Den ersten Torschrei gab es schon vor dem Anpfiff. Wladimir Putin erschien und die russischen Zuschauer jubelten. Er redete von Fair Play, Versöhnung, von einem "offenen Russland". Der Confed-Cup werde ein "Triumph des Sports". Man sah den Präsidenten auf der Leinwand, aber nicht im Stadion. Die Leute reckten ihre Hälse nach ihm, drehten sich in alle Richtungen um. War er nur per Video zugeschaltet, wie der Föderationsrat der Sternenflotte im Raumschiff Enterprise?

Nein, er war natürlich da, der Hausherr dieses Turniers. Man hatte seinen Hubschrauber schon gesehen, mit dem er vor dem Stadion am Ufer der Newa gelandet war. Seine Anwesenheit konnte man auch an den langen Schlangen beim Einlass erahnen, die sich wegen der langwierigen Sicherheitschecks bildeten. Und dann sprach Putin minutenlang, und zwar während die beiden Mannschaften in Reih und Glied schon auf dem Rasen standen. Zum Appell, bitte!

Eine solche Szene hatte man nicht mehr gesehen, seitdem das Kolosseum in Rom als Sportarena an Bedeutung eingebüßt hat. Damit hat Russlands Präsident zu Beginn des Confederations Cup, der kleinen WM-Generalprobe, gleich mal klargemacht, wo oben und wo unten ist. Er steht zwar nicht jederzeit im Mittelpunkt, das tun dann doch die Fußballer. Aber nur vordergründig, der wichtigste Mann ist er. Putin hat die Fußballwelt eingeladen, nun lässt er sie antreten.

Der Abend wurde zu einer russischen Feier. Das Team des Gastgebers ließ zum Auftakt den Neuseeländern keine Chance und gewann 2:0. Die Fans waren sehr begeisterungsfreudig, vielleicht von Putins warmen Worten befeuert. Bei ihrer gleichsam schönen wie einschüchternden Hymne betonten sie die Konsonanten diesmal besonders: "Rossija swjaschtschennaja". Sogar Fifa-Präsident Gianni Infantino, der Putin als Redner folgte und mit ein paar russischen Sätzen charmierte, erwarb sich die Gunst der Zuschauer. Applaus für den Fifa-Präsidenten – das war ja schon fast eine Eilmeldung wert.

Die russischen Fans singen keine Lieder

Es war laut und stimmungsreich, obwohl Russland anfangs immer wieder knapp scheiterte: Pfostentreffer, auf der Torlinie erst gestoppt, Abseitstor, Elfmeter unterschlagen. Die Leute wedelten ihre weiß-blau-roten Fahnen, die auf ihren Plätzen deponiert waren, und begleiteten jede Szene feurig. Die Fußballwelt konnte die feinen fankulturellen Unterschiede feststellen: La Ola, die Stadionwelle, lieben auch die Anhänger der russischen Elf, aber gegen den Uhrzeigersinn. Und sie singen keine Lieder. Wer die Depeche-Mode-Versuche der Sankt Petersburger Jugend in ihren Karaokebars erlebt hat, hält das für eine weise Entscheidung.

Zu einer russischen Feier wurde es auch deswegen, weil kaum ein anderer da war. Aus Neuseeland dürften kaum hundert diese Weltreise angetreten haben. Ein paar Mexikaner liefen noch herum, Unterstützung erhielt der große Bruder ausweislich eines bekannten Fanbanners auch aus Halle/Saale–Altenburg. 50.200 waren gekommen, gemäß der offiziellen, wohl leicht getrumpten Zählung, in dieses in jeder Hinsicht teure, aber auch schöne Stadion. Also nicht ausverkauft, aber es kommen ja noch Spiele.

Wie konnten die Neuseeländer nur Ozeanienmeister werden?

Ihr Stolz schwoll zum Höhepunkt bei den zwei Toren. Das 1:0 war noch ein krummes Eigentor. Doch das 2:0 durch Fjodor Smolow war ein Spielzug, bei dem die Russen ihre technische Überlegenheit über den Gegner bewiesen. Der Stürmer aus Krasnodar wurde zu Recht zum Man of the Match gekürt. Die Zuschauer schrien nach einem weiteren Tor, bis zur letzten Sekunde schallte es "Rossija, Rossija", natürlich auch in den Straßen dieser unverschämt herrlichen Stadt. Die machten die Nacht zum Tag. Wobei das in dieser Jahreszeit in Sankt Petersburg, rein meteorologisch, kein großes Kunststück ist.

Russland hat seine Mannschaft nach dem EM-Aus im Vorjahr erneuert. Nach dem 0:3 gegen Wales hatte Putin den Daumen gesenkt. Der Trainer Stanislaw Tschertschessow beruft keine Auslandsprofis mehr, nun sind auch jüngere Spieler dran. Eine Ausnahme ist der Außenverteidiger Juri Schirkow. Der ehemalige Chelsea-Profi, der bei der EM 2008 die Fachwelt begeisterte, wird bald 34. Er hat ein bisschen Tempo verloren, aber noch immer viel Gefühl in seinem linken Fuß. Neuseelands Trainer Anthony Hudson zählte die Russen nach dem Spiel zu den Favoriten.

Wobei man bei der Einordnung des russischen Siegs auch den Gegner und seine rugbyesken Schuss- und Freistoßversuche erwähnen sollte. Auch dass die Mittelfeldspieler der Neuseeländer manchmal nervös wie Kiwis rumliefen, ihre zotteligen Nationalsymbole, manchmal wiederum zu lässig den Ball hergaben. Auch ihr Abwehrsystem hatte manchen Ausfall, als ob sich russische Hacker daran vergangen hätten.

Zweifel, wer gewinnt, gab's nie

Insgesamt fragte sich mancher Experte, wie die Neuseeländer Ozeanienmeister werden konnten. Sie schlugen Fidschi, auch Papua-Neuguinea und Neukaledonien waren ihnen bei ihrem Kontinentalturnier vor zwei Jahren nicht gewachsen, und Vanuatu, man muss es so wirklich sagen, vernichteten sie. 5:0.

Gegen Russland kam Neuseeland nur zu einer Torchance, da stand es aber schon 2:0. Zweifel, wer das Spiel gewinnen sollte, gab es nie. Russland ist bereit für größere Aufgaben, die Gruppengegner Mexiko und Portugal. Russland ist bereit, zu schwärmen. Und wieder mal gehen Bilder Putins um die Welt. Doch sie sind anders als sonst. Sie zeigen einen jubelnden Fußballfan.