Seit knapp zehn Jahren die eine große Frage: Wer, wenn überhaupt, wohnt in Toni Kroos? Die nur noch unheimlich zu nennende Heimlichkeit, mit der Deutschlands bester Fußballer gerade in jüngster Zeit das Spiel von Real Madrid gestaltet, gibt diesem Rätsel neue Relevanz und Dringlichkeit. Denn vergangene Woche, im Halbfinalhinspiel der Champions League gegen den Stadtrivalen Atlético, bot Kroos dem wachen Betrachter ein Schauspiel, dessen tiefenentspannte Perfektion sich gängigen Beschreibungskategorien endgültig entzog – ja den Rahmen des Menschenmöglichen selbst zu erweitern schien. Gegen das druckvollste und schmerzhungrigste Mittelfeld des Planeten fanden 99 seiner insgesamt 100 gespielten Pässe ihr Ziel. Wobei es nicht nur so war, dass diese im platt statistischen Sinne verarbeitungsfähig angekommen wären. Nein, ein jeder von ihnen wies idealen Druck sowie Länge auf, fand zentimeterscharf das antizipierte Spielbein und zeigt sich zudem noch als die beste verfügbare Situationsauflösung.

Ich darf frei bekennen, nie zuvor im Leben eine vergleichbare Mittelfeldleistung gesehen zu haben. Die Rezeptionswirkung schwankte demgemäß zwischen tränennaher Dankbarkeit und staunender Beklemmung, kniender Ehrfurcht und nagender Skepsis: Wer ist dieser Spieler, dieser Mensch? Wer oder was bewegt ihn? Worin besteht sein Geheimnis?

In den frühen Jahren seines Wirkens noch wurden diese kroostypischen Fragen, gerade unter Bayern-Fans, zumeist im Geiste der Ablehnung und sogar Häme gestellt. So anerkennenswert das schweißfreie Wirken des jungen Mannes aus dem Osten auch sein mochte, schien Kroos doch als paradigmatisches Beispiel ebenjener allzu flexibel ausgebildeten Generation von Systemprofis, denen es im entscheidenden Moment an Charakter und Wille (im Oliver-Kahn-Deutsch also "Eiern") gebrach, um die wirklich großen Früchte zu ernten. Ein Zweifel, der sich mit dem verlorenen Finale "dahoam" von 2012 gegen Chelsea sowie der EM-Enttäuschung desselben Jahres gegen Italien zur Gewissheit verfestigt zu haben schien. Und dann war da natürlich noch jener Volleyschuss im WM-Halbfinale von 2010 gegen Spanien, als einzig wahre Chance des gesamten Spiels, den Kroos dann eben doch nicht im Netz unterzubringen wusste.

Bayerische Fehlentscheidung

Dieser Eindruck war es wohl auch, der den damals gerade noch unter der Ägide von Uli Hoeneß stehenden FC Bayern zur schwersten Kaderfehlentscheidung seiner jüngeren Geschichte verleitete. Ohne Not verweigerte man Kroos im Frühling 2014 den Gehaltsaufstieg in die Liga der Robbens, Ribérys und Müllers und verlor ihn für ein Handgeld an Real Madrid.

Weshalb, mag Hoeneß damals räsoniert haben, soll ich zehn Millionen jährlich an einen Spieler überweisen, der keine tiefere Identifikation mit irgendetwas, geschweige denn einem Vereinswappen erkennen lässt und dessen charakterstärkste Äußerung bis dato darin bestand, sich den Vornamen seines Hundes auf die Fußballschuhe sticken zu lassen. Ossi Kroos als kommendes Leitgesicht einer globalen Emotionsmarke? Nie und nimmer.

Tief fehlgeleitete Bedenken, wir wissen das heute. Vollends haltlos jedoch waren sie damals nicht. Doch lassen wir, in unserer angestrebten Ergründung des Phänomens, das sogenannte Private besser beiseite und konzentrieren uns ganz auf Kroos als Feldphänomen. Gerade dann erscheint sein Wirken als Kippbild der rätselhaftesten Art. In einer ersten Näherung könnte man die Mittelfeldkraft Kroos als Meister der totalen Vermittlung deuten. Genauer, als ein Könner, der die mannschaftssporttypische Anforderung einer Vermittlung zwischen individueller Ausdifferenzierung bei gleichzeitiger Einordnung in einen größeren Funktionszusammenhang in derzeit unübertroffener Weise bewältigt.

Idealtypische Durchschnittlichkeit

So gibt es zunächst ja nichts, wodurch der Spieler Kroos seiner rein physischen Anlage nach besonders hervorstäche. Vielmehr verkörpert er in Sachen Größe, Gewicht, Statur, Schnelligkeit eine geradezu idealtypische Durchschnittlichkeit. Ein Urteil, das sich bruchlos auf sein profigebundenes Äußerungsverhalten übertragen lässt. Es gibt wenig Deprimierenderes, als diesem Mann auf Twitter zu folgen. Jeder Eintrag flach wie ein Trottoir, jede inhaltliche Einschätzung eine denkbare Direktbuchung für das Wörterbuch der Gemeinplätze. Er will es so. Denn mit diesem Vorgehen hat er im königlichen Gecken-Zoo von Madrid auch aufmerksamkeitsökonomisch die perfekte Nische gefunden. Seine Abwesenheit als Person verleiht ihm faktische Omnipräsenz. Gerade auch auf dem Feld.