Ein Freundschaftsspiel Ende März, Frankreich gegen Spanien. In der zweiten Halbzeit steht es im Pariser Stade de France bereits 1:0 für die Gäste, als der Ball aus dem Mittelfeld heraus über drei Stationen von links zu Gerard Deulofeu geflankt wird und dieser die Vorlage in ein 2:0 verwandelt.

Während Deulofeu schon siegessicher zu jubeln beginnt, schwenken die Kameras auf den Schiedsrichter. Es ist der Berliner Felix Zwayer, einer der aktuellen deutschen Fifa-Schiedsrichter. Er steht auf Höhe des Elfmeterpunkts und hält sich immer wieder die Hand an sein linkes Ohr. Gebanntes Warten. Es vergeht eine scheinbare Ewigkeit, bis er schließlich auf den Anstoßpunkt zeigt und das Tor somit wertet. Tatsächlich hat der ganze Vorgang nicht mehr als eine Minute gedauert. 

Zwar ist diese Szene nicht so kontrovers wie der Moment aus der Partie Deutschland – Kamerun, in dem der Schiedsrichter nach Ansicht der Fernsehbilder zunächst den falschen Spieler vom Platz stellte. Aber die Diskussion um den Video-Assistenten, also einen externen Unparteiischen, der strittige Szenen aus mehreren Kamera-Perspektiven in einem Videoraum begutachtet, hat sie trotzdem angeregt.

Ortswechsel: Leipzig, Dienstagmorgen, 10 Uhr. Der DFB hat in den Presseraum der Red Bull Arena eingeladen und möchte ausgewählten Journalisten und Journalistinnen den neuen Video-Assistenten vorstellen, der in der kommenden Saison bei allen Spielen der Bundesliga zum Einsatz kommen soll. Seine Premiere ist für den 5. August geplant, beim Supercup in Dortmund, der BVB gegen den FC Bayern.

Nach einem kurzen, aber nichtssagenden Werbefilm ergreift DFL-Schiedsrichtermanager Hellmut Krug das Wort. Er leitet das "Projekt Video-Assistent" und schlüpft mit seiner kräftigen, warmen Stimme schnell in die Rolle eines Produktverkäufers, der den anwesenden Medienmenschen die Neuerung erklären und schmackhaft machen will. Das erinnert ein bisschen an die Marktschreier vom Hamburger Fischmarkt, aber auch die stehen schließlich für Vertrauen und wollen nur das Beste für den Kunden.

Kann der Video-Assistent den Fußball gerechter machen?

Der Video-Assistent sei kein neuer Oberschiedsrichter, sondern ein "Dienstleister" beziehungsweise eine "Hilfestellung" für den Schiedsrichter auf dem Platz. Ihm allein obliege es, diese Hilfe anzunehmen oder nicht. "Wir sind nicht auf der Suche nach der richtigen Entscheidung", sagt Krug, sondern auf der Suche nach klaren Fehlentscheidungen. Er beteuert, dass man dabei den Charakter des Spiels weder verändern wolle noch dürfe. Die Spiele sollen möglichst selten und dann auch nur kurz unterbrochen werden.

Fifa-Schiedsrichter Zwayer ist ebenfalls anwesend und bezieht klar Position: "Der Video-Assistent ist nicht für uns Schiedsrichter gemacht worden, sondern für den Fußball, damit er gerechter wird." Deswegen beschränke man seinen Einsatz auf spielentscheidende Situationen wie die Tore, Elfmeter, Platzverweise und Spielerverwechslungen. Je öfter er diesen Satz wiederholt, desto mantrahafter klingt er.

"Wir werden nicht dieselben Fehler machen, aber andere"

Man wird das Gefühl nicht los, dass der Video-Assistent auch deshalb eingeführt werden soll, um Schiedsrichter zukünftig stärker aus der Schusslinie zu nehmen, wenn es doch einmal zu einer Fehlentscheidung kommt oder eine Entscheidung viel Raum für Interpretation lässt. Das wird sich ohnehin nicht verhindern lassen. Zudem wird nicht alles reibungslos laufen, räumt Krug ein: "Wir werden nicht mehr die Fehler machen, die beim Confed Cup gemacht worden sind, aber andere."

So war es auch bei der eingangs beschriebenen Szene: Felix Zwayer im Spiel zwischen Frankreich und Spanien. Der Grund für Zwayers längeres Zögern war eine Störung in der Kommunikation mit dem Video-Assistenten. Er konnte sich nicht sicher sein, ob dieser ein mögliches Abseits gesehen hatte, das dem Linienrichter eventuell verborgen geblieben war. Erst als der Video-Assistent ihm das Kommando "Anstoß" gab, hatte Zwayer Gewissheit und führte das Spiel weiter.

Der DFB zeigte in der Präsentation Beispielszenen, die in der Zukunft für Diskussionen sorgen können. Sei es, weil ein Schiedsrichter darauf wartet, dass die Videoregie über ein Abseits entscheidet, das Spiel währenddessen aber weiterläuft und auf der anderen Seite ein Tor erzielt wird. Oder weil Fehlentscheidungen wie falsche Einwürfe oder ungerechtfertigte Gelbe Karten als Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters gewertet und nicht weiter überprüft werden. Über solche Situationen könnten sich Fans sehr aufregen. Sie bergen das größte Risiko, dass sich Spieler ungerecht behandelt fühlen – auch wenn der Video-Assistent die Mehrzahl der krassen Fehlentscheidungen aus der Vergangenheit nicht mehr geschehen lässt.

Ob der Video-Assistent nun vor allem Vorteile bringt oder den Fußball zu sehr verändert? Fakt ist, das Spiel hat seinen Charakter über die Jahre hinweg immer wieder geändert. Das muss nicht schlimm sein, denn Neuerungen können durchaus etwas Gutes bedeuten. Ob mit der Einführung eines Video-Assistenten aber der große Wurf gelungen ist, das Fußballspiel in seiner Gänze "fairer und gerechter" zu gestalten, bleibt fraglich. Komplizierter wird es auf jeden Fall.