niederlage an. Doch er ging durch seine Reihen, von Mitspieler zu Mitspieler: Lahm, der Kapitän.

In den Minuten und Tagen nach dem Spiel schwor er sie auf ein neues Ziel ein, die Mannschaft rückte noch näher zusammen. Niederlagen können selbst große Mannschaften zerstören. Oder sie noch größer machen. Wie die Lahm-Bayern.

Wembley, ein Jahr später, Champions League, erstmals ein deutsches Endspiel, Bayern gegen Dortmund. Man sah in den ersten fünfzehn Minuten den Favoriten an, dass sie beeindruckt waren. Vom Ereignis, vom Ort, von der Borussia, die in den zwei Jahren zuvor die Bayern hinter sich gelassen hatte. Nun drängte Dortmund schon wieder. Großkreutz tunnelte Schweinsteiger, Gündoğan regierte das Mittelfeld. Bis er seinen ersten Zweikampf verlor. Es war Lahm, der ihm den Ball stahl. Gündoğan erschrak. Dieser Moment änderte das Spiel, fortan ging es in die andere Richtung, Bayern gewann, und auch danach noch sehr, sehr viel.

Am Samstag, fast auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Finale "dahoam", endet mit dem Spiel gegen den SC Freiburg Lahms Karriere. Bei Abschieden darf man dick auftragen, aber in diesem Fall ist es nicht mal geschmeichelt, von dem Ende einer Epoche zu sprechen.

Fußball spielt man am Boden

Deutschland hatte viele Fußballer von Weltrang, Rahn, Seeler, Müller, Hoeneß oder Maier, Netzer, Overath, Vogts, Matthäus, Brehme oder Klinsmann. Aber es gibt unter all diesen Größen noch eine kleine erlesene erste Reihe der ganz Großen: Auf Fritz Walter werden die Älteren mit Recht bestehen. Und natürlich Franz Beckenbauer. Der Held von Bern und Kaiser Franz müssen nun ein bisschen zusammenrücken, ein Dritter, nur einssiebzig groß, gesellt sich zu ihrem Bunde.

Als der junge, feingliedrige Beckenbauer bei der WM in England 1966 durch die Reihen der Gegner tänzelte, ahnten alle, aus dem wird bald eine Majestät. Er erfand den Außenrist und konnte Dinge mit dem Ball wie kein Deutscher vor ihm, er konnte ihn Gassi führen. Lahm führte diese Tradition weiter. Er führte den Ball als hätte er vier Beine. Beschleunigen, Abstoppen, Richtungswechsel – stets mit Übersicht und unter Kontrolle des Balls, der bis heute etwas zu groß für ihn wirkt. Wie er auch kam und anflog, er nahm ihn mit, klemmte ihn unter seine Beine und ging ins Eins-gegen-Eins gegen die namhaftesten Abwehrspieler. Einen derart offensiven Außenverteidiger mit solchen technischen Fähigkeiten gab es vorher in Deutschland nicht.

Weil er einen 360-Grad-Radar zu haben schien und weil er in keiner auch noch so schwer zu lösenden Situation die Verantwortung scheute, war Lahm immer anspielbar. Er lief sich geschickt frei, seine Gegner kamen gar nicht erst an ihn ran. Sie konnten ihn nicht mal foulen. Es war nicht spektakulär, was Lahm tat, aber die Details stimmten. Er machte das Einfache perfekt. Es sah so leicht aus und war doch so schwer. Der kleine Mann bewies: Fußball spielt man am Boden.