Wolfgang Niersbach war das Vorbild. Als der damalige DFB-Präsident noch in der Uefa saß, musste er über die Einführung der Nations League abstimmen, den neuen Europacup für Nationalmannschaften. Eigentlich war er gegen diesen überflüssigen Wettbewerb. Doch am Ende stimmte er dafür und sagte: "Wir folgen aus Solidarität." Im Sport geht es um Kumpanei und Gemauschel, aber selten um die Sache. Niersbachs Wort "folgen" verrät: Gefragt ist Gefolgschaft.

Sein Nachfolger Reinhard Grindel ist neu in der Fifa, aber er hat das Spiel schnell verstanden. Zunächst hatte er sich für den Verbleib der beiden Chef-Ethiker Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély eingesetzt. Als die rasiert wurden, weil sie im Sauladen Fifa zu genau hingeschaut hatten, stimmte der DFB-Präsident dem Vorschlag für die neue Besetzung aber zu. "Es wäre unfair gewesen", sagte Grindel, "und nicht respektvoll, sie jetzt abzulehnen, nur weil man dagegen war, eine personelle Veränderung vorzunehmen". Abenteuerliche, windelweiche Argumente. Hätte er sich wirklich an der Trennung von den beiden gestört, hätte er mit Nein stimmen müssen.

Die wichtigsten Reformkräfte Borbély und Eckert, die sich darüber ungewöhnlich drastisch äußerten, sind raus. Auch der Portugiese Luís Miguel Poiares Maduro musste als Chef der Governance-Kommission gehen. Er hatte verhindert, dass der mächtige Russe Witali Mutko wegen Interessenkonflikten im Fifa-Rat bleibt. Das musste bestraft werden. Andere, die für Besserung standen, sind längst weg. Die neuen Ethiker sind unerfahren und müssen sich lange einarbeiten, so werden Ermittlungen erschwert, verzögert, verhindert.

Auch wenn ihr Boss Gianni Infantino oberdreist von "Fifa-Bashing" und "alternativen Fakten" spricht, bleibt die Fifa in einem desolaten Zustand. Das wäre eigentlich die Chance für einen Verband wie den DFB. Er könnte mit anderen führenden Fußballnationen eine neue Epoche der internationalen Fußballpolitik einläuten. Er wirbt ja gerne mit Transparenz, Fairplay, Ethik und anderen Modewörtern. Doch auch unter Grindel verhält sich der DFB so wie fast immer: Statt Reformen einzufordern, wird gekuscht. Nein sagen bringt nur Ärger.

Ein Blick in die Geschichte deutscher Sportpolitik: Der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder suchte als Fifa-Mitglied stets die Nähe zu Sepp Blatter, auch als der miese Ruf des Schweizers längst bekannt war. Wie Franz Beckenbauer, der zurzeit der skandalösen WM-Vergaben an Russland und Katar im Fifa-Vorstand war. Oder Niersbach. Der ging, als Blatters Verbündete im Frühjahr 2015 reihenweise in Handschellen abgeführt wurden, mal kurz auf Distanz zu Blatter. Einen Tag nach dessen Wahl fand er wieder wohlwollende Worte, vielleicht auch weil Niersbachs Ziehvater Beckenbauer ihm den Kopf gewaschen hatte.

Auf Grindels Auftreten war mancher gespannt. Er steht unter Beobachtung, der DFB ist wegen des WM-Skandals unter Druck, die Zeiten fordern mehr Aufklärung von Sportverbänden, der teure Freshfields-Bericht des DFB, der die Geldströme des Sommermärchens aufdecken sollte, ist eher ein Feigenblatt. Am Donnerstag, dem Tag nach dem schäbigen und viel kritisierten Rauswurf der Ethiker, enthielt sich der DFB bei allen weiteren Abstimmungen. "Aus Protest", sagte Grindel. Das ist schon mal besser als ein Kopfnicken, aber kaum ein Ausdruck von gebotener Entschlossenheit. Gegenstimmen wären der deutlichere Protest gewesen. Das blieb aus, vielleicht ja, weil sich Deutschland um die Europameisterschaft 2024 bewirbt.

Ein Nein ist in der Sportpolitik, auch in Deutschland, so verpönt wie das Prinzip Kampfabstimmung. Einstimmigkeit ist nicht peinlich, wie in der Politik, sondern geradezu gewünscht, wie bei Grindels Wahl zum DFB-Präsidenten im Herbst 2016. Er ist auch deswegen ein erfolgreicher Sportpolitiker, weil er ein Näschen dafür hat, wer gerade vorne liegt. Als im Vorjahr ein neuer Uefa-Präsident zu wählen war, unterstützte der DFB erst Michael van Praag. Dann merkte Grindel, dass der unbekannte Slowene Aleksander Čeferin bessere Aussichten hatte als der Holländer, und schwenkte ohne plausiblen Sachgrund um.

Spendet Grindel seine Vergütungen?

Es gab mal eine Ausnahme im DFB: Theo Zwanziger. Er kann ein Polterer sein, aber in der Fifa war er einer der führenden Kräfte, die Gewaltenteilung und andere Strukturänderungen angeregt und auch durchgesetzt haben. Im Gegensatz zu anderen Deutschen, wie Niersbach, Grindel oder Reinhard Rauball, war Zwanziger stets auch ein Infantino-Kritiker, schon als der noch die Nummer Zwei in der Uefa und schon damals die größte Reformbremse war. Vom ehemaligen Fifa-Reformer Mark Pieth wurde Zwanziger als Blatter-Nachfolger vorgeschlagen. Aber mit diesem Profil war er ein Outlaw in der Fifa. Er hatte keine Chance und ging.

Wer sich nicht an die Gesetze im Sport hält, ist raus. Zumindest riskiert er, die Anerkennung in diesen elitären Zirkeln zu verlieren, die in aller Welt Privilegien genießen. Als Mitglied im Fifa-Council reist man in ferne Länder, die man sonst nie sehen würde. Dort bereiten einem Staatschefs Empfänge, die Hotels haben meist fünf Sterne, zu trinken gibt es nicht nur Sprudelwasser. Man fühlt sich wichtig. Allzu menschlich, wer darauf nicht verzichten möchte.

Und man bekommt Geld. Grindel zum Beispiel wird nun, da er in der Uefa und der Fifa ist, alles in allem inklusive Sitzungsgelder rund 500.000 Euro pro Jahr verdienen. Vielleicht noch mehr, wenn die Fifa die jährlichen Saläre von 300.000 auf 450.000 Schweizer Franken erhöht, wie kolportiert wird. Vor einem Monat kündigte Grindel an, den Verdienstausfall, den er als DFB-Präsident erhält, nämlich 80.000 Euro, mit seinen internationalen Vergütungen zu verrechnen. Auch erwog er, die Vergütungen durch Fifa und Uefa für wohltätige Zwecke zu spenden. Das wäre sehr löblich. Ob er sein Pläne wahr macht? Der DFB wollte eine Nachfrage dazu nicht beantworten.