In der Welt von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz kommt Widerspruch nicht gut an. Der Mäzen von RB Leipzig stellte verärgert das ganze Projekt infrage, als 2014 die Lizenz für die 2. Bundesliga auf der Kippe stand. Er wollte seinen Haussender Servus TV schließen lassen, als Angestellte einen Betriebsrat gründen wollten. Und Fans, die den ostdeutschen Brause-Ableger ablehnen, unterstellt er pauschal das Ausleben von "Konflikt- und Gewaltbereitschaft". 

Vor Kurzem hat nun die RB-Fangruppierung Red Aces den Österreicher nach einem umstrittenen Interview scharf angegriffen. Beim Auswärtsspiel auf Schalke entrollten sie ein Banner mit dem Schriftzug "Der Mäzen des autoritärsten Vereins, welch Witz, nennt sich selbst ein Pluralist". Eine Woche später folgte auf ihrem Blog die Erklärung: "Akzeptanz für fremdenfeindliche und reaktionäre Positionen, mit denen Mateschitz nicht sparsam umgeht, scheinen der heilen Welt der Roten Bullen innewohnend zu sein." Dem Milliardär dürfte das nicht gefallen haben.

Anlass der Schelte war ein Interview des 72-Jährigen, in dem er Fehlentscheidungen in der österreichischen Asylpolitik bemängelte, die Arbeit von Flüchtlingshelfern schlecht redete, über ein Meinungsdiktat fabulierte und Donald Trump in Schutz nahm. Mit ihren Aktionen eröffneten die kritischen Fans die Debatte, wie politisch die Kurve beim 2009 gegründeten Bundesliga-Zweiten sein darf. Die Kontroverse zeigt, wie Vereine und Anhänger um die Deutungshoheit im Stadion ringen, wie solche Debatten die Anhängerschaft spalten und wie der Begriff des Politischen missverstanden wird.

In anderen Klubs gab es vergleichbare Debatten: Bei Werder Bremen lehnten Fans das Engagement des Wiesenhof-Konzerns wegen tierrechtlicher Bedenken ab, beim HSV und andernorts gab es Proteste gegen die Ausgliederung der Fußballabteilungen. Meist sind es die Ultras, die ihr Recht sich einzumischen, am lautstärksten wahrnehmen. RB Leipzig unterscheidet in dieser Hinsicht nichts von anderen Clubs.

Die meisten Fans wollen einfach nur Fußball schauen

Die Leipziger Fanszene ist die jüngste aller Bundesligisten. Die Strukturen sind noch nicht so gefestigt, regelmäßig entstehen neue Fanclubs, die Fluktuation in der Kurve ist noch relativ hoch. Die aktive Szene hat 100 bis 150 Mitstreiter und gilt als eher links. Gruppen wie die Red Aces oder Lecrats, die faktisch wie Ultras agieren, auf den Begriff aber keinen Wert legen, malen Choreografien und Spruchbänder gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung. Eine Haltung, die sie nicht als politisch verstehen, sondern als gesunden Menschenverstand.

Der Kritik an Mateschitz liegen aber auch andere Konflikte zugrunde: Unzufriedenheit mit den straffen Vereinsstrukturen, die Nichtgenehmigung einiger Banner mit politischen Aussagen sowie das Verbot, ein neues Fanzine innerhalb der Stadiontore verteilen zu dürfen. Der Verein weiß um die Bedeutung der Hardcore-Unterstützer als Stimmungsmotor, will ihrem Anspruch, sich in der Red-Bull-Arena politisch äußern zu dürfen, aber Grenzen setzen. Gerade in Hinblick auf Mateschitz selbst, ohne dessen Millionen es keinen Spitzenfußball in Leipzig gäbe.