Vor genau 20 Jahren gewann Yves Eigenrauch mit Schalke 04 den Uefa-Cup. Er galt er als etwas anderer Fußballer. Er trug bunte Klamotten, las Dürrenmatt im Mannschaftsbus und gab kaum Interviews, weil ihn Profifußball eigentlich nie interessiert hat. Trotzdem war er Publikumsliebling, immer, wenn er am Ball war, hallten "Yyyyyves"-Rufe durchs Gelsenkirchener Parkstadion. Wie schaut er heute auf das Fußballgeschäft und was sagt es über eine Branche aus, wenn jemand schon als Exot gilt, nur weil er Bücher liest?

ZEIT ONLINE: Herr Eigenrauch, angenommen Sie wären noch einmal jung und stünden vor der Entscheidung, noch einmal Fußballprofi werden zu können.

Yves Eigenrauch: Mit dem Wissen von heute: Nö. Ich kann mich mit dem Profifußball nicht mehr identifizieren. Diese ganze Show! Ich brauche auch keine Villa und keinen Ferrari. Und die Bevormundung der Spieler seitens der Vereine wäre für mich nicht tragbar. Ich würde mir nicht sagen lassen, dass ich mit Ihnen zum Beispiel nur sprechen dürfte, wenn ich vorher das Okay bekommen habe. Ich glaube, die würden mich heute nach 14 Tagen rausschmeißen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den schönen Seiten des Berufs. Ruhm, Geld, Frauen?

Eigenrauch: Ruhm? Also ich weiß nicht. Ich war dafür jedenfalls nicht empfänglich. Das Problem ist, dass es zu viele Personen gibt, die sich über ihren beruflichen Erfolg definieren und nicht mehr über ihr eigenes Denken. Nicht nur im Fußball. Klar, mit 18 eine eigene Autogrammkarte zu haben, das hatte schon was. Aber das Rosarote, das man in diesem Alter nur sieht, relativiert sich schnell, wenn man dabei ist. Es ist auch nett, schon in so jungen Jahren nicht mehr jeden Pfennig umdrehen zu müssen und sich mal eine teure Stereoanlage kaufen zu können oder, dass die Leute einen erkennen und loben. Aber ich brauchte das nicht und wollte das auch nicht.

ZEIT ONLINE: Nachdem Sie in einem Spiel den damaligen brasilianischen Weltfußballer Ronaldo komplett abgemeldet hatten, gingen Sie an allen Journalisten, die mit Ihnen reden wollten, vorbei und sagten, Sie wollten nach Hause, weil Sie müde seien und um diese Zeit schon längst schlafen würden.

Eigenrauch: Ach, das habe ich bestimmt nicht so gesagt. Ich wollte nur medial möglichst wenig präsent sein, um diesen Wiedererkennungswert nicht noch weiter zu forcieren. Schon damals konntest du praktisch nichts machen, ohne dass jemand auf dich zeigte oder für ein Autogramm angelaufen kam. Heute ist das noch extremer. Das ist ja auch schön, jemandem einfach eine Freude zu machen, aber ich halte es für etwas seltsam, wenn sich ein Fan als Person nur über den Erfolg seines Vereins definiert. Das muss aber jeder selbst wissen.

ZEIT ONLINE: 70.000 Leute im Stadion riefen "Yves" und es ließ Sie kalt?

Eigenrauch: Für mich war das eher Druck. Ich hatte nun mal sehr begrenzte fußballerische Möglichkeiten, wollte aber den Leuten was zurückgeben, also gut spielen. Ich fand die Rufe auf der einen Seite schmeichelhaft, aber auf der anderen auch ein bisschen belastend.

ZEIT ONLINE: Haben Sie gerne Fußball gespielt?

Eigenrauch: Pflichtspiele haben mir keinen Spaß gemacht, Training ja. Im Spiel geht es immer nur um den Erfolg, im Training konnte man auch mal Blödsinn machen. Steinchen oder Kastanien sammeln beim Ausdauerlauf zum Beispiel.

ZEIT ONLINE: Wie lebte es sich als Außenseiter in dieser harten Fußballmännerwelt?

Eigenrauch: Ich habe mich nie als Außenseiter gesehen. Ich hatte nur andere Interessen. In anderen Berufen wäre das damals gar nicht aufgefallen. In der Kabine ging es vor allem um Sportwetten, um Frauen, um Sport und Fußball, um spanischen Fußball und italienischen Fußball und noch mal um Fußball und manchmal auch um Autos. Relativ monoton, ich vermute, dass es heute auch nicht viel anders ist. Ich finde das nicht schlimm. Aber ich habe mir erlaubt, das nicht gut zu finden und da auch keinen Hehl draus gemacht. Vieles ist auch in der Berichterstattung ein bisschen forciert worden. Irgendwann war der Stempel drauf.

ZEIT ONLINE: Vor 20 Jahren haben Sie den Uefa-Cup gewonnen. Ob Sie wollen oder nicht, Sie sind Teil einer Legende.

Eigenrauch: Das war schon eine besondere Geschichte mit einem grandiosen Finale in diesem wunderschönen Stadion. Aber es gibt ja auch leichte Geschichtsklitterung, wie toll alles war. War es natürlich nicht, bei uns waren auch komische Vögel. Wir haben auch nicht immer Autogramme gegeben. Aber wir waren Spieler, mit denen konntest du noch sprechen. Da konnte einer kommen und sagen, "Was bist du für ein Arsch?". Und da haben wir geantwortet, "Was willst du Arsch von mir?". Das geht heute nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Wollten Sie überhaupt Profi werden?

Eigenrauch: Nö.

ZEIT ONLINE: Viele wollen es werden und schaffen es nicht. Wie schafft es einer, der es gar nicht will?

Eigenrauch: Weil damals das System noch natürlicher war. Es ist noch nicht so flächendeckend gesichtet worden. Bei mir war damals viel Zufall dabei. In der Anfangsphase auf Schalke hatte ich große Schwierigkeiten. Sportlich bin ich nicht zurechtgekommen, ich war weg vom Elternhaus und hatte in Aleksandar Ristić einen recht ruppigen Trainer. Es war eine schreckliche Situation. Eigentlich wollte ich damals meinen Vertrag auflösen. Vor einem Auswärtsspiel aber haben die Kollegen in der Mittagspause Backgammon gespielt, was nicht erlaubt war. Der Trainer schmiss sie aus dem Kader. Unmittelbar vorm Spiel hat er zu mir gesagt: Du spielst! Das war für mich der Horror.

ZEIT ONLINE: Warum?

Eigenrauch: Weil ich überhaupt kein Selbstvertrauen hatte und von jetzt auf gleich spielen musste. Im Spiel hat's ganz ordentlich geklappt. Aber wenn die Kollegen nicht Backgammon gespielt hätten, kann ich zu tausend Prozent sagen, hätte ich nicht weitergespielt, wäre der Vertrag im Sommer ausgelaufen.