Wo ist eigentlich der Pokal? Man muss fast Sorge haben, dass sich beim BVB niemand um das vergoldete, gute Stück kümmert. Einen allzu großen Wert scheint er in Dortmund jedenfalls nicht zu haben. Keine drei Tage nach dem Titelgewinn, dem ersten seit fünf Jahren, wirft der Verein seinen Trainer raus.

Der Fall kennt nur Verlierer, vor allem weil sich beide Seiten dazu verleiten ließen, immer wieder öffentlich zu streiten. Hans-Joachim Watzke, der Sanierer der Borussia, hat seinen Ruf aufs Spiel gesetzt. Seit der Winterpause gab er viele Interviews, in denen er den Trainer unter Druck setzte. Sogar am Tag des wichtigsten Saisonspiels gegen Hoffenheim.

Watzke, der von verletzter Eitelkeit getrieben wirkte, gefährdete die Ziele seines Vereins. Wenn er nicht von Tuchel überzeugt war, warum hat er nicht in aller Ruhe das Saisonende abgewartet? Wollte er ihn schwächen, um den politischen Preis zu drücken? Warum sprach er nicht mehr intern mit Tuchel? Auch Trainer kann man führen. Von seinem Freund Christian Heidel, der in Mainz mit Tuchel aneinander geraten war, hätte Watzke erfahren können, was Tuchel für einer ist: ein Talent, aber unausgereift.

Auch Watzkes Rolle als Krisenmanager missriet. Sicher, als ein Krimineller im April einen Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus verübte, war das auch für ihn eine schwierige Situation. Doch er gefiel sich ein wenig hoeneßisiert zu sehr in der Rolle desjenigen, der an der Seite von Merkel und de Maizière unser Land retten wollte. Was er stattdessen hätte sein sollen: der fürsorgliche Unternehmer, der zuallererst an seine Mitarbeiter denkt, zum Beispiel seinen Trainer.

Auf der anderen Seite ist auch Tuchel geschrumpft. Seinen Ruf als fußballerischer Nerd, der sich schwer tut mit Menschen, hat er in Dortmund nicht korrigieren können. Die Trennung vom BVB verkündete er noch vor dem Verein selbst mittels eines am selben Tag eingerichteten Twitteraccounts. Nach dem Anschlag könnte er ein wenig zu sehr den emotionalen Spielerversteher und Menschenfänger gegeben haben. Auf Kosten Watzkes, der plötzlich als kalter Entscheider dastand. Gut möglich, dass Watzke deshalb danach in die Offensive ging.

Tuchel gilt den Wenigsten noch als Deutschlands größte Trainerhoffnung. Seine plötzliche gute Laune und Jovialität im Umgang mit Spielern und Fans in letzter Zeit wirkte aufgesetzt. Er wäre gerne in Dortmund geblieben, auch wenn ihn manche "seriöse Quellen" als Abtrünnigen darstellen wollten.

Doch auf seiner ersten großen Station kam er insgesamt ein bisschen zu leichtgewichtig und naiv daher. Konflikte zum Beispiel trägt man nicht öffentlich aus, schon gar nicht mit Fußballbossen und Spielern. Die kritischen Aussagen seines Kapitäns Marcel Schmelzer nach dem gewonnenen Pokalfinale ließen zudem darauf schließen, dass der Trainer die Kabine zum Teil verloren hatte. Es war auch kein gutes Zeichen, dass Tuchel mit dem hochangesehenen Scout Sven Mislintat nicht mehr sprach. Ein Trainer ist zwar eine Führungskraft, sollte sich aber auch in den Verein einfügen. Er muss mit Macht umgehen können.