Sebastian Rudy ist weder groß noch kräftig. Er ist auch nicht allzu schnell. Er ist weder Abräumer noch Dribbler und beileibe kein Torjäger. Trotzdem war er in der abgelaufenen Bundesligasaison der beste deutsche Mittelfeldspieler, sowohl nach den subjektiven Noten des Sportmagazins kicker als auch nach objektiven Statistiken wie denen von whoscored.com. Mehr noch: Mit Rudy als Kapitän wurde aus dem Tabellensiebzehnten TSG Hoffenheim ein Teilnehmer an den Champions-League-Playoffs. Er ist außerdem Nationalspieler und wechselt im Sommer zum FC Bayern München. Deren Kaderplaner Michael Reschke sagt, Rudy sei "einer der am meisten unterschätzten deutschen Topspieler". Was also macht diesen Fußballer aus?

Gute Gründe, Rudy nicht zu unterschätzen, gab es schon bei der U-17-WM 2007. Die deutsche Mannschaft um die beiden Mittelfeldspieler Sebastian Rudy (damals VfB Stuttgart) und Toni Kroos (FC Bayern) erreichte Platz drei. Die Fritz-Walter-Medaille für die Nachwuchsspieler des Jahres ging in Silber an Rudy, in Gold an Kroos. Letzterer wurde bald in Leverkusen zum Bundesliga-Stammspieler und fuhr 2010 mit der A-Nationalmannschaft zur WM. Bis dahin hatte Rudy erst fünfmal in einer Bundesliga-Startelf gestanden, im Sommer 2010 verkaufte ihn der VfB. In Hoffenheim hat er mehr erreicht, als ihm in Stuttgart zugetraut wurde. Das verbindet ihn mit einigen anderen Spielern aus dem VfB-Nachwuchs, denen der Durchbruch in Stuttgart verwehrt blieb, die es aber über Hoffenheim trotzdem bis in die Nationalelf schafften.

Für den Stammplatz beim DFB reicht es für Rudy bis heute nicht. Das liegt auch an der Konkurrenz auf seiner Position. Toni Kroos und Sami Khedira sind nicht zufällig Führungsspieler der beiden Champions-League-Finalisten Real Madrid und Juventus Turin. An einem großen Turnier hat Rudy noch nie teilgenommen. 2014 überzeugte er neben Christoph Kramer in einem der letzten Testspiele vor der WM. Nachnominiert wurde Kramer, nicht Rudy. Heute kann sich keiner der beiden daran erinnern, jemals in einem WM-Finale gespielt zu haben. Im Vorlauf der EM 2016 war Rudy immer dabei, aber nie erste Wahl. Er half meist als Rechtsverteidiger aus, stand im vorläufigen Kader, aber nicht im endgültigen. Das hat ihn zu neuen Höchstleistungen im Verein angestachelt.

Rudy fordert die Gegner auf

Am vergangenen Samstag spielte Sebastian Rudy nach sieben Jahren zum letzten Mal für die TSG Hoffenheim. Als einziger Spieler hat er alle neun Bundesligatrainer des Vereins erlebt, aber erst unter dem jüngsten, Julian Nagelsmann, erreichte er mit der TSG erstmals den Europapokal. In der Abschlusstabelle beträgt der Vorsprung auf die einen Platz dahinter liegenden Kölner 13 Punkte, während Köln wiederum nur 12 Punkte vom Relegationsplatz entfernt ist. Hoffenheim hat sich vom breiten Mittelfeld der Liga abgesetzt, auch in der Spielweise. Die TSG setzt auf Ballbesitz und geduldiges Passspiel. Es fällt nicht schwer, die zentrale Anspielstation zu benennen: Sebastian Rudy.

Sein Spiel basiert auf dem Gedanken, dass Fußball derzeit als Spiel voller Fehler begriffen wird. Bloß dreht er den Gedanken um. Viele Trainer wollen den Gegner zu Fehlern zwingen, wenn er den Ball hat. Rudy dagegen fordert die Gegner geradezu auf, ihm den Ball abzunehmen. Wenn sie sich beim aggressiven Anlaufen nicht optimal verhalten, bestraft er sie mit präzisen Pässen.  

Bei früheren TSG-Trainern, insbesondere zur Zeit von Markus Gisdol, war Rudys große Übersicht vor allem gefragt, um den Gegner unter Druck zu setzen. Dabei hat er oft genug erlebt, wie schnell Fehler in der Ausführung zu Gegentoren führen können. 2017 spielen die meisten Teams Pressing- und Konterfußball. Rudy kann seine Erfahrung einsetzen und die Fehler, die er früher mit seiner Mannschaft selbst gemacht hat, bei den Gegnern ausnutzen. Er lässt solche Momente unheimlich einfach aussehen, aber kaum ein Spieler der Bundesliga hat die souveräne Ballkontrolle, die es braucht, um sich freiwillig dem Druck des Gegners auszusetzen, ohne dass daraus Ballverluste und Gegentore resultieren.

Der zweite Rode, der zweite Kirchhoff?

Auch beim Abwehrverhalten ist Rudys Rolle als defensiver Mittelfeldspieler nicht auf Zweikämpfe ausgerichtet. Unter Nagelsmann gilt wie unter Pep Guardiola: Im Zweikampf und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Nagelsmann sagt, lieber als durch einen Zweikampf gewinne er den Ball, "indem wir gut verschieben, Passoptionen versperren, geschickt Druck ausüben auf den Ballführer und ihn so vielleicht zu einem Fehlpass zwingen". Wer so spricht, braucht keinen harten Abräumer, sondern einen Feingeist mit Spielverständnis und Gespür für die Bewegungen um ihn herum. "Zweikampfstärke bedeutet auch schnelles und geschicktes Handeln", sagt Rudy selbst.

Mit all dem steht er auch für die sogenannte Feminisierung des Spiels, für einen Fußball, bei dem die männlichen Tugenden Körperlichkeit, Kampf und Egoismus nicht mehr im Vordergrund stehen. Für diese fußballerischen Sekundärtugenden hat die TSG im vergangenen Sommer mit Neuzugängen gesorgt: Hinter Rudy spielte Kevin Vogt als sprintstarker Abräumer, neben ihm dribbelte Kerem Demirbay mit dem manchmal notwendigen Maß an Eigensinn und vor ihm überzeugte Torjäger Sandro "Wenn ihr mich sucht, ich bin bei Jogi Löw" Wagner.

Auch bei den Standardsituationen, einem wichtigen Bestandteil des Hoffenheimer Erfolgs, waren diese Rollen klar verteilt. Bei gegnerischen Standards mischte sich Rudy nicht in den Pulk, sondern lauerte dort, wo er mit seiner Übersicht und seinem Timing Gegenangriffe einleiten konnte. Bei den eigenen Standards wechselte sich Rudy mit Linksfuß Demirbay als Schütze ab. Neben den kräftigen und entschlossenen langen Kerls in der Mitte braucht es eben auch jemanden, der den Ball in den Strafraum streichelt. Besonders mit Eckbällen war die TSG erfolgreich, aus 144 Eckbällen fielen neun Tore, die beste Quote der Liga. Zum Vergleich: Der FC Bayern trat 244 Ecken, die aber nur sechs Tore einbrachten.

"Solche wie mich gibt es nicht oft"

Diese Bilanz könnte Rudy von der kommenden Saison an verbessern, wenn sie ihn nicht nur trainieren, sondern auch mitspielen lassen. Seit der Wechsel im vergangenen Winter angekündigt wurde, fällt Rudys Name oft in einer Reihe mit Sebastian Rode und Jan Kirchhoff. Ebenso wie Rudy sind beide defensive Mittelfeldspieler und auch in der Abwehr einsetzbar. Ebenso wie Rudy wechselten sie ablösefrei von Außenseiterteams nach München. Durchsetzen konnten sich die beiden nicht, auch beim DFB tauchten sie nach der U-21-Auswahl nicht mehr auf.

Rudy hat ihnen einiges voraus: Anders als die beiden Vorgänger kommt er nicht aus einer Mannschaft, die ihre Punkte mit Kampf oder Konterspiel sammelte, sondern von einem Team, dessen Ballbesitzfußball der Spielweise des FC Bayern viel näher ist. Ebenso wie Rode und Kirchhoff wurde er 1990 geboren, geht den Schritt nach München aber erst jetzt, als A-Nationalspieler mit der Erfahrung von mehr als 200 Bundesligaspielen. Auch wegen seiner Auslegung der Rolle im defensiven Mittelfeld sieht er sich nicht in deren Kateorie: "Ich bin ein anderer Typ. Solche wie mich gibt es nicht oft", sagte Rudy der FAZ

Sein vielleicht größter Vorteil ist aber der Zeitpunkt seines Wechsels: Xabi Alonso und Philipp Lahm, die seine Position für München in den vergangenen Jahren prägten, gehen in den Ruhestand. Für einen ewig unterschätzten Spieler wie Rudy heißt das: jetzt oder nie.