Spätestens als Uli Hoeneß an diesem Donnerstagmorgen die Bild-Zeitung aufgeschlagen hat, wird er gemerkt haben, dass es vielleicht nie wieder so wird wie früher. "Hoeneß: Dreister Auftritt in Steuer-Oase", titelte das Blatt in einer der größtmöglichen Schrifttypen. Die Bild war wie andere Medien auch lange Jahre ein zuverlässiger Begleiter von Uli Hoeneß. Meist waren sie ihm wohlgesinnt. Hoeneß polarisierte zwar, aber mit seinen klaren, stammtischfähigen Ansagen konnten sich viele identifizieren. Sein Wort hatte Gewicht, bei Günther Jauch redete er noch vor ein paar Jahren über Gerechtigkeit.

Doch die Zeiten sind vorbei. Hoeneß ist nicht mehr der Alte. Das liegt an seiner Vergangenheit. Für Uli Hoeneß wirft sich kaum noch jemand in die Kugeln. Jetzt kritisieren sie ihn sogar.

Hoeneß wurde 2014 wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, nach der Hälfte der Zeit kam er im Februar 2016 frei. Im November ließ er sich erneut zum Präsidenten des FC Bayern wählen. Seitdem war es lange ruhig um ihn. Er dränge nicht mehr so stark in die erste Reihe wie vor seiner Haft. Sprüche wie früher, mit denen er die ganze Liga aufregte, ließ er so gut wie sein. Doch bevor man das Gefühl haben konnte, das Gefängnis habe Hoeneß zahm gemacht, fing er langsam wieder an. In mehreren Interviews im Januar forderte er Deutsch als Umgangssprache in der Kabine, meinte, dass viele Politiker nicht wissen, was die Menschen wirklich denken und kritisierte "die Anti-Russland-Stimmung" in Deutschland.

"Ein Freispruch wäre völlig normal gewesen"

"Meet the president" hieß das Event in der Hofkellerei des Fürsten von Liechtenstein. 108 Gäste durften sich für 375 Schweizer Franken ein Vier-Gänge-Menü servieren lassen und hören, was Uli Hoeneß zu sagen hatte. Er redete über die Altersstruktur des FC Bayern und Fans in China, aber auch über seine Verurteilung und Haft, im Steuerparadies Liechtenstein entbehrte das nicht einer gewissen Ironie. Man tritt wohl so manchem Liechtensteiner Zuhörer nicht zu nahe, wenn man sagt, dass sie besonders gut mit Uli Hoeneß mitfühlen konnten.

"Ich bin der einzige Deutsche, der Selbstanzeige gemacht hat und trotzdem im Gefängnis war. Ein Freispruch wäre völlig normal gewesen", sagte Hoeneß. Eine Meinung, die er bei 28,5 Millionen Euro hinterzogenen Steuern wohl exklusiv hat. Steuern zahlen wäre völlig normal gewesen. Im Übrigen war seine Selbstanzeige unwirksam, weil hastig und fehlerhaft zusammengeschustert.

Dann aber habe er über 40 Millionen Euro Strafe gezahlt, inklusive 18 Millionen Zinsen und 2 Millionen Kirchensteuer, um anschließend den Satz zu sagen, der auch aus einem der großen Romane der Weltliteratur stammen könnte: "Trotzdem entschied ich mich, ins Gefängnis zu gehen." Nicht der Richter, nicht das Gesetz haben also entschieden, dass Uli Hoeneß ins Gefängnis muss. Sondern er selbst. Großzügig von ihm. Reue und Einsicht, die Grundlagen von Resozialisierung scheinen zumindest an diesem Abend an Hoeneß vorübergegangen zu sein. Von sonderlich viel Respekt gegenüber dem Rechtsstaat zeugen die Aussagen auch nicht.

Interessanter aber noch als die Aussagen an sich, ist ihre Rezeption. Einige große Tageszeitungen ignorierten Hoeneß komplett oder brachten allenfalls eine kleine Meldung. Er interessiert nicht mehr, dringt nicht mehr durch. Verteidigen will ihn auch kaum noch jemand, obwohl er unter den Bayern-Anhängern immer noch viele Fans hat. Politiker und andere Großkopferte, die sich früher mit ihm schmückten, sagen nichts mehr. Selbst in der Bild muss man schon ganz genau hinschauen, um in einem kleinen Kasten ein "Pro Hoeneß" zu finden: "Man muss seine Meinung nicht teilen, aber wenigstens hat er eine", steht dort. Ein maximal bemühtes Argument, das man auf so ziemlich jede, selbst die finsterste Person der Zeitgeschichte, anwenden könnte.

Das alles wird Hoeneß zu denken geben. Es spricht ja viel dafür, dass er noch was vorhat. Dass er wieder angreifen will, es ist schließlich sein FC Bayern. Im Konflikt mit Philipp Lahm zeigte er, dass er wieder das Sagen haben will. Um erneut der starke Mann des deutschen Fußballs zu werden aber, braucht er Rückhalt und Unverwundbarkeit. Beides scheint er nicht mehr zu haben.